Katrinas Puls flatterte vor Aufregung, als sie die Hofeinfahrt entlang schritt vorbei an fein säuberlich gestutzten Büschen und Blumenrabatten. Vor ihr ragte die elegante Villa in ihrer ganzen Pracht auf. Sie wirkte einschüchternd und erhaben, selbst für diese eher wohlhabende Gegend Hamburgs stellte sie etwas Besonderes dar und Katrina hatte schon immer wissen wollen wie es in ihrem Inneren aussah. Nun war sie kurz davor es zu erfahren, wenn ihr Retter sie denn einlassen würde.
Vor der Treppe, die hoch zum von zwei mächtigen Säulen getragenen Eingangsbereich führte, blieb sie stehen. Jähe Furcht lähmte ihre Glieder und ließ sie an Ort und Stelle verharren.
Was wenn sie sich irrte? Wenn der Mann, der hier eingezogen war und ihr das Leben gerettet hatte jemand völlig Fremdes war? Würde sie mit der daraus resultierenden Enttäuschung zurecht kommen? Dies war ihre einzige Chance darauf doch noch glücklich zu werden. Denn wenn sie sich getäuscht hatte und der Mann überhaupt nicht Erik war, dann würde sie ihr restliches Leben nur noch ein Schatten ihrer selbst sein, allein und voller Kummer. Ohne den wichtigsten Teil ihres Herzens, den Teil, den Erik an sich genommen hatte, würde sie nur noch existieren, aber nicht wirklich leben. Sie brauchte ihn. So sehr, dass es fast körperlich schmerzte.
Sie biss sich auf die Unterlippe und drehte nervös an dem silbernen Ring herum, unschlüssig den letzten Schritt zu wagen. Doch wenn sie es nicht tat, würde sie sich immer mit der Frage quälen was gewesen wäre wenn sie ihre Furcht überwunden hätte. Also fasste sie sich, strich ihre schlichte weiße Bluse glatt und erklomm die wenigen Stufen, um dann den Klingelknopf zu drücken. Besser sie verschaffte sich endgültig Klarheit, als ein Leben lang in Unwissenheit zu leben.
Die Klingel spielte eine liebliche Melodie, ehe sie nach einigen Sekunden verstummte. Atemlos stand Katrina vor der Tür und wartete. Gebannt lauschte sie auf das Geräusch näher kommender Schritte, doch sie hörte nichts weiter als das Zwitschern der Vögel, die in der großen Buche vor dem Haus saßen und ein munteres Liedchen trällerten.
Ihre Hoffnung sank. Hastig klingelte sie noch einmal, doch wieder geschah nichts. Die Villa lag ruhig und verlassen da. Offenbar war niemand daheim.
Sie seufzte enttäuscht. Hatte sie sich nun ganz umsonst gesorgt? Mutlos ließ sie den Kopf hängen. Sie musste einfach herausfinden wer nun der neue Besitzer der Villa war, sie brauchte dringend Gewissheit über seine Identität. Diese Unwissenheit zerrte an ihren Nerven und machte sie noch ganz verrückt.
Aus einem Impuls heraus, drückte sie die Klinke der Haustür herunter. Sie staunte nicht schlecht, als diese nachgab und die Tür aufschwang. Damit, dass offen war, hatte sie nicht gerechnet. Wer ließ denn auch schon seine Tür unverschlossen, wenn er nicht zu Hause war?
Aber vielleicht war ja doch jemand daheim. Vielleicht hatte man ihr Klingeln einfach nur nicht gehört.
Mit wild klopfendem Herzen stand sie da und überlegte, was sie nun tun sollte. Einfach wieder gehen? Oder die Gelegenheit nutzen und auf eigene Faust herausfinden, wer der Bewohner dieser Villa war?
Zögernd warf sie einen Blick ins Innere des Hauses. Sollte sie es wagen und hinein gehen? Es war nicht richtig, dass wusste sie nur zu gut, aber die Neugier und die verzweifelte Hoffnung trieben sie letztendlich dazu den Flur zu betreten und die Tür hinter sich wieder leise ins Schloss zu ziehen.
Sie atmete einmal tief durch, ehe sie sich im geräumigen Flur umsah. Überall stapelten sich Umzugkartons, die darauf hindeuteten, dass das Haus erst seit wenigen Tagen wieder bewohnt und der Hausherr mit dem Auspacken noch nicht fertig war. Eine breite elegante Treppe führte in das oberste Stockwerk und edle Möbel von zeitloser Eleganz standen zwischen all den Kartons an ihrem Platz.
Katrina trat zögerlich ein paar Schritte in den Raum. „Hallo?“ rief sie mutig. „Ist jemand zu Hause?“
Niemand antwortete. Die Villa lag ruhig und verlassen da und doch jagte ein Schauer über Katrinas Rücken. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie nicht allein war. Sie konnte eine Präsenz fühlen, eine mächtige Aura, die in der Luft schwebte und sie zu sich zu locken schien.
Sie fröstelte und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Ihr Herz hämmerte vor Nervosität wie wild in ihrem Brustkorb.
Jemand war im Haus. Das spürte sie. Doch offenbar war dieser Jemand nicht gewillt ihr zu antworten oder sich zu zeigen. Also würde sie ihn suchen gehen.
Entschlossen setzte sie sich in Bewegung und betrat den ersten Raum auf der rechten Seite. Es handelte sich um das Esszimmer und beeindruckt musterte sie den aus dunklem Holz gefertigten großen Tisch mit den dazu passenden rot gepolsterten Stühlen, welcher das Herzstück des Raumes bildete. Durch eines der beiden Flügelfenster, die viel Tageslicht hinein ließen, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf den Garten, der eben so einen gepflegten Eindruck machte wie der Rest des Anwesens.
Am Ende des Zimmers stand eine Tür offen und sie begann darauf zu zugehen. Als plötzlich aus eben jenem Raum Musik erklang, blieb sie wie angewurzelt stehen, die Augen weit aufgerissen. Jemand hatte auf einem Flügel zu spielen begonnen.
Sie begann zu schwanken und musste sich an eine nahestehende Kommode klammern, um nicht den Halt unter den Füßen zu verlieren. Dieses Klavierspiel! So gefühlvoll und präzise, voller Emotionen und Leidenschaft. Es weckte bitter-süße Erinnerungen und erfüllte ihr Herz mit Freude und Furcht zugleich. Denn es gab nur einen Menschen, den sie je so hatte spielen hören.
Erik.
Sie zitterte am ganzen Körper, als sie nun wie in Trance in das nächste Zimmer schritt, der Quelle der wundervollen Musik folgend. Wie die Motte vom Licht wurde ihr Blick augenblicklich von dem Mann angezogen, der völlig in seinem Spiel versunken am Flügel saß, welcher vor einer großen Fensterfront mit herrlichem Ausblick auf den Garten stand. Da er ihr den Rücken zugewandt hatte, konnte sie sein Gesicht nicht sehen, doch das brauchte sie auch nicht, um ihn zu erkennen. Ihr Herz hatte ihn längst erkannt.
Katrinas Lippen bebten unkontrolliert und ihre Augen schwammen in Tränen, als sein Name einem Flüstern gleich ihren Mund verließ: „Erik...“
Obwohl sie nur so leise gesprochen hatte, kaum hörbar, verstummte sein Klavierspiel sofort und er drehte sich langsam zu ihr um. Als sie die vertraute weiße Halbmaske aus Porzellan erblickte, verblasste auch der letzte Zweifel, den sie insgeheim noch gehegt haben mochte. Nun war ein Irrtum ausgeschlossen und ihr Verstand nahm endlich hin, was ihr Herz gleich gewusst hatte. Bei dem Mann, der sie aus dem Feuer gerettet hatte, handelte es sich tatsächlich um den Mann, den sie über alles liebte. Um ihren Erik.
Die Zeit schien still zu stehen, als sich ihre Blicke trafen. Die brennende Sehnsucht, die in seinen grünen Augen geschrieben stand, raubte ihr schlichtweg den Atem und ließ ihr Herz noch schneller schlagen als ohnehin schon. Er sah genauso aus wie in jenem Moment, als sie gezwungen gewesen war ihn zu verlassen. Genauso imposant und attraktiv.
Zitternd streckte sie eine Hand in seine Richtung aus. Tränen liefen ihre Wangen hinab, ohne dass sie es überhaupt merkte, und hinterließen silbrig glänzende Spuren. Alles in ihr drängte danach ihn zu berühren, seinen Duft einzuatmen, mit eigenen Händen zu erforschen, dass er tatsächlich real war und vor ihr stand. Sie wollte ihm einfach nur nahe sein.
Ihm schien es ähnlich zu ergehen, denn er begann sich ihr zu nähern seine Miene spiegelte nur allzu deutlich wider wie aufgewühlt er innerlich war.
Katrina machte einen Schritt in seine Richtung, doch dann begann sich alles um sie herum zu drehen und sie hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Aufregung und der Umstand, dass sie sich noch nicht vollends wieder bei Kräften war, forderten ihren Tribut und sie drohte das Bewusstsein zu verlieren.
Besinnungslos sank sie schließlich zu Boden. Das letzte, was sie vernahm, ehe ihr die Sinne endgültig schwanden, war Eriks besorgter Ausruf.
Dann versank alles in samtener Schwärze.
tbc
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No backward glances
FanfictionEin Mann, gezeichnet von einem grausamen Schicksal, gefangen in unendlicher Einsamkeit. Eine Frau, die alles zu tun bereit ist, um ihn aus diesem Elend zu befreien und ihm den Weg ins Licht zu weisen. Göttliche Einmischung, die alles durcheinander w...
