17. Sweet intoxication

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Erik blickte auf die schlafende Christine hinab, die vor wenigen Minuten ohnmächtig geworden und direkt aus dieser Bewusstlosigkeit in einen tiefen Schlummer gesunken war. Seinen Lippen entrang sich ein schwerer Seufzer. Er hatte sich das alles wahrlich anders vorgestellt.

Wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte Christine alle mit ihrem zauberhaften Gesang schwer beeindruckt und eine einmalige Vorstellung abgeliefert. Sie war schlichtweg perfekt gewesen und hatte sich mit ihrer Darbietung selbst übertroffen.

Wie sehr hatte er es genossen, zu sehen, wie sie sich im Glanz ihres Erfolges sonnte. Einzig und allein das Auftauchen dieses Schönlings, des Vicomte de Chagny, trübte seine Euphorie. Nach dessen Verschwinden hatte er vorsorglich die Tür zu Christines Garderobe abgeschlossen und den Schlüssel an sich genommen, um weitere unliebsame Störungen von dieser Seite ausschließen zu können.

Dann war die große Stunde gekommen, in der er sich zum ersten Mal seiner Schülerin zeigte. Wie sehr hatte er diesem Moment entgegen gefiebert!

Zunächst schien alles genauso zu verlaufen, wie er es sich hunderte von Malen ausgemalt hatte. Fasziniert von seinem Gesang und seiner Erscheinung folgte Christine ihm durch den Spiegel, beinahe schon willenlos, in sein Reich der Dunkelheit. Er hatte gewusst, dass seine Stimme diese Macht über sie haben würde, doch obgleich ihre Faszination unverkennbar war, blieb die Furcht vor ihm, ein Umstand, der seinem Glücksgefühl einen empfindlichen Dämpfer verpasste.

Er konnte nicht verstehen, warum sie ihn immer noch fürchtete. Sah sie denn nicht wie sehr er sie brauchte, wie sehr er sich nach ihr verzehrte? Niemals würde er ihr etwas zuleide tun, das musste sie doch wissen.

Christine sah in ihrem weißen mit Spitzen verzierten Nachtgewand wie ein Engel aus, so unschuldig und rein. Er bot al seine Verführungskünste auf und legte all die Sehnsucht, welche er empfand, in seinen Gesang, als er für sie „Die Musik der Nacht" anstimmte, eine Komposition, die er eigens für sie geschrieben hatte.

Erneut schien sie wie verzaubert von seiner Musik und ließ zu, dass er sie sacht berührte, doch auch jetzt blieb die Furcht allgegenwärtig. Sie brodelte unterschwellig in ihr, bereit jeden Moment hervor zu brechen. Und das tat sie schließlich auch. Christine wurde vor Schreck ohnmächtig und Erik blieb nichts anderes übrig, als sie in sein Bett zu legen.

Erst jetzt fiel ihm Katrina wieder ein, die er gefesselt auf seinem Bett zurück gelassen hatte. Doch als er durch den Vorhang trat, der seine Schlafkammer vom großen Gewölbe abtrennte, war sie spurlos verschwunden.

Er ließ Christines Körper vorsichtig auf das Bett sinken, ehe er dann grimmig auf die zerschnittenen Bänder starrte. Diese geheimnisvolle Frau hatte ohne jeden Zweifel das Talent sich immer wieder seiner Gewalt zu entziehen. Dieses Mal musste sie jedoch Hilfe gehabt haben, denn allein hätte sie ihre Fesseln nicht durchtrennen können. Und er ahnte bereits, wer ihr geholfen hatte.

Nachdem er die schlummernde Christine noch einen Moment lang sehnsüchtig betrachtet hatte, wandte er sich seufzend ab und begab sich zu seiner Orgel. Er ließ sich auf dem Hocker nieder und blickte stumm vor sich hin brütend auf die Tasten des gewaltigen Instrumentes.

Er hatte auf einmal Zweifel daran ob es eine so kluge Entscheidung gewesen war, Christine mit hier her zu nehmen. Ihre Ohnmacht hatte gezeigt, dass sie seiner Welt nicht vollends gewachsen war. Sie war trotz ihrer Faszination für ihn, scheu und furchtsam, ganz anders als die schwarzhaarige Frau, die einfach aufgetaucht war, und seinem Blick fest und angstfrei begegnete.

Er runzelte verärgert die Stirn, als Katrinas Bild sich wieder in seinen Geist drängte. Was hatte dieses unverschämte Frauenzimmer nur an sich, dass sie derart seine Gedanken beherrschte?

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