4. We all fall down

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Katrinas Verstand arbeitete fieberhaft, während sie sich nach einer Fluchtmöglichkeit umsah. Unruhig schweifte ihr Blick hin und her, die unaufhaltsam näher kommenden Schritte klangen unheilvoll in ihren Ohren.

Mist! Er war fast da. Zu spät um noch unbemerkt zu verschwinden. Dann blieb nur eines: sie musste sich verstecken.

Er durfte sie hier nicht finden.

Nicht jetzt.

Nicht so.

Ihre erste Begegnung mit ihm als Mensch sollte etwas ganz Besonderes sein.

Außerdem hatte sie nicht den blassesten Schimmer wie sie ihm ihre Anwesenheit in seinem Schlafgemach erklären sollte.

Aus Furcht genau das im nächsten Moment tun zu müssen, wenn sie hier stehen blieb, handelte Katrina einfach ohne weiter nachzudenken. Leichtfüßig huschte sie zum großen Doppelbett und kroch so schnell und leise sie es vermochte darunter.

Mit heftig klopfendem Herzen lag sie flach auf dem Bauch, das Gesicht seitlich auf den Boden gepresst und betete inbrünstig, dass er sie nicht bemerken würde. Der schwere Stoff des Umhangs hatte sich um ihre Beine gewickelt und ihre wirren Locken hingen ihr halb über den Augen und kitzelten ihre Wange. Doch sie wagte nicht sich auch nur geringfügig zu bewegen, aus Angst sich zu verraten.

Als sie schließlich hörte wie jemand den Raum betrat, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Von ihrer entwürdigenden Position aus beobachtete sie nervös wie zwei elegante Schuhe sich dem Bett näherten und dann direkt davor stehen blieben.

„Diese kleine Ausreißerin", hörte sie ihn mit seiner samtweichen Stimme murmeln, die sie unweigerlich an dunkle Schokolade erinnerte.

Klangvoll, verführerisch, sinnlich.

Eine wohlige Gänsehaut lief über ihre Haut und sie schloss die Augen. Er war ihr so nahe. Sie müsste nur die Hand ausstrecken, dann könnte sie ihn berühren. Ihr Herz klopfte wie wild. Der Drang genau dies zu tun war unbeschreiblich groß, doch sie hielt sich zurück.

Irgendwann, versprach sie sich im Stillen. Sie musste nur geduldig sein und warten.

Erschrocken riss sie die Augen wieder auf, als die Federn der Matratze knarzten und davon kündeten, dass Erik sich auf dem Bett niederließ. Durch sein Körpergewicht sank die Matratze leicht ein und feiner Staub rieselte herab, genau auf ihre Nase. Diese begann daraufhin unangenehm zu kribbeln und sie verspürte den heftigen Drang zu niesen.

„Oh nein, bitte nicht! Nur nicht niesen!" dachte sie entsetzt und versuchte angestrengt das immer stärker werdende Kribbeln zu ignorieren. Mit Mühe und Not gelang es ihr schließlich das Unheil gerade noch einmal so abzuwenden.

Vollkommen regungslos lag sie da und lauschte dem wilden Klopfen ihres Herzens. Sie fragte sich angespannt was Erik wohl gerade machte. Es war verdächtig still und dass sie nicht hörte, was er tat, machte sie nervös.

Würden zwei starke Hände sie jeden Moment unter dem Bett hervor zerren? Hatte er ihre Anwesenheit letztendlich doch bemerkt und würde sie dafür bestrafen, dass sie unerlaubt in sein Reich eingedrungen war?

Dann sah sie seine Schuhe, die fein säuberlich aufgereiht neben dem Bettpfosten standen. Minutenlang starrte sie diese einfach nur an und fragte sich, ob das jetzt bedeutete, dass er sich zum Schlafen hingelegt hatte.

Wenn sie sich richtig entsann, dann benötigte er nicht viel Schlaf. Konnte es da tatsächlich sein, dass er sich ausgerechnet jetzt hinlegte um sich ein wenig auszuruhen?

Aber was wenn nicht? Was wenn er auf dem Bett lag und einfach nur seinen Gedanken nachhing?

Unschlüssig kaute Katrina auf ihrer Unterlippe herum. Sie wusste nicht was sie nun tun sollte.

Auf keinen Fall wollte sie, dass er sie entdeckte. Aber sie konnte auch nicht mehr viel länger hier unten bleiben. Ihr Nacken schmerzte bereits von der verdrehten Haltung ihres Kopfes und ihr linkes Bein war eingeschlafen und prickelte unangenehm.

Nach einigem Ringen mit sich selbst, beschloss sie noch einen Augenblick zu warten und sich dann aus ihrem Versteck zu wagen. Dank der Einblicke in Ayeshas Geist wusste sie auch schon genau wohin sie fliehen würde. Im Geist der Katze waren alle Schleichwege, Geheimtüren, Kammern und Räumlichkeiten der Oper und seiner Katakomben genauestens verankert. Es war als hätte Katrina eine sehr detaillierte Karte gesehen und auch jetzt als Mensch konnte sie sich bis ins kleinste Detail daran erinnern. Das würde ihr gewiss von Vorteil sein, um den Plan, der sich allmählich in ihrem Kopf zu formen begann, in die Tat umzusetzen.

Schließlich war sie der Meinung, dass genug Zeit verstrichen sei. Sie kroch so lautlos wie möglich unter dem Bett hervor und hoffte inständig, dass sie nicht die falsche Wahl getroffen hatte. Fast rechnete sie damit, dass Erik sie jeden Augenblick grob packte und auf die Füße zerrte, doch zu ihrer Erleichterung geschah nichts dergleichen.

Mit wackeligen Knien stand sie schließlich da und blickte auf das berüchtigte Phantom der Oper, dass seelenruhig schlummernd auf dem Bett lag. Mit einem Ausdruck der Zärtlichkeit in ihren Augen bemerkte sie, dass seine Gesichtszüge im Schlaf weicher wirkten und der harte Zug, den sie als Ayesha um seinen Mund wahrgenommen hatte, sich gelöst hatte. Kurzum er sah noch unwiderstehlicher aus als ohnehin schon.

Hastig riss sie sich von dem Herz erwärmenden Anblick, den er bot, los und besann sich auf ihr Vorhaben. Möglichst leise schlich sie auf Zehenspitzen aus dem Raum, stets begleitet von der Furcht das geringste Geräusch würde ihn aufwecken und seinen Zorn auf sie niederprasseln lassen.

Aber er schlief weiter und rührte sich nicht, so dass sie unbemerkt aus dem Raum gelangte.

Zielstrebig führten ihre Schritte sie zu der großen Orgel, welche die große unterirdische Grotte dominierte, die Eriks Heim beherbergte. Neben ihr in einer Nische stand ein Schreibtisch, auf dem sich Papier, Tinte und Federkiel befanden.

Katrina setzte sich und nahm den Federkiel etwas unschlüssig zur Hand. In diesem Moment hätte sie alles für einen schnöden Kugelschreiber gegeben. Doch da dieser noch nicht erfunden war, musste sie sich mit dieser altertümlichen Version begnügen, wenn sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen wollte.

Sie seufzte und tauchte dann den Kiel in die blutrote Tinte. Mit schwungvollen Bewegungen begann sie einige Zeilen zu verfassen. Die Feder kratzte leise über das Papier und nach anfänglichen Schwierigkeiten, fiel es ihr immer leichter mit ihr zu schreiben.

Als sie fertig war, blickte sie mit einem zufriedenen Lächeln auf das was sie geschrieben hatte:


Einsamer Engel,


Weder Bilder, noch Klänge, noch Wort

könnten beschreiben was an jenem Ort

mit mir geschehen, als ich dich gesehen.

Du in dunkler Nacht, den Schein hast entfacht.*


K.


Immer noch lächelnd tat sie ihren fertigen Brief in einen Umschlag und deponierte ihn dann so auf der Orgel, dass er ihn schnell finden würde.

Sie würde ihn zunächst mit kleinen Botschaften auf sich neugierig machen, den Wunsch in ihm hervorrufen herauszufinden von wem die mysteriösen Nachrichten stammten, die er immer wieder finden würde.

Durch Ayeshas Wissen war sie in der Lage sich ebenfalls wie ein Phantom zu verhalten und ihn aus dem Schatten heraus zu beobachten. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, dann würde sie sich ihm offenbaren.

Es brauchte nur ein wenig Zeit. Sie strich ein letztes Mal sacht mit den Fingerspitzen über den Umschlag, ehe sie sich abwandte.

Fast schon beschwingt eilte sie davon Richtung Christines Garderobe. Es war an der Zeit herauszufinden wie sehr Erik der schönen Sängerin bereits verfallen war.





* Auszug aus "Dein Anblick" von Schandmaul

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