Harry
Es ist 12.45 Uhr und ich sitze im Warteraum der kleinen Praxis die mir so vertraut ist. Lange war ich nicht hier, aber es hat sich nichts verändert. Noch immer hängt das Bild über der Reihe mit hellem Leder bezogenen Stühlen etwas schief. Ich weiß nicht, ob Lia damit ihre Patienten testen möchte, denn es juckt mir jedes mal in den Fingern, dass Bild, auf dem einfach nur eine Topfpflanze zu sehen ist, gerade zu rücken. Ich nehme mir vor, sie danach zu fragen.
Nachdem Lia ihren aktuellen Patienten verabschiedet hat, bittet sie mich in ihren Behandlungsraum. Der Raum ist groß, gemütlich und lichtdurchflutet. Sie hat immer einen großen Strauß frischer Blumen auf dem Schreibtisch. "Hi Harry." begrüßt sie mich mit einem herzlichen Lächeln. "Wo wollen wir uns setzen?" Sie lässt mir immer die Wahl, es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder direkt an ihrem Schreibtisch, einer großen Couch oder in der Ecke am Fenster auf zwei großen Ledersesseln, zu denen es mich meistens hinzieht. Mein Blick schweift sofort in diese Richtung und ohne einen Ton zu sagen, steuert Lia genau dorthin. Sie sagt immer, in mir könne man lesen wie in einem offenen Buch. "Setz dich schon mal. Möchtest du einen Kaffee?" Ich nicke knapp und mach es mir in dem großen Sessel bequem. Mein Blick schweift rastlos durch den Raum. Ich versuche Veränderungen auszumachen, kann aber keine finden, alles ist noch genau wie bei meinem letzten Besuch.
Mit zwei dampfenden Bechern kommt Lia zurück, nimmt mir gegenüber Platz und stellt beide Tassen auf den kleinen Tisch zwischen uns. Sie lehnt sich zurück und schaut mich prüfend an. Es hat sich wirklich nichts geändert. Sie stellt keine Fragen, sie wartet bis ich anfange. Es gab Sitzungen in denen wir uns nur angeschwiegen haben. Sitzungen in denen ich nicht ein Wort raus gebracht habe. Sitzungen in denen ich mich geschämt habe. Ich glaube es läuft so gut mit uns, weil sie mich zu nichts zwingt. Es ist immer meine Entscheidung, was ich sagen möchte. Ich fühle mich zu nichts gezwungen. "Ich habe jemanden kennengelernt." bricht es aus mir heraus. Ich weiß nicht, wo das auf einmal her kommt, aber jetzt ist es raus. "Ich habe Angst das ich es versaue. Es ist wirklich unglaublich. Ich kenne sie noch nicht lange, aber ich habe das Gefühl, sie versteht mich. Ich glaube sie kommt auch mit meinen Problemen klar. Letzte Nacht hat June bei mir geschlafen und ich habe geträumt. Keine guten Träume. Es sind die, die mich seit jeher verfolgen und umtreiben. Sie sind zurück und ich fühle mich wirklich mies. Ich habe Angst abends die Augen zu schließen. In den letzten Wochen habe ich es nur mit Alkohol, Tabletten und Drogen geschafft ohne Angst in den Schlaf zu finden. Trotzdem bin ich nach ein paar Stunden orientierungslos und völlig fertig wach geworden. Lia ich brauche deine Hilfe. Wenn ich so weiter mache, schaffe ich meinen 28. Geburtstag nicht." Ich merke wie mein Herz rast, es schlägt mir heftig gegen die Brust und das atmen fällt mir schwer. Ich muss mich nach vorne lehnen und meine Ellenbogen auf die Knie stützen. Die Haltung wurde mir schon als kleiner Junge gezeigt, als ich mein Asthma nicht so unter Kontrolle hatte, wie heute. Jetzt kämpfe ich gegen ganz andere Dämonen. Ein Asthmaanfall wäre mir lieber als das. Panik.
Lia fängt einfach an zu erzählen. Ich kann nicht verstehen, was sie sagt. Die Worte fliegen an mir vorbei. Bin gefangen in meinem Tunnel. Schwindel setzt ein und meine Fingerspitzen fangen an zu kribbeln. Ich sauge die Luft gierig ein und versuche sie durch meine geschlossenen Lippen wieder aus zu pusten. Meine Lippen vibrieren beim Ausatmen und ich versuche das überschüssige CO² aus meinem Körper zu bekommen. Die Übung hilft und meine Atmung und mein Herzschlag beruhigen sich langsam wieder. Auch Lias Worte dringen langsam zu mir durch, doch ich kann ihre Worte noch nicht sortieren. "Harry ich wusste nicht, dass es wieder so schlimm ist, aber wir bekommen das hin."
Zwei lange Stunden unterhalten wir uns über alles mögliche und ich sitze im Wagen auf dem Weg nach Hause. Ich bin völlig fertig und mein Kopf fühlt sich leer an. Mein Telefon zeigt wie immer ungelesene Mails, ungelesene Nachrichten und unbeantwortete Anrufe. Ich scrolle einmal durch die Mails und die Nachrichten und gucke mir die Anruferliste an. Ich lasse alles unbeantwortet. Nach diesem intensiven Gespräch fehlt mir einfach die Kraft. Ich schicke nur eine Nachricht an June, die versucht hat mich anzurufen.
Sorry, war unterwegs.
Zu Hause angekommen schmeiße ich mich bäuchlings auf die Couch und vergrabe meinen Kopf im Kissen. Die Reinigungskräfte müssen zwischenzeitlich hier gewesen sein. Es riecht im ganzen Haus nach Zitrone und der Holzboden glänzt. Ich habe es gerne sauber und ordentlich und gönne mir den Luxus einer Reinigungskraft. Ich bin viel unterwegs und möchte einfach immer, egal zu welcher Zeit in ein sauberes Haus kommen. Ich schließe meine Augen und falle in einen schwerelosen Zustand.
Das Vibrieren meines Telefons reißt mich aus diesem Zustand. Ich weiß nicht, wie lange ich mich in der Schwerelosigkeit befunden habe und ich muss mich kurz sortieren. Das Nickerchen tat gut und nach der langen Nacht hatte ich etwas Schlaf nötig. June hat wieder versucht mich anzurufen. Wieder schicke ich ihr nur eine knappe Nachricht.
Sorry, hab geschlafen.
Zu mehr Worten bin ich einfach noch nicht bereit. Ich könnte sie zurückrufen, aber irgendetwas hält mich davon ab. Ich weiß nicht, was es ist. Das Klingeln an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schlurfe zur Tür und ohne zu schauen wer es ist, mache ich mich auf den Weg zum Tor. Keiner außer meiner Mum, Gemma und June weiß das ich hier bin. Ich hoffe, dass es nicht meine Mum ist und Gemma kündigt sich vorher an. Ich tippe auf June. Dieser Überraschungsbesuch würde zu ihr passen. Ein Grinsen breitet sich unbewusst auf meinem Gesicht aus. Ich öffne das große Tor, aber es ist nicht June. Ein lauter Schrei und schon ziehen mich ein Paar Arme in eine feste Umarmung. "Harry du treulose Tomate, du bist hier und sagst nicht bescheid." Mit Katharina habe ich jetzt am wenigsten gerechnet. "Sorry, ich musste mich erstmal sortieren. Ich hätte mich noch gemeldet. Komm doch rein." nuschel ich an ihrer Schulter.
Nachdem ich uns beiden einen Tee gekocht habe, setzen wir uns auf die Couch. Noch immer bin ich etwas überrascht über ihren Besuch. "Woher weißt du, dass ich hier bin?" frage ich vorsichtig. Mein schlechtes Gewissen meldet sich. Ich habe mich lange nicht bei ihr gemeldet. Sie kennt das von mir und ist mir meistens nicht böse, aber ich hätte mich wirklich bei ihr melden sollen. Katharina ist eine meiner ältesten Freunde und ich würde sagen, sie kennt mich mit am besten. "Gemma hat sich verplappert als wir telefoniert haben. Ich bin noch nicht lange zurück in London. Ich hatte einige Termine in New York und bin erst vor zwei Tagen gelandet. Du weißt, dass wir eine Vereinbarung hatten? Sobald einer von uns in New York ist, melden wir uns." Sie guckt mich ernst über ihre viel zu große Brille an. Katharina trägt seit ich sie kenne eine Brille mit schweren Gläsern. Manchmal frage ich mich, ob sie ohne überhaupt etwas sehen kann. Aber sie sieht immer niedlich aus. Besonders wenn ihr die Brille etwas von der Nase rutscht und sie über den Rahmen schult. Katharina hat dunkle Haare die sie meistens zu einem wirren Knoten auf dem Kopf trägt. Strähnen gucken an der Seite raus und dieses unordentliche Nest steht ihr. Es sieht aus, als ob es so gewollt ist, aber ich weiß das sie jeden Morgen einen Kampf mit ihren Haaren führt. Sie trägt Sportleggins und einen alten übergroßen 1D Pullover. An den Füßen hat sie, wie immer wenn es kalt ist, dicke flauschige Socken.
"Ich habe versucht dich anzurufen, aber dich zu erreichen ist genauso schwer wie den Papst ans Telefon zu bekommen." Sie haut mir ihren Ellenbogen in die Seite und ich stöhne kurz auf. "Erzähl, wie geht es dir." Da ist die Frage die ich am liebsten beantworte, aber ich weiß, dass ich mich vor Katharina nicht verstellen muss. Also fange ich von vorne an und erzähle ihr, was in den letzten Wochen passiert ist. Schnaufend lässt sie sich in die Rückenlehne meiner Couch sinken und starrt an die Decke.
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Touchless \\Harry Styles
Fiksi Penggemar*** Hände, überall sind Hände die nach mir greifen. Ich bekomme keine Luft, mein Herz rast, Schweiß steht mir auf der Stirn. Mir wird schwindelig und ich falle. Es stürzen dunkle Gestalten ohne Gesicht auf mich. Hände berühren mich und ich schreie...
