9. Haunting the truth

57 5 2
                                        


Erik kam sich geradezu lächerlich vor wie er in seinem Versteck hinter der Orgel hockte und darauf wartete, dass der mysteriöse Schreiber der Briefe sich blicken ließ. Er sah keine andere Möglichkeit um diese impertinente Person endlich zu entlarven, die ihn seit Tagen mit ihren kleinen Botschaften zur Weißglut trieb und stets aus dem Schatten der Dunkelheit heraus agierte. Sie war wie der nebelige Dunst, der morgens über dem See hing, schwer greifbar und flüchtig. Doch wenn er hier ausharrte und auf sie wartete, hatte er die Möglichkeit sie auf frischer Tat zu ertappen und ihrem Treiben ein Ende zu setzen.

Morgen Abend war es endlich so weit, die Stunde von Christines Triumph war gekommen und niemand durfte sich ihm dann in den Weg stellen. Er hatte nicht umsonst alles bis ins kleinste Detail geplant. Deswegen war er nahezu versessen darauf diesen unliebsamen Störfaktor noch vor dem morgigen Tag zu beseitigen.

Nicht dass er beabsichtigte einen Mord zu begehen. Er wollte lediglich sicher stellen, dass ihm keine unerwünschten Überraschungen von dieser Seite aus drohten.

Zudem hatte er genug von dem blanken Hohn, der ihm jedes Mal aus den Botschaften entgegen zu schlagen schien. Er war lange genug zum Narren gehalten worden. Damit musste nun ein für alle Mal Schluss sein!

Erik schnaubte entrüstet, als er an die Nachricht der vergangenen Nacht dachte:


Lost in the darkness

try to find your way back home

I want to embrace you

und never let you go*


K.


Er hatte diese Verse noch klar und deutlich vor Augen, obwohl er den Brief sogleich nach dem Lesen zerrissen hatte.

Wer kam nur darauf ihn derart zu verspotten? Und aus welchem Grund? Es war ihm schleierhaft.

Wer auch immer der Verfasser dieser Zeilen war, er hatte nicht die geringste Ahnung was für ein gefährliches Spiel er da spielte. Niemand verärgerte grundlos das berüchtigte Phantom der Oper und kam ungestraft davon.

Niemand.

Plötzlich meinte er ein Geräusch gehört zu haben. Sofort spannte sich sein gesamter Körper an und er lauschte aufmerksam in die Stille. Waren das nicht Schritte, die sich beinahe lautlos der Orgel näherten?

Darauf bedacht nicht gesehen zu werden spähte er vorsichtig aus seinem Versteck hervor und konnte die Silhouette einer ganz in Schwarz gewandeten Gestalt ausmachen, deren Gesicht tief im Schatten einer Kapuze verborgen lag. Täuschte er sich oder handelte es sich tatsächlich bei dem geheimnisvollen Überbringer der Botschaften um eine Frau?

Eriks Miene wurde grimmig. Das würde er gleich herausfinden. Und ganz gleich ob männlich oder weiblich diese Person würde ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.

Gerade als die verhüllte Gestalt einen weiteren schlichten Umschlag ablegen wollte, sprang er aus seinem Versteck hervor und griff nach ihr. Dem entsetzten Schrei nach zu urteilen, handelte es sich ohne jeden Zweifel um eine Frau.

Das törichte Ding versuchte sich prompt aus seinem eisernen Griff zu befreien und bei dem daraus entstehenden Handgemenge, rutschte ihr die Kapuze vom Kopf. Augenblicklich verharrten sie beide inmitten der Bewegung und starrten sich an.

Überrascht musterte Erik ihre langen schwarzen Haare, die ihr Gesicht in sanften Wellen umrahmten und einen herrlichen Kontrast zu der zarten Blässe ihrer Haut bildeten. Ihre Gesichtszüge mochten vielleicht nicht denen einer klassischen Schönheit entsprechen, doch sie war recht hübsch anzusehen und hatte etwas, dass ihn sogleich fesselte. Vielleicht lag es an ihren blau-grauen Augen, die ihn, nachdem der erste Schrecken verflogen war, beinahe schon furchtlos mit einem gewissen Maß an Neugier und Faszination betrachteten.

No backward glancesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt