Melpomene betrachtete hingerissen das Geschehen, welches sie dank ihrer Kristallkugel genauestens mitverfolgen konnte, und seufzte glücklich.
„Ich wusste, dass die beiden einen Weg zueinander finden würden. Sie haben nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung gebraucht“, meinte sie dann und schmiegte sich enger an Hades, der neben ihr auf dem Diwan saß.
Hades hatte den Arm um sie gelegt und spielte lässig mit einer Strähne ihrer langen Locken. „Es ist in der Tat erfreulich wie sich alles entwickelt hat. Aber es musste so kommen. Ihre beiden Seelen gehören einfach zusammen und du weißt doch, was man sagt, Kleines, wahre Seelengefährten finden sich immer, ganz gleich wie viele Widrigkeiten sich ihnen auch in den Weg stellen mögen.“
Die Muse der Tragödie lehnte ihren Kopf vertrauensvoll an seine Schulter und seufzte erneut. „Du hast recht. Alles ist gut so und ich bin froh, dass es letztendlich so weit gekommen ist. Es hätte mir das Herz gebrochen, wenn Katrina gescheitert wäre. Erik hat es nach all den Jahren des Kummers mehr als verdient die wahre Liebe zu erleben.“
Hades warf einen Blick in die Kristallkugel und grinste dann anzüglich, bei dem Anblick, der sich ihm bot. „Ich denke, du kannst die Vergangenheit wieder in Nebelschwaden hüllen, Kleines, es sei denn du möchtest sie dabei beobachten wie sie dieser Liebe im Bett Ausdruck verleihen.“
Melpomene schreckte auf und starrte einen Moment lang in die Kugel, um kurz darauf mit hochroten Wangen wieder fort zu sehen. Eilig hüllte sie das Innere in sacht wabernde Nebelschwaden, um Katrina und Erik die nötige Privatsphäre zu gönnen.
Hades lachte und hob dann ihr Kinn an, um ihr in die braunen Augen zu sehen. „Warum so verlegen, Liebes? Das ist nichts wofür man sich schämen müsste. Es ist ganz natürlich seinem Begehren nachzugeben und die beiden haben sich nach den Entbehrungen und Sorgen der letzten Tage diese Zweisamkeit mehr als verdient, meinst du nicht auch?“
Seine Augen funkelten Melpomene verlangend an und sie erwiderte seinen glühenden Blick mit leicht geöffneten Lippen. „Ja... das haben sie“, murmelte sie dann und schluckte einmal, ihre Kehle jäh trocken. Wie schaffte dieser Mann es nur sie mit einem einzigen seiner Blicke schwach werden zu lassen? Sie täte nichts lieber als in seine Arme zu sinken und alles um sich herum zu vergessen.
Hades Finger liebkosten sanft die Haut ihrer Wange, ehe er sich vorbeugte und ihre Lippen mit einem zärtlichen Kuss verschloss. Als die Muse seinen Kuss hingebungsvoll erwiderte, zog er ihre zierliche Gestalt auf seinen Schoss und küsste sie fordernder.
Ein wenig amüsiertes Räuspern veranlasste den Gott und die Muse schließlich sich schwer atmend voneinander zu lösen. Beinahe zeitgleich sahen sie hinüber zu Nyx, die bisher schweigend in einem Sessel gesessen hatte und sie nun vorwurfsvoll aus ihren tiefschwarzen Augen musterte. „Denkt dran, dass ihr nicht allein seid!“ mahnte sie verstimmt. „Wenn ihr es den beiden Menschen gleich tun wollt, dann tut euch keinen Zwang an, aber wechselt vorher bitte die Örtlichkeit. Ich verspüre nämlich nicht das Bedürfnis Zeuge davon zu werden!“
Hades schnalzte mit der Zunge. „Und das aus dem Mund der Göttin der Nacht, die mit solchen Dingen mehr als vertraut ist.“ Er schien sehr amüsiert, was ihm einen zornigen Blick von Nyx eintrug.
„Was weißt du denn schon, Herr der Unterwelt?“ fuhr sie ihn an.
Gelassen zog er eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen hoch. „Mehr als du vielleicht ahnst, meine Liebe. Schließlich bekommt man als Gebieter über die Verstorbenen sehr viele Dinge mit, die euch anderen Göttern verborgen bleiben dürften. Also unterschätze meine Macht und mein Wissen nicht.“
„Bitte streitet euch nicht“, bat Melpomene und sah flehend von einem zum anderen. Sie mochte es nicht, wenn Uneinigkeit um sie herum herrschte. Das riss sie immer hinab in einen Abgrund aus Traurigkeit und Melancholie, aus dem sie sich nur schwer wieder befreien konnte.
„Schon gut, Kleines. Wir streiten nicht“, versuchte Hades sie zu beruhigen und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. Dann warf er der Göttin der Nacht einen scharfen Blick zu. „Nicht wahr, Nyx?“
Nyx betrachtete ihn immer noch voller Unwillen, beugte sich dann aber der unausgesprochenen Drohung, die in seinem Blick lag. „Nein, das tun wir nicht“ sagte sie widerstrebend und verschränkte verstimmt die Arme vor der Brust.
Eine ganze Weile saßen die drei übernatürlichen Wesen so da und schwiegen, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Plötzlich erklang ein unnatürlicher Schrei, der ihnen durch Mark und Bein ging und sie erschrocken zusammen zucken ließ. Es lag so viel Schmerz und Verzweiflung darin, so viel unermessliches Leid, dass ihnen ganz anders zumute wurde.
Kalte Furcht ergriff Besitz von Melpomenes Herz. Irgendetwas Schreckliches war geschehen. Es war Erik, der geschrien hatte und dieses Wissen versetzte sie in einen Zustand der Panik. Hastig vertrieb sie die Nebenschwaden aus der Kristallkugel und starrte hinein. Das was sie erblickte ließ sie trocken aufschluchzen und entsetzt zurückweichen.
Nein. Das durfte nicht sein! Wie hatte das geschehen können? Wie nur?
Mit Tränen in ihren großen, braunen Augen sah sie hoch in Hades' Gesicht, das einen grimmigen Ausdruck zur Schau trug.
Ihr Blick wanderte weiter zu Nyx, die voller Kummer in die Kugel starrte. „Ich habe befürchtet, das es so weit kommt. Wir hätten uns niemals in sein Schicksal einmischen dürfen“, meinte die Göttin der Nacht dumpf.
„Was meinst du?“ hauchte die Muse der Tragödie schwach. Als keine Antwort kam, wanderte ihr Blick verunsichert zurück zu ihrem Geliebten. „Hades?“ fragte sie und klammerte sich an seinen Arm. „Was verschweigt ihr mir?“
Er erwiderte ihren Blick ernsthaft, ehe er bedauernd die Augen schloss und sich durch die Haare fuhr. „Es ist vorbei, Melpomene. Zeus hat gemerkt, was wir getan haben. Und Erik und Katrina müssen nun dafür büßen“, sagte er leise und wandte sich von ihr ab.
Melpomene sank kraftlos zusammen und blieb einem Häufchen Elend gleich am Boden sitzen, benommen und von unendlicher Reue ergriffen.
Es war allein ihre Schuld.
Sie brachte stets nur Unglück und Verderben.
Sie war die Muse der Tragödie.
tbc
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No backward glances
Fiksi PenggemarEin Mann, gezeichnet von einem grausamen Schicksal, gefangen in unendlicher Einsamkeit. Eine Frau, die alles zu tun bereit ist, um ihn aus diesem Elend zu befreien und ihm den Weg ins Licht zu weisen. Göttliche Einmischung, die alles durcheinander w...
