„Wo bist du heute nur mit deinen Gedanken, Alice?"
„Hm, was? Was sagtest du?", nuschle ich gedankenverloren in meinen Schal.
Alex verdreht spielerisch seine Augen.
„Genau das sagte ich.", meint er grinsend. Sichtlich verwirrt hebe ich meine Hand in einer fragenden Geste.
„Ich wundere mich nur, worüber dein hübsches Köpfchen sich die ganze Zeit Gedanken macht?"
Kurz wende ich meine Augen von ihm und schaue in den wolkigen Himmel.
Ach, ich. Ich denke nur an Luzifer und an seinen perfekten Oberkörper, seine zärtlichen Lippen auf meiner Haut und seine gottverdammten blauen Augen.
Aber vor allem, vor allem denke ich an seine Worte, bevor er gestern Abend gegangen ist.
Sie waren so ehrlich. Als würde ich ihm wirklich etwas bedeuten.
Schnell wende ich meinen Blick wieder Alex zu und räuspere mich leise.
„Ich.. Ich denke nur an den Mathetest nachher." Sonst nichts, genau. Einfach an Mathe denken, da vergeht einem doch meistens die Laune; vor allem, wenn man nicht sonderlich viel gelernt hat und dennoch eine Probe schreibt.
Verdammt, so ein Doppelleben ist nicht gerade einfach.
„Na, wenn du das sagst.", erwidert mir Alex, wobei er nicht gerade überzeugt klingt.
Ich wende mich wieder meinem Brötchen zu und esse schweigend vor mich hin.
Diese wunderschönen Lippen, stürmischen Augen, dieser makellose Oberkörper und Haare... Oh Gott, seine Haare. So weiche Haare hat sonst keiner. Wie ich es liebe, durch sein wuscheliges Haar zu fahren.
Ich schließe kurz meine Augen und fahre mir erneut durch mein bereits zerzaustes Haar.
Sofort erscheint ein Bild von Luzifer mit seinem typischen spitzbübischen Grinsen in meinen Gedanken.
Ich springe von der Mauer, auf der Alex und ich sitzen und schmeiße meine Flasche dabei versehentlich zu Boden.
Langsam drehe ich durch. Offenbar kann ich an nichts anderes mehr denken, als an den gefährlich gut aussehenden Teufel.
„Sicher, dass es dir gut geht?", fragt Alex sichtlich verwirrt von meinem Anfall an Bewegungsfreude.
„JA." Meine Antwort kommt zu schnell und laut, um auch nur ansatzweise glaubhaft zu sein.
Er nickt betont langsam und lässt mich dabei nicht aus den Augen.
Denk an Mathe und nicht mehr an Luzifer.
Mathe.. Mathe... Maaathe.
Binomische Formeln.
Wahrscheinlichkeiten.
Matrizen.
Muskulöse Oberarme, die sich zärtlich um meinen Körper schlingen.
Differenzialgleichungen.
Kreisberechnung.
Sinusfunktion.
Sachte Küsse, die er auf meinem Hals verteilt.
Verdammt, so komme ich nicht weiter.
„Lass uns rein gehen; gleich geht die nächste Stunde los.", schlage ich schnell vor. Vielleicht bringt mich wenigstens das auf andere Gedanken.
„Ja, gehen wir.", sagt Alex, während er sich träge von der Mauer erhebt.
Ich lasse meine Tasche auf den Fußboden im Gang gleiten.
Endlich bin ich Zuhause. In der Schule konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, es sei denn, es ging um Luzifer. Nicht unbedingt hilfreich, wenn man eine Probe schreibt. Aber dass meine Noten darunter leiden, dass ich plötzlich die Welt retten soll, wundert wohl niemanden.
„Dad, ich bin Zuhause."
Keine Antwort. Ich ziehe meine Schuhe aus und stelle sie ordentlich ins Schuhregal, in dem ein Paar mir unbekannte graue Sneakers stehen.
Offensichtlich bekommen wir in letzter Zeit öfter unangekündigten Besuch.
Langsam bahne ich mir meinen Weg ins Wohnzimmer. Doch bevor ich in den Raum eintrete, höre ich von drinnen das Lachen meines Dads. Entwarnung, würde ich sagen.
Vorsichtig strecke ich den Kopf ins Zimmer und sehe meinen Dad zusammen mit Jonathan auf dem Sofa sitzen. Das mit der Entwarnung nehme ich zurück. Mein Herz setzt für einen Schlag aus, bevor ich komplett in den Raum eintrete.
„Hallo Schatz, schön, dass du wieder da bist."
Kurz wechsle ich fragende Blicke zwischen den Zweien.
Jonathan formt ein stummes ‚Sorry' mit seinen Lippen.
„Setz dich doch."
„Was.. warum .. Ich verstehe gar nichts mehr."
Jonathan ergreift das Wort als erster.
„Ich wollte dich nach der Schule kurz besuchen und dir das hier vorbeibringen." Er zeigt auf einen dampfenden Becher und eine kleine Papiertüte. „Heiße Schokolade und einen Muffin. Doch als ich geklingelt habe, hast nicht du aufgemacht sondern dein Dad."
„Dad, ich wollte dir schon früher von Jonathan erzählen, aber ich bin irgendwie nicht dazu gekommen."
„Keine Sorge, ist doch nichts passiert. Jonathan hat mir bereits alles erklärt."
„Und du hast kein Problem damit, dass ich es dir nicht schon früher gesagt habe?"
„Nein, um Gottes Willen. Wenn man auf einmal seinen Bruder nach so vielen Jahren trifft, ist es schon verständlich, dass einem die Gedanken ganz woanders stehen." Er lächelt mir verständnisvoll zu und ich nicke dankbar.
„Wie wäre es, wenn wir gemeinsam zu Abend essen? Ich bereite etwas vor und ihr zwei könnt euch so lange unterhalten."
Dad erhebt sich von der Couch und lächelt uns beiden nett zu.
„Gerne, ich bin unglaublich hungrig.", sage ich begleitend mit einem zufriedenen Seufzen.
Jonathan grinst leicht.
„Sehr gerne, Mr. Cla.."
„William. Nenn mich doch bei meinem Vornamen. Es gibt keinen Grund für eine formale Anrede, Jonathan."
„Na dann, William, vielen Dank für die Einladung. Ich würde gerne mit euch essen."
Mein Dad nickt kurz, bevor er in die Küche geht und ich ihn daraufhin leise summen höre, was er eigentlich immer während des Kochens macht.
„Na, wie war dein Tag?" fragt mich Jonathan, während ich mich neben ihn auf die Couch fallen lasse.
Ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und schließe meine Augen.
„Gut."
Ich spüre, wie er seinen Kopf sachte zu mir dreht und mich mustert.
„Was ist los, Alice?"
„Ach, keine Ahnung, ich bin einfach nur froh, dich zu sehen."
Sein besorgtes Gesicht verwandelt sich in ein freundliches Lächeln.
„Ich bin auch froh, endlich bei dir zu sein."
Kurz schweigen wir beide.
„Sicher, dass alles in Ordnung ist? Du wirkst angespannt.", fragt er erneut.
Ungewollt denke ich an den Streit mit Luzifer vom Vorabend zurück.
Dann halte ich die Stille zwischen uns nicht mehr aus.
„Luzifer traut dir nicht."
„Er ist der Teufel, kann man es ihm verübeln? Vertrauen liegt sicherlich nicht in seiner Natur."
„Das stimmt wohl. Aber ich mache mir einfach Sorgen.", erwidere ich.
„Darüber, dass er recht hat, und man mir wirklich nicht vertrauen kann, oder .."
„Mensch, Jonathan, doch nicht darüber. Sondern um dich! Manchmal ist er unberechenbar. Was, wenn er dir in seinem Wahn etwas antut?"
Ich schaue ihm voller Sorge in die blauen Augen. Sachte streicht er mir einige Haare aus dem Gesicht.
„Mach dir keine Gedanken, das wird er nicht. Also hoffentlich."
Ich lege meinen Kopf schief. Sollte mich das jetzt ermuntern?
„Wir müssen ihm zeigen, dass ich nichts mehr will, als dich zu schützen. Alice, ich würde alles für dich tun. Luzifer wird sehen, dass ich keine Bedrohung bin. Am wenigsten für dich, geschweige denn für ihn; immerhin ist er der Teufel."
„Aber was, wenn er es einfach nicht einsehen will?"
„Dann werde ich ihm keine Gründe liefern, misstrauisch zu werden. Ab jetzt bin ich der vorbildlichste Bruder aller Zeiten."
„Glaubst du denn, das bekommt du hin?"
Er hebt spielerisch seine Augenbrauen.
„Willst du damit etwa andeuten, ich war bis jetzt kein guter Bruder?"
Ich muss bei seinem vorwurfsvollen Ton grinsen.
„Naja, so als Vorzeige-Bruder könntest du dich ruhig noch ein wenig mehr ins Zeug legen."
Schnell packt er meinen Nacken mit einer Hand und drückt leicht zu.
„Na sag schon Schwesterchen, wer ist dein Lieblingsbruder?"
Ich grinse und versuche mich aus seinem Griff zu befreien.
Wir rangeln ein wenig hin und her, bis ich lachend und noch immer fest in seinem Griff: „Du natürlich! Ich gebe auf." hervor quetsche. „ Du bist mein Lieblingsbruder!"
Grinsend lässt er mich los. „Wusste ich es doch." Ich zucke mit den Schultern, verdrehe leicht die Augen und erwidere leise: „Eine große Auswahl habe ich ja nicht, also interpretiere ja nicht zu viel hinein."
„Was war das?" Er funkelt mich gespielt böse an. „Komm nur her, du kleines Gör. Wenn ich dich in die Finger bekomme..." Schnell springe ich von der Couch auf. „Dafür musst du schon schneller sein."
„Dieses Mal lasse ich dich davon kommen, aber das wirst du mir noch büßen, Lieblingsschwester." Ich schnappe mir die heisse Schokolade, die er mir mitgebracht hat, trinke einen großen Schluck, lasse mich erneut neben ihm nieder und grinse ihn provozierend an.
„Keine Sorge Brüderchen, ich bin allzeit bereit."
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Guten Abend meine Lieben,
Kurze Umfrage was denkt ihr:
Kann man Jonathan trauen oder sind Luzifers Zweifel gerechtfertigt? 🤷🏻♀️
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Hello Devil, nice to meet you!
Paranormal"Pass lieber auf wie du mit mir redest, Alice. Du hast ja keine Ahnung wer ich bin und was ich alles mit dir anstellen könnte." Also bitte noch geschmackloser als mir jetzt solch eine Drohung hinterher zu werfen, geht ja überhaupt nicht. "Ach ich...
