siebenunddreißig

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Je näher der Montag kommt, desto mulmiger wird mir zumute. Ich habe entschieden, mit der Schulleitung zu sprechen. Falls es nicht klappt, habe ich nichts verloren. Doch Mum hat mich davon überzeugt, dass die Chancen, dass sie von der Schule verwiesen werden, relativ gut stehen. Doch nicht nur das Gespräch mit der Schulleitung macht mir Angst, sondern auch das Therapiegespräch, was ansteht. Als Mum mir davon erzählt hat, klang es vernünftig und richtig. Es wird sicher helfen und gesund sein, über alles zu reden... Trotzdem überwiegt die Angst davor, das im Kopf noch einmal durchleben zu müssen.

Am Montagmorgen stehe ich zum ersten Mal wieder früh auf und mache mich fertig, als wäre es ein normaler Schultag. Es fühlt sich merkwürdig an. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich die Schule vermisse. Ich vermisse Zoe und die Jungs. Ich vermisse es, unter Leuten zu sein. Doch so lange die Typen, die mir all das angetan haben, weiterhin auf diese Schule gehen, kann ich nicht dorthin gehen und im Unterricht sitzen, als wenn nichts wäre.

Vor dem Frühstück, als ich in meinem Zimmer meine Haare kämme, klopft es schließlich an der Tür. Luke betritt den Raum.

Ich lächele zaghaft. "Du klopfst?" 

Er grinst. "Ich habe dazu gelernt. Ich weiß ja, dass dir das wichtig ist."

Einen Moment lang verspüre ich den Drang, einfach zu ihm zu gehen, mich an ihn zu lehnen und mich ganz fest von ihm umarmen zu lassen. Dann fühle ich mich wieder wie gebremst von den Bildern in meinem Kopf. Ich schlucke und wende mich wieder dem Spiegelbild zu, um meine Haare zu machen.

"Ich wollte nur noch einmal mit dir alleine reden, bevor wir gleich zu dem Gespräch gehen.", sagt Luke.

Ich nicke, sehe ihn aber nicht an, sondern schaue weiterhin konzentriert in den Spiegel. "Okay, gut." Ich versuche, meine Stimme unbeschwert klingen zu lassen, doch bin mir nicht sicher, ob mir das gelingt. "Schieß los."

Luke setzt zum Sprechen an, bricht dann aber seufzend wieder ab. Er geht auf mich zu und nimmt mir langsam die Haarbürste aus der Hand. Als unsere Finger sich berühren, halte ich kurz den Atem an. Ich vermisse es so sehr, ihm nahe zu sein. Gleichzeitig sträubt sich so vieles in mir dagegen.

"Schau mich an, Bella.", sagt er leise. Ich kann seinen Atem in meinem Nacken spüre. Langsam drehe ich mich zu ihm um.

"Besser." Luke lächelt. "Wir schaffen das heute, okay? Du schaffst das."

Ich hebe die Schultern. "Ich hoffe es. Ich... hab Angst."

"Deshalb bin ich hier.", sagt Luke. Er hebt eine Hand und legt sie sanft an meine Wange. Streicht vorsichtig über meinen Wangenknochen, meinen Hals. Ich schließe die Augen. Die Panik ist weg. Ich fühle mich ruhiger.

"Wir bekommen das hin.", sagt er eindringlich. "Ich bin da. Und glaub mir, auch wenn es schwer ist... Heute Abend wird es dir viel besser gehen."

Ich nicke und öffne meine Augen wieder. Schaue direkt in seine dunkelgrünen Augen und verliere mich für einen Moment in ihnen. Vergesse kurz alles und fühle mich leicht. "Danke, Luke." 

***

"Worum geht es denn?", fragt der Schuldirektor Mr. Watson freundlich, als Mum, Luke und ich in seinen Büro Platz genommen haben. Ich zögere und schaue Mum bittend an. Meine Hände sind schwitzig. Mum nickt leicht und wendet sich dann dem Direktor zu.

"Meine Tochter hatte ein... ungutes Erlebnis mit einigen Schülern.", fängt sie an.

Mr. Watson legt den Kopf schief und rückt seine Brille zurecht. Er hat sich in seinem Stuhl zurück gelehnt und die Hände im Schoß gefaltet. "Okay. Was genau ist passiert?"

Als ich nicht antworte, springt meine Mutter wieder für mich ein. "Vier Jungs sind sexuell übergriffig geworden. Schon an ihrem ersten Schultag kam es zu so einer Situation. Vor zwei Wochen kam Isabella nach einer Party ins Krankenhaus. Ihr wurden K.O.-Tropfen in hoher Dosis verabreicht und sie wurde brutal angefasst. Sie hat Glück gehabt, dass Luke und seine Freunde sie rechtzeitig gefunden haben."

Dem Schulleiter hat es offenbar die Sprache verschlagen. Eine Weile ist es still im Raum. Mein Blick ist nach unten auf meine Hände gerichtet, doch schließlich schaue ich ihn an. "Isabella... Das ist vermutlich der Grund für deine Krankschreibung, oder?"

Ich nicke nur.

"Wer sind diese Schüler?", fragt er.

"Louis Wiley, Josh Miller, Noah Black, Matt Clark.", zähle ich monoton ihre Namen auf.

Mr. Watson nickt langsam und schreibt sich etwas auf. "Ja... Es kam schon einmal eine Meldung von einer anderen Schülerin.... Aber nicht wegen so einem Fall."

Ich kann förmlich spüren, wie in Luke neben mir die Wut brodelt, doch er hält sie gut zurück. 

"Was passiert jetzt?", frage ich.

"Nun... Für eine vorläufige Suspendierung wird diese bloße Anschuldigung reichen. Das muss ich zwar zunächst besprechen, aber ich werde mich so früh wie möglich melden."

"Und dauerhaft?", frage ich. "Ich kann nicht auf diese Schule gehen, wenn die hier sind."

 Mr. Watson nickt. "Ja, das verstehe ich. Für einen dauerhaften Schulverweis brauche ich einige weitere Informationen. Von Leuten, die das gesehen haben und wenn möglich von dem Krankenhaus. Natürlich nichts Privates. Es reicht, wenn wir eine Art Bestätigung bekommen, dass es so stimmt, wie Sie das geschildert haben."

Mum nickt. "Ja. Das können wir auf jeden Fall beschaffen."

"Ich kann gerne aussagen, wenn Sie das möchten.", sagt Luke. "Ich hab das gesehen."

Mr. Watson nickt. "Sehr gut. Isabella, es tut mir wahnsinnig Leid, dass das passiert ist und du mit solchen Erfahrungen an dieser Schule starten musstest."

Ich nicke nur. Schon okay zu sagen, würde nicht der Wahrheit entsprechen. Alles andere kommt mir auch unpassend vor.

"Ich werde mein Bestes tun, um die Situation so gut wie möglich zu regeln und mich so schnell wie möglich melden, wie es weiter geht."

"Vielen Dank.", sage ich leise. Damit ist das Gespräch beendet und wir verabschieden uns. Draußen angekommen, atme ich die frische Luft ein, als hätte ich sie die ganze Zeit angehalten. Ich spüre, wie meine Knie leicht zittern. Doch vor allem fühle ich mich erleichtert. Es wird wieder gut. Es kann wieder gut werden. 

let me be your babyGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt