Sie hatte es genau auf den Punkt getroffen. Ich blinzelte die Tränen weg. Ich hatte mir geschworen, ich würde nie wieder Tränen wegen ihm verschütten.
„Verdammt, wieso kennst du mich schon so gut?", sprach ich dann einfach meine Gedanken aus und eine einzelne Träne floss mir über die Wange.
Sie nahm mich wortlos in eine feste Umarmung.
Lange standen wir einfach so da und ich drückte meine Tränen weg. Sie löste sich vorsichtig von mir und schaute mich abwartend an. „Du musst es mir nicht erzählen, aber manchmal tut es gut darüber zu sprechen."
„In New York war ich ein so schlechter Mensch gewesen. Wegen meinem Ex habe ich getrunken, geraucht, manchmal auch gekifft. Ich habe alles für ihn gemacht. Wirklich alles. Ich habe ihn geliebt, habe ich gedacht. Und er hat mich nur ausgenutzt. Wir haben ständig so rumgemacht. Aber irgendwann wurde ich ihm zu langweilig und er hat mich vor allen bloss gestellt. Da habe ich mir geschworen, dass nie mehr so etwas passiert... Ich habe mich geändert. Und ich hatte es einigermassen geschafft, dass ich mein Leben unter Kontrolle hatte, aber Josh bringt alles wieder durcheinander. Ich habe mal mit ihm geraucht, wir haben zusammen getrunken, miteinander rumgemacht. Oh Gott, er ist ihm so ähnlich. Und ich habe solche Angst, dass ich mich wieder in ein Arschloch verliebe." Einfach alles floss jetzt aus mir raus und sie hörte aufmerksam zu. Die letzten Worte waren nur noch geflüstert, und irgendwie hoffte ich, dass sie sie nicht gehört hatte. Sie zog mich erneut in eine Umarmung und ich war ihr dankbar, dass sie vorerst nichts sagte.
„Du musst mit ihm sprechen", meinte sie dann. „Ich meine nicht, dass du ihm das erzählen solltest, aber du solltest zumindest klären, was gestern Abend noch passiert ist. Und wo ist die Amber, die ihm immer das Wasser reicht? Ich weiss, dass du das noch kannst. Bist du gar nicht wütend auf ihn?" Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, wandelte sich meine ganze Trauer in Wut um. Oh ja, ich war sowas von stocksauer auf ihn.
„Oh doch", teilte ich ihr mit. Ich wischte die letzten Spuren der Tränen weg und genau zu diesem Zeitpunkt klingelte es zur Pause. Perfektes Timing.
„Danke", meinte ich dann noch zu ihr und umarmte sie nochmals kurz.
„Immer wieder gerne, Schwester", erwiderte sie lächelnd. „Und jetzt zeigs ihm." Oh ja, er konnte sich sowas von auf etwas gefasst machen. Ich grinste sie an, dann verliess ich erhobenen Hauptes die Toiletten. Ich steuerte den kleinen Gang an, wo nur wenige Leute und Josh ihre Schliessfächer hatten. Als ich dort einbog, sah ich ihn alleine an seinem Spind. Sonst war niemand hier. Perfekt.
Ich ging mit schnellen Schritten auf ihn zu und als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, drehte er sich zu mir. Als er mich sah, schlich sich wieder sein blödes Grinsen auf die Lippen und er wollte gerade schon etwas erwidern, aber ich kam ihm zuvor.
Ich klatschte ihm eine. Richtig fest. Schmerz zuckte durch meine rechte Hand, aber das war es mir wert. Sein Mund öffnete sich überrascht zu einem o und er schaute mich dämlich an.
„Für was war das?", fragte er dumm.
„Für was wohl, du Idiot?", gab ich zurück und funkelte ihn böse an. „Du weisst ganz genau, dass ich das nüchtern nie machen würde."
„Aber du warst betrunken und du hast es gemacht, also ich trage keine Verantwortung für irgendetwas, was passiert ist", meinte er und hob abwehrend die Hände.
„Du hast mich zuerst geküsst!"
„Und du hast mich zurück geküsst."
„Nur weil ich wegen dir betrunken war!"
„Du hast selber eine Flasche in Rekordzeit verdrückt."
„Aber du hast meinen Zustand ausgenutzt!"
„Darf ich dich daran erinnern, dass du angefangen hast, mich auszuziehen, nicht ich dich?" Verdammt, das stimmte.
„Ja, aber...", stotterte ich. Mist, darauf konnte ich wirklich nicht kontern.
„Ja, aber was? Siehst du, du bist Schuld."
„Ich bin Schuld?" Hatte der noch ganz alle Tassen im Schrank?! „Du hast mich geküsst!"
„Wie gesagt, ich wollte nur, dass du deine Klappe hältst und das war der einfachste Weg. Ich wollte gar nicht mehr, aber du hast plötzlich angefangen..."
„Jajaja genau, du wolltest nicht mehr", äffte ich ihn nach. Wers glaubte.
Er verschränkte die Arme und sah mich abwartend an.
„Ich war betrunken und du hast das ausgenutzt. Ich hätte das sonst nie nüchtern gemacht!"
„Du wiederholst dich, Kleine", meinte er und grinste wieder. Oh Gott, dieser Typ brachte mich irgendwann mal noch um meinen Verstand! Ich atmete tief durch. Ich tat so, als würde ich es einsehen, ich musste noch an eine Information kommen. Ich seufzte und strich mir durch meine Haare.
„Kannst... kannst du mir wenigstens sagen, ob... naja..."
„Ob wir Sex hatten?", beendete er meinen Satz und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Verdammt, es war so peinlich.
„Aww, du hast wirklich einen Filmriss?", fragte er blöd. Ich sah ihn bloss abwartend an.
„Du würdest es nie vergessen, hättest du mit mir geschlafen", meinte er arrogant.
„Also nicht?"
„Nein." Ich atmete erleichtert aus.
„Wieso ist das so eine grosse Sache für dich? Es wäre doch wohl nicht dein erstes Mal gewesen?"
„Nein, aber ich möchte nicht mit so einem Idioten wie dir betrunken Sex gehabt haben."
Er schloss ein Schliessfach. „Noch etwas?", fragte er dann, als ich immer noch nicht wegging.
Und dann klatschte ich ihm nochmals eine. Dieses Mal legte er seinen Kopf schief und hatte anscheinend Mühe nicht auszurasten.
„Und für was war das?"
„Dafür, dass du mich alleine in irgendeiner Hütte im Wald gelassen hast, von der ich keine Ahnung hatte, wie ich zurückkommen sollte."
„Oh ja das", sagte er bloss und musste sich das Lachen unterdrücken. Sein Ernst? „Wie bist du so schnell rausgekommen?" Auf diese Frage hatte ich gewartet.
„Mit der Schnelligkeit", antwortete ich stolz, „Ich habe es auch ohne dich geschafft." Er zog bloss die Augenbrauen hoch. Wahrscheinlich wollte er gerade nicht zugeben, dass ich nicht so unfähig war, wie er vielleicht meinte. Er ging gerade an mir vorbei, als ich noch meinen letzten Trumpf ausspielte.
„Mal schauen, ob Ace und Kenzo auch der Meinung sind, dass es meine Schuld war." Er blieb stehen und ich verschränkte die Arme. Dann drehte er sich wieder um und kam nochmals zu mir. Es bestand eine Wahrscheinlichkeit, dass Ace und Kenzo ihn umbringen würden, würden sie meine Version je erfahren.
„Erzählst du ihnen das, erzähl ich der ganzen Schule, was für eine Schlampe du bist und dass wir es getrieben haben." Seine Stimme war bedrohlich leise und ich schnappte erschrocken nach Luft.
„Das ist nicht einmal die Wahrheit. Wieso sollten sie dir glauben?", sagte ich leise und meine Stimme zitterte.
„Wieso sollten sie dir glauben? Wem würde man eher glauben?", meinte er und hatte schon wieder ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen. „Ich würde dafür sorgen, dass alle den Knutschfleck auf deinem Hals sehen." Er schaute mir herausfordernd in die Augen. Verdammt, er sass am längeren Hebel.
„Du bist so ein Arschloch", flüsterte ich und blickte ihm trotzig entgegen.
„Ich wurde schon schlimmeres genannt", lachte er trocken auf. Dann wandte er sich um und ging weg.
„Ich hasse dich!", rief ich ihm hinterher, bevor er auf den Hauptgang hinaustrat. Er blieb kurz stehen. Zuerst dachte ich, er würde sich wieder umdrehen und auch noch etwas sagen, aber nach fünf Sekunden ging er weiter.
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Die Tochter des Todes
FantasySeit ich in Kinnetyville lebte, hatte sich mein ganzes Leben verändert. Am Anfang dachte ich, ich würde einfach mein ganz normales Teenager-Leben weiterleben. Doch dann erfuhr ich, dass ich von einem griechischen Gott abstammte. Also hatte ich neben...
