Kapitel 49

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Immer mehr Tränen fließen mir die Wangen hinunter.
"Alice, bitte, setz dich wieder hin."
Erst jetzt fällt mir auf, dass ich von meinem Stuhl aufgesprungen bin und mit den Händen auf der Tischplatte abgestützt da stehe.
Erst langsam wird mir bewusst was er gerade gesagt hat.
Mein Papa ist nicht mein Papa.
Ich bin kein Mensch, sondern zu Hälfte Engel und Teufel.
Meine leiblichen Eltern sind bereits gestorben.
Ich habe mein Leben lang an eine Lüge geglaubt.
Ich brauche frische Luft!
Ich kann hier nicht atmen.
Ich drehe mich herum und renne zur Tür.
Ich muss hier raus.
Ich will einfach weg, weg aus diesem Haus, aus dieser Stadt, weg von all meinen Problemen.
"Alice, bleib da!"
Ich höre die verzweifelte Stimme meines Papas der mir hinterher schreit, wobei was rede ich da.. meines Ziehvaters trifft es wohl eher.
Ich renne aus der Haustüre hinaus ins Freie.
Ziellos renne ich die Straße entlang.
Immer weiter und weiter, ohne auch nur einmal zurück zuschauen.
Meine Lunge brennt und ich spüre wie meine Kräfte langsam nach lassen.
Alles gelogen.
Mein Leben ist eine einzige Lüge.
Irgendwann lasse ich mich erschöpft auf ein Wiese fallen. Um mich herum sind nichts als Felder, Kilometer weit kein Mensch zu sehen.
Ich schnaufe so laut, dass ich nicht einmal meine eigenen Gedanken hören kann.
Irgendwann überkommt mich jedoch der Schmerz.
Der Schmerz über all die Lügen, die Tatsache dass meine richtigen Eltern tot sind, der Schmerz meiner Beine und darüber, dass ich wahrscheinlich als einzige im Dunklen getappt bin.
Ich fange an zu schluchzten, was jedoch in einem hysterischen schreien mit kurzen Unterbrechungen zum Luft holen endet.
Das einzige Familienmitglied, was mir geblieben ist, ist nicht mal verwandt mit mir,
das ist ja schon fast ironisch.
Immer und immer wieder spielt sich die Szene in meinem Kopf ab.
Ich bin nicht seine Tochter und erst recht bin ich kein Mensch.
Mit sich überschlagenden Gedanken liege ich auf dem Boden Sekunden, Minuten, Stunden ich kann es nicht mal genau sagen.
Irgendwann lassen meine Tränen nach, vielleicht sind sie einfach verbraucht.
Um mich herum wird es zunehmend dunkler und ich liege noch immer zusammen gekauert auf der Wiese. Ich habe weder das Gefühl von Kälte noch Hunger und mittlerweile spüre ich auch keine Schmerzen mehr.
Alles ist weg, es ist als wäre ich ausgebrannt, eine leere Hülle, nur noch ein Schatten meiner selbst.

"Alice?"
Die Stimme ist nah bei mir, aber weit genug weg, um sie problemlos auszublenden.
"Alice?"
Vor mir steht ein Mann, auch wenn ich ihn anschaue, stellt mein Blick einfach nicht scharf.
Wer ist das?
Eigentlich egal, er soll gehen.
"Alice, steh bitte auf. Ich bring dich nach Hause."
Nach Hause?
Ist es denn noch mein Zuhause?
Ich reagiere nicht.
"Alice."
Die Stimme ist so weich und einfühlsam. Allein der Klang gibt mir das Gefühl, dass alle Sorgen vergessen sind.
Ich blinzle einige Male um meinen Blick zu fokussieren.
Mir springen sofort die blonden Locken und blau leuchtenden Augen ins Auge.
Gabriel, wenn ich mich nicht täusche.

Ein Engel.
Ich kann mir ein schnauben nicht verkneifen.
Was will der von mir.
Ich reagiere noch immer nicht.
Er bückt sich zu mir nach unten und schaut mir in die Augen.
"Alice, bitte."
Als er seine Hand nach mir ausstreckt zucke ich zusammen, erhebe meinen Kopf und rücke von ihm weg.
Er soll mich nicht anfassen,
er soll nicht mit mir reden,
er soll mich so nicht sehen,
er soll mich einfach nur alleine lassen.
"Was machst du hier?"
"Ich bin wegen dir hier."
"Woher wusstest du, dass ich hier bin."
"Es war nicht schwer dich zu finden."
Das beantwortet zwar nur zum Teil meine Frage, aber ich hab keinen Nerv näher drauf einzugehen.
"Ich wäre jetzt lieber allein.."
"Ich kann dich nicht hier lassen."
Ich schnaube erneut genervt auf.
Lasse meinen Kopf wieder auf den Boden sinken und starte in den Sternenhimmel, den man mittlerweile sieht.
"Dann mach doch was du willst."
Grummle ich in mich hinein, hier interessiert es ja eh niemanden was ich will.
Ich drehe mich von ihm weg und Hülle mich wieder in meine eigene Welt.
Die aus schrecklicher leere und endlosem schwarz besteht.
Nach kurzer Zeit der Stille kommen mir wieder Tränen und ich fange unkontrolliert das schluchzten an.
Eine verdammte Lüge.
Mein Leben ist eine Lüge.
Ich spüre einen Arm um meine Hüfte.
Ich will mich ihm entziehen, aber trotzdem, dass er sanft ist, kann ich nichts gegen ihn tun.
Ich werde einmal gedreht, sodass ich Gabriel anschaue, der neben mir auf dem Boden liegt.
Er sieht traurig aus.
Seinen einen Arm legt er unter meinem Kopf, während er mich mit dem anderen zu sich zieht.
"Alice, bitte, lass mich für dich da sein."
"Ic.. Ich brauche keine Hilfe, lass mich los."
Da ich diesen Satz zwischen regelmäßigen schluchzten hervor bringe, klingt er bei weitem nicht so überzeugend wie geplant.
Er blickt mich ernst an, während ich versuche Abstand zwischen uns zu bringen.
"Dann hab ich wohl keine andere Wahl."
Er nimmt sacht seine Hand von meiner Hüfte und legt sie auf meine Stirn.
Ich will gerade protestieren, als er vorsichtig ein Kreuz zeichnet und einige unverständliche Worte murmelt.
Mein Körper fühlt sich augenblicklich leicht an, schwerelos, all meine Sorgen scheinen wie weg geblasen zu sein, meine Tränen stoppen und meine Atmung beruhigt sich.
Es fühlt sich so an, als könnte ich das erste mal wieder klar denken.

"Komm her, lass mich dir helfen."
Ich gebe meinen widerstand nach und lasse mich in seine starken Arme ziehen.
Während er mir beruhigend über den Kopf streichelt starre ich nur an seine Brust.
Nach einiger Zeit sagt er leise:
"Ich bring dich Heim."
Es ist, als würde erneut ein Damm in mir brechen und ich fange sofort wider an zu weinen.
"Nein, ich bleibe hier."
"Gut, dann bleiben wir hier."
Sagt er und nickt dabei verständnisvoll.
Wir?
Er zieht mich wieder zu sich.
Sacht streichelt er mir den Rücken und flüstert mir zu, das alles wieder gut wird.
Wird es das denn?
Ich hingegen liege weinend in seinen Armen und heule mir die Seele aus dem Leib.
Irgendwie ist es doch nicht so schlecht, jemanden zu haben der für einen da ist.
Ich grüble noch einige Zeit über das Gespräch, bis ich irgendwann vor Erschöpfung und noch immer weinend in seinen Armen einschlafe.

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