Katrina hatte die Augen noch immer geschlossen und gab sich ganz den Empfindungen hin, welche der von purer Leidenschaft geprägter Auftritt mit Erik in ihr entfacht hatte. Sie erzitterte vor Sehnsucht in seinen Armen und hatte alles um sich herum vollkommen vergessen, zu gebannt von seiner betörenden Stimme und seiner atemberaubenden Nähe.
Es gab nur noch ihn. Sein heißer Atem streifte ihre Wange und seine Hände fuhren liebkosend über ihre Haut, während sein Körper sich eng an den ihren presste und ihr schier den Verstand zu rauben schien.
Gott, sie verzehrte sich so sehr nach ihm. Es war herrlich ihn endlich wieder zu spüren und von ihm auf derart sinnliche Art und Weise berührt zu werden. Wie sehr hatte sie ihn in den letzten Tagen vermisst!
Als sie ihn vorhin in seinem Don Juan Kostüm erblickt hatte, war sie hingerissen gewesen, denn er sah so gut, so verwegen aus, dass sie den Blick nicht von ihm hatte wenden können. Und ihm schien es mit ihr nicht viel anders zu ergehen, was ihr Herz vor Glück förmlich Purzelbäume schlagen ließ.
Dass er so auf sie eingegangen und derart sinnlich mit ihr aufgetreten war, ließ nur einen Schluss zu. Sie hatte ihn wieder. Er hatte seinen Zorn überwunden und war bereit ihr zu vergeben.
Ihr Herz zog sich vor bitter süßer Freude zusammen bei dieser Erkenntnis und sie wusste genau, was sie tun musste, um den Zauber des Augenblicks zu erhalten und erneute Zweifel bei Erik gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen.
Langsam drehte sie sich in seinen Armen um, bis sie ihm in die Augen sehen konnte. In den grünen Tiefen las sie das gleiche lodernde Verlangen, das auch durch ihre Adern strömte. Sein Blick brannte sich tief in ihre Seele und offenbarte nicht nur sein mühsam gezügeltes Begehren für sie, sondern zeugte auch von verzweifelter Hoffnung und einem Hauch von Furcht.
Er war sich ihrer unsicher, hatte Angst, dass er sie nicht verdiente und fürchtete ihre Zurückweisung, nach allem, was geschehen war. Zu Unrecht, denn sie dachte nicht im Traum daran, diesen wundervollen Mann von sich zu stoßen, jetzt, wo er endlich eingesehen hatte, dass sie beide einfach zusammen gehörten.
Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Katrinas Lippen, ehe sie leise zu singen begann. Und die Worte, die sie sang, kamen aus der Tiefe ihres Herzens:
[style]Say you'll share with me one love, one lifetime
lead me, save me from my solitude
say you'll want me with you here beside you
Anywhere you go, let me go too
Love me, that's all I asked of you...[/style]
Eriks Augen weiteten sich ungläubig und er starrte sie wie in Trance an, offenbar nicht in der Lage zu begreifen, was sie damit zum Ausdruck bringen wollte.
Zärtlich umfasste sie mit ihren Händen sein maskiertes Gesicht und zog es zu sich herunter, um ihn zu küssen und ihre Worte zu bekräftigen. Er stöhnte leise, als ihre Lippen sich trafen und zog sie näher an sich heran. Seine Hände vergruben sich in ihrem offenen Haar und er begegnete ihrem zärtlichen Kuss voller Leidenschaft.
Eine ganze Weile standen sie so da, alles um sich herum vergessend, völlig versunken in ihren Kuss. Dann löste Erik sich langsam von ihr, ergriff ihre Hände und blickte sie mit einem solchen Ausdruck von Zärtlichkeit an, dass es ihr die Kehle zu schnürte. Sie glaubte ihr Herz müsste überquellen vor Glück, als er mit seiner Stimme, dieser unglaublichen, bezwingenden Stimme, auf ihre Worte zu antworten begann:
[style]Hear, I'll share with you one love, one lifetime
I will save you from your solitude
Hear, I'll want you with me here beside me
Anywhere I go, you will go too
Katrina, I always will love... [/style]
„Sofort aufhören!“ unterbrach plötzlich eine rüde Stimme den romantischen Augenblick.
Katrinas Augen blitzten unheilvoll, als sie sich umdrehte und sich dem Vicomte de Chagny gegenüber sah, der nur wenige Schritte hinter ihnen auf der Brücke stand, eine ängstlich drein blickende Christine an seiner Seite. Wie konnte dieser eingebildete Kerl es wagen ihr diesen wundervollen Moment zu zerstören? Wütend starrte sie ihn an.
„Ihr Spiel ist aus, Monsieur Le Fantôme! Besser Sie ergeben sich und büßen für all das, was Sie getan haben. Sie können nicht entkommen, wir haben das gesamte Opernhaus umstellen lassen. Widerstand ist demnach zwecklos. Ergeben Sie sich!“ Der Vicomte fixierte Erik mit triumphierenden Blick, den dieser kühl und voller Herablassung erwiderte, nicht im Mindesten beeindruckt von den Worten des Adeligen.
Ruhig stand er da und zog Katrina einfach nur enger an sich, während sie diesem unsagbar arroganten Schnösel am liebsten an die Gurgel gegangen wäre für seine Unverfrorenheit.
Ein gefährliches Lächeln umspielte Eriks Mundwinkel, als er nun das Wort an den Mann richtete, der das Herz seiner einstigen Schülerin gewonnen hatte. „Monsieur Le Vicomte, ich glaube Sie unterschätzen mich erneut. Denn ich bin Ihnen auch dieses Mal einen Schritt voraus. Ich halte mir stets einen Fluchtweg offen, vergessen Sie das nicht.“
Kaum hatte er seinen letzten Satz zu Ende gesprochen, packte er Katrina noch fester und trat mit dem Stiefel gegen einen Hebel am Rand der Brücke, woraufhin sich direkt unter ihren Füßen eine Falltür öffnete und sie in die Tiefe stürzten. Ungebremst sausten sie hinab und verschwanden unter den entsetzten Schreien und Rufen der Zuschauer unterhalb der Bühne.
Katrina hatte gewusst, dass das passieren würde und doch war es ein Schock, als der Boden unter ihren Füßen plötzlich nachgab und sie in rasendem Tempo gemeinsam mit Erik nach unten fiel. Erschrocken klammerte sie sich fester an ihn und barg ihr Gesicht an seiner Brust.
Sekunden später landeten sie weich und unversehrt in einem riesigen Berg von Kissen. Staub wirbelte auf und tanzte um sie herum. Katrina rang nach Luft und musste prompt niesen. Erik schien sich weitaus schneller von dem Sturz erholt zu haben, denn er ergriff ihre Hand und zog sie hoch. „Komm, wir müssen hier weg, ehe man uns folgt.“
Sie nickte und ließ sich widerstandslos immer tiefer hinab in die Katakomben der Oper führen. Er hatte eine der Fackeln aus den Halterungen an der Wand genommen und erhellte damit den Weg, den sie schnellen Schrittes entlang schritten.
„Glaubst du, dass man uns suchen wird?“ fragte Katrina, nachdem sie eine Weile hinter ihm her geeilt war.
Er warf ihr einen kurzen rätselhaften Blick zu, ehe er wieder nach vorne sah. „Ich traue dem Vicomte alles zu. Er lechzt geradezu danach mich zur Strecke zu bringen. Wir sollten besser davon ausgehen, dass er uns findet und uns entsprechend vorbereiten.“
Katrina fröstelte jäh. So hatte sie sich das ganze keineswegs vorgestellt, als sie ihren Plan ersonnen hatte. Erik wirkte auf einmal so beherrscht, kühl und überaus gefährlich. Keine Spur mehr von dem leidenschaftlichen und sinnlichen Mann, der mit ihr diesen großartigen Auftritt absolviert hatte, und sich nach ihr und ihrer Nähe verzehrte.
Ihre Erleichterung darüber, dass er den Kronleuchter nicht zum Fallen gebracht hatte, schwand immer mehr und wurde verdrängt von der bangen Sorge, was wohl geschehen würde, wenn der Vicomte de Chagny ihnen tatsächlich gefolgt war.
Warum konnte dieser Schönling sie nicht einfach in Ruhe lassen? Er hatte doch was er wollte, nämlich seine Christine, wieso konnte er das Ganze also nicht auf sich beruhen lassen?
Sie konnte nur hoffen, dass Nadir mit seinem Teil des Plans Erfolg hatte.
tbc
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No backward glances
FanfictionEin Mann, gezeichnet von einem grausamen Schicksal, gefangen in unendlicher Einsamkeit. Eine Frau, die alles zu tun bereit ist, um ihn aus diesem Elend zu befreien und ihm den Weg ins Licht zu weisen. Göttliche Einmischung, die alles durcheinander w...
