Wir gingen dann ohne ein weiteres Wort auf die beiden Autos der Jungs zu. Immer noch wortlos teilten wir uns drei und drei auf. Dieses Schweigen und die angespannte Stimmung machte mir nur noch mehr Angst. Ich stieg hinten in Ace' Auto ein, während Eleanor den Beifahrersitz nahm. Ace startete den Motor und fuhr los. Er folgte Silas' Auto. Ich streifte die unbequemen Schuhe von meinen Füssen und schaute aus dem Autofenster. Es hatte wieder angefangen zu schneien und tausend Schneeflocken wirbelten um uns herum. Die altbekannten Häuser, an denen ich jeden Tag vorbeilief, zogen an uns vorbei. Ich fragte mich, ob ich sie jemals wieder sehen würde. Ob ich meine Familie nochmals sehen würde. Die Erinnerung an meine Familie zog etwas in meinem Herzen zusammen. Ich verdrängte den traurigen Gedanken, dass ich sie vielleicht nie mehr sehen würde und beobachtete die Gebäude. Ich wusste genau welches auf das Nächste folgte. Ich fühlte mich in dieser Stadt so unglaublich Zuhause, wie sonst nirgendwo. Und das obwohl ich nicht einmal vier Monate hier lebte. Jetzt wo man vielleicht so kurz vor dem Tod stand, bemerkte man, was man gar nicht geschätzt hatte, sondern als selbstverständlich angenommen hatte. Letzten Montag hatte ich keine Ahnung gehabt, dass dies vielleicht das letzte Mal im Soft Juice war. Ich liebte diese Nachmittage, die Eleanor und ich zusammen in diesem kleinen Saftladen verbrachten und über alles Mögliche quatschten. Oder war es diesen Dienstag das letzte Mal gewesen, wo ich verfroren meine trotzdem übliche Strecke joggte? Ich konnte es nicht wissen, aber ich hoffte so sehr, dass ich mehr alltägliche Dinge in meinem Leben noch erleben durfte. In so einem Moment, wo deine Lebensstunden gezählt waren, sahen alle normalen Dinge so schön aus. Die langweiligen Geschichtsstunden. Das schlechte Essen in der Mensa. Silas' schlechte Witze. Eleanors Gossip, den sie mir immer erzählte, mich aber eigentlich überhaupt nicht interessierte. Mein rostiges Schliessfach, das jedes zweite Mal ohne Gewalt nicht aufging. Joshs Neckereien. Kenzos chinesische Sprichwörter.
Oh Gott, ich musste aufhören, ich hörte mich schon ganz melodramatisch an. Und an Josh mochte ich gar nicht denken. Ich schaute auf die Uhr auf meinem Smartphone. Es waren erst sieben Minuten vergangen. Nur noch dreizehn Minuten.
Ich atmete tief durch.
Ich werde heute Abend nicht sterben.
Immer wieder wiederholte ich diese Worte in meinem Kopf. Ich musste positiv denken, sonst würde es sowieso nicht gut ausgehen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass mein Herz unglaublich schnell klopfte vor Nervosität. Ich hatte keine leiseste Ahnung, wie es weitergehen würde. Wenn wir es bis zu Eleanor und Silas' Grosseltern schaffen würden und vielleicht sogar auch noch nach Kanada, wäre das sehr gut, aber was dann? Ich konnte nicht für immer auf der Flucht sein.
Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich überrascht aufschaute, als wir anhielten. Aber als ich Joshs schlanke Gestalt am Strassenrand sah, atmete ich erleichtert aus. Er kam auf unser Auto zugeeilt und stieg auf der anderen Seite hinten ein. Er öffnete die Tür, liess sich auf den Sitz neben mir fallen und schlug die Autotür wieder zu.
„Hey", sagte er an niemand bestimmten. Er stellte zwei Taschen auf den Sitz zwischen uns und schnallte sich an.
„Hey. Hast du alles gefunden?", fragte Ace und fuhr schon wieder los.
„Ja. Eleanor, ich habe Sachen für euch von deinem Kleiderschrank genommen, ich hoffe, das ist okay für dich."
„Ja klar, kein Problem", meinte sie. Dann endlich schaute Josh zu mir. Entweder hatte er meinen Blick auf sich gespürt, oder er wollte sich vergewissern, dass ich noch lebte. Ich hätte so gerne etwas gesagt, aber es wollte einfach kein Wort rauskommen. Ich fühlte mich sofort erleichtert und sicherer, da er hier war, und mein Herzschlag beruhigte sich augenblicklich. Seine Haare waren nass vom Schnee und einzelne Orte glänzten nass. Seine grünen Augen schienen zu leuchten. Er schaute mich unverwandt, wie ich ihn, genau an.
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Die Tochter des Todes
FantasíaSeit ich in Kinnetyville lebte, hatte sich mein ganzes Leben verändert. Am Anfang dachte ich, ich würde einfach mein ganz normales Teenager-Leben weiterleben. Doch dann erfuhr ich, dass ich von einem griechischen Gott abstammte. Also hatte ich neben...
