Michael dreht sich herum und geht. Er geht einfach, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Unser Gespräch wurde gerade beendet. Ich schnaube verächtlich. Was ein arroganter Arsch. Glaube mir, du wirst mir früher oder später noch Respekt erweisen.
Ich fahre mir mit meiner Hand durch meine Haare, wodurch ich sie nur noch mehr zerzause.
„Komm, ich bring dich heim.", sagt Gabriel leise, wobei sein Blick noch immer starr auf Michael gerichtet ist.
„Einen Moment noch.", erwiderte ich, wobei sich meine Stimme fester anhört als erwartet.
Ich laufe zu dem kleinen Käfig hinüber und öffne das eiserne Türchen.
Unwillkürlich durchfährt mich ein unangenehmes Zucken. Ich muss leicht schlucken bei dem
Gedanken, dass er noch vor wenigen Minuten gelebt hat, und er nur meinetwegen nicht mehr unter uns weilt.
Meine Hände schließen sich leicht zitternd um das zarte, wuschelige Tier.
Nicht mehr lange und er wird komplett erstarrt und kalt sein.
Mein Blick fällt auf den Käfig; ich kann ihn nicht hier lassen. Immerhin ist es meine Schuld, dass er heute und hier unnötigerweise gestorben ist, da ist es das Mindeste, ihm die letzte Ehre zu erweisen und ihn anständig zu begraben.
Ich hole das Tier aus seinem Käfig und halte es sachte - in dem dummen Gedanken, ihm wehtun zu können - an meinen Körper.
„Gehen wir."
Gabriel schaut mich leicht verwirrt an.
„Was tust du?"
„Ich nehme ihn mit und werde ihn begraben."
Gabriel nickt, in seinem Blick liegt einerseits Schuld, aber auch Anerkennung.
Er kommt auf mich zugelaufen, weswegen ich den Hasen fester an mich drücke; in der Angst, ihn doch hier zurücklassen zu müssen. Himmel hin oder her, ich würde hier keine Sekunde freiwillig bleiben.
Gabriel berührt mich leicht und kurz darauf stehe ich hinter meinem Haus im Garten. In meinen Armen liegt fest umschlossen der kleine Hase.
Gabriel scheint endlich seine Stimme wiedergefunden zu haben.
„Alice, das mit dem Hasen tut mir leid. Ich wusste nicht, was Michael vor hat. Er meinte, dass er dir mehr über deine Magie lehren will; mir war nicht bewusst, welch grausame Weise er dafür wählt."
„Meinetwegen muss es dir nicht leid tun. Der Einzige, der unschuldigerweise leiden musste, ist dieser kleine Hase. Er ist nicht nur mir zum Opfer gefallen, sondern auch einer eingehenden Demonstration von Michael, dass mächtig zu sein nicht gleich bedeutet, Macht zu haben. Vor allem, wenn man sich ihm in den Weg stellt."
Gabriel schaut zu Boden, jedoch entgeht mich nicht, wie wütend er auf Michael zu sein scheint und wie schuldig er sich fühlt, nicht eingegriffen zu haben. Ich lächle leicht. Gabriel ist wahrhaftig ein Engel; zumindest verhält er sich eher wie einer als Michael.
„Ich werde den Kleinen begraben. Wenn du willst, kannst du mir behilflich sein."
Gabriels Augen hellen sich auf und er nickt.
Während ich im Haus nach einem kleinen Karton suche, holt Gabriel eine Schaufel aus dem Schuppen.
Ich bette den Hasen vorsichtig in den Karton und lasse meine Finger ein letztes Mal durch sein weiches Fell gleiten.
Natürlich esse ich Fleisch und mir ist bewusst, dass auch deshalb Tiere streben, aber das hier ist etwas anderes.
Es ist einfach anders.. selbst Hand anzulegen.
„Verzeih mir, Kleiner, das hast du nicht verdient. Das heute hätte dir nicht wiederfahren sollen."
Ich wollte gerade den Karton schließen, als mir noch etwas einfällt.
„Eine Sache noch, bevor ich dir deinen ewigen Frieden gönne.
Danke. Durch dich wurde mir klar, dass ich nicht nur für andere diesen Krieg beenden muss, sondern auch für mich. Um zu beweisen, dass meine Magie nicht nur Verderben bringt, sondern auch das Gute.
Um mir den Respekt zu verschaffen, der mir zusteht.
Um klarzustellen, dass ich nicht nur ein Mädchen bin, sondern eine Kämpferin."
Ich lächle den Hasen traurig an, bevor ich seinen Papiersarg schließe.
Draußen wartet Gabriel, locker an einen Spaten gestützt, auf mich.
Seine blonden Locken werden vom Wind verweht, während seine stechend blauen Augen mich fixieren.
Mal wieder wird mir bewusst, wie hinreißend er ist.
„Lass uns gehen. Es sieht so aus, als regnete es bald."
Ich nicke und laufe zu ihm herüber.
Ein Blick in den kohlrabenschwarzen Himmel bestätigt seine Vermutung.
„Weißt du schon, wo du hin willst?"
Wie praktisch es doch ist, einen Engel zu haben, der einen in sekundenbruchteilen überall hinbringen kann.
„Draußen in den Feldern steht ein einziger Baum. Darunter würde ich ihn gerne begraben."
Gabriel nickt als kenne er die Stelle und kurze Zeit später stehen wir beide genau unter diesem kahlen Baum, der seine Blätter schon längst abgeworfen hat.
Ich setze die Schachtel sachte auf dem Boden ab und nehme Gabriel den Spaten aus der Hand.
„Lass nur, ich mach das.", sagt er.
Ich schüttle energisch den Kopf.
„Das geht schon, ich sollte das machen." Mit diesen Worten wende ich mich von ihm ab und lasse den Spaten kraftvoll in die harte Erde sinken.
Nach einigen Minuten habe ich eine angemessen tiefe Grube ausgehoben, den Karton hinein gelegt und sorgfältig mit der dunklen Erde bedeckt.
„Ruhe in Frieden."
Ich drehe mich zu Gabriel, der ein wenig versetzt hinter mir steht und mich aufmerksam beobachtet.
„Danke für's herbringen. Ich bleibe noch kurz hier sitzen, bevor ich zurück gehe, aber du kannst ruhig schon gehen."
„Ich bleibe bei dir. Der Himmel muss wohl noch auf mich warten."
Ich lächle leicht und freue mich darüber, dass er mir Gesellschaft leistet.
Wir setzen uns nebeneinander an den Baumstamm. Der Himmel wird immer dunkler; da zieht ein Gewitter auf.
„Wie geht es dir, Alice? Die letzte Zeit war sicherlich anstrengend."
Ich lehne meinen Kopf an den Baumstamm, während ich seufze.
„Das kann man wohl so sagen. Alles ist so neu und ungewohnt."
Ich schweige kurz.
„Teilweise habe ich das Gefühl, dass ich mich selbst nicht wiedererkenne.
In mir schlummern Mächte und Seiten, von denen ich nie etwas gewusst, geschweige denn gespürt habe. Allein heute habe ich mich mehr als einmal gefragt, ob das noch ich bin, oder ob die, die ich war, jemals wirklich ich war.
Verstehst du?
Ach egal, der Tag war wirklich anstrengend. Ich weiß selbst nicht genau, wovon ich rede."
„Alice." Ich wende ihm meinem Blick zu. Gabriel schaut mir tief in die Augen und sofort habe ich das Gefühl, er wüsste einfach alles, was ich jemals gedacht oder gefühlt habe, als könnte er mein Inneres ungehindert ergründen.
„Ich kann dir zwar nicht mit eigenen Erfahrungen behilflich sein, aber ich will dennoch versuchen, dir zu helfen.
In dir ist sowohl das Gute, als auch das Böse vereint. Du wirst die Mordlust eins Dämons und die Reinheit eines Engles verspüren. Seiten, die es vor dem Erwachen deiner Kräfte nicht gab. Aber das Gute daran, dass du ein Hybrid bist, ist, dass du dich schlichtweg nicht entscheiden musst.
Weder die dunkle noch die helle Seite kann einfach deinen Verstand übernehmen. Du allein kannst entscheiden, wie du dich verhältst; ob du dem einen oder anderen Gefühl nachgibst.
Du bist eine starke Frau mit einem noch stärkeren Willen. Ich bin sicher, du wirst die richtigen Entscheidungen treffen.
Eines noch, bevor ich meine Moralpredigt beende: sich auch mal für die dunkle Seite zu entscheiden ist nicht verwerflich. Wie du sicherlich schon gemerkt hast, ist nicht jeder Dämon gleich ein Monster."
Er macht keine kurze Pause, wobei sein Blick ein wenig härter wird.
„Und nicht jeder Engel ein Heiliger."
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Hello Devil, nice to meet you!
Paranormal"Pass lieber auf wie du mit mir redest, Alice. Du hast ja keine Ahnung wer ich bin und was ich alles mit dir anstellen könnte." Also bitte noch geschmackloser als mir jetzt solch eine Drohung hinterher zu werfen, geht ja überhaupt nicht. "Ach ich...
