„Wie geht's dir?"
Die Frage ist leise und äußerst vorsichtig gestellt, lässt mich jedoch abfällig schnauben.
Wie es mir geht?! Das soll wohl ein Witz sein.
„Ich denke, ihr solltet gehen."
„Alice, wir sollten darüber re.."
„Geht!" Meine Stimme ist leise, fast nur ein Hauch, aber anscheinend laut genug, um meine Worte zu verstehen.
Michael und Raphael verschwinden wortlos. Ist wahrscheinlich besser so.
Meine Tränen, die ich seit unserer Rückkehr krampfhaft zu unterdrücken versuche, bahnen sich erneut ihren Weg.
„Ich kann dich nicht zurücklassen."
„Dann hättest du mich überhaupt nicht erst dort hinbringen sollen, wenn dir die Auswirkungen nicht gefallen."
„Das sollte dir nur helfen, nicht.."
„Nicht was? Hast du geglaubt, mir ist es egal, ob eine Frau vor meinen Augen stirbt?" Mein Blick ist unscharf, da ich noch immer unablässig weine.
„Dann kennst du mich jedoch schlechter als gedacht! Also bitte, geh."
In meinem Kopf überschlägt sich alles, was es mir schwer macht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
„Ich lasse dich nicht allein, nicht so."
Er macht einen Schritt auf mich zu; ich hingegen weiche einen zurück. Er soll mich doch einfach nur allein lassen.
„Nein, geh einfach."
Doch er scheint meine Einwände zu ignorieren, ergreift meine Hand und zieht mich in seine Arme.
Seine Wärme und Ausstrahlung vermitteln solch eine Wärme und Geborgenheit, dass ich ein Schluchzen nicht unterdrücken kann.
„Alles ist gut, ich bin ja da."
Auch wenn ich ihn gerade weder sehen, noch in meiner Nähe haben will, vergesse ich alles, als er mir sachte über den Rücken streichelt und mir beruhigend zuspricht. Es fühlt sich gut an, nicht alleine zu sein.
„Soll ich dir die Schmerzen nehmen?"
Wahrscheinlich irgendein Engelding, bei dem meine Gefühle beruhigt werden.
Ich schüttle leicht meinen Kopf.
„Nein, lass ihn."
Er soll mich daran erinnern, dass ich nicht alles zu können vermag, aber alles daran setzen werde, Menschen vor diesem Schmerz zu bewahren.
„Bist du sicher?"
Ich nicke. Meine Augen fallen kurz zu, bis ich mich schnell wieder fange. Die Ruhe, die von Gabriel ausgeht, nimmt mich mehr in ihren Bann als erwartet.
„Ich sollte mich wohl besser ausruhen. Leben zu retten ist bei weitem anstrengender, als gedacht."
„Ich bring dich noch hoch."
„Lass nur, ich pack das."
Doch bevor er etwas erwidert, stehen wir schon in meinem Zimmer.
„Ruh dich aus, wir reden ein andernmal."
„Ich habe nichts mehr zu sagen."
Mit diesen Worten löse ich mich von ihm und drehe mich weg. Das Gefühl von Ruhe und Gelassenheit verlässt mich schlagartig, was mir kurz einen Stich ins Herz versetzt.
„Glaube mir, ich wollte dich nicht verletzen. Es tut mir wirklich Leid. Wir sehen uns. Pass gut auf dich auf."
Obwohl ich mit dem Rücken zu ihm stehe, weiß ich, dass er gegangen ist.
Ich ziehe mir, obwohl es noch nicht allzu spät ist, meinem Schlafanzug an und lasse mich in mein Bett fallen.
Eingewickelt in meine Decke und vergraben unter Kissen, versuche ich, die Kälte um mich herum zu vertreiben.
Mit Gabriel ist nicht nur die Ruhe um mich, sondern auch die Wärme gegangen. Vielleicht ist es mein Herz, das sich gerade so kalt und schmerzhaft anfühlt, dass es sogar meinen Körper zum Zittern bringt.
Trotz der Tatsache, dass ich enorm erschöpft bin, stehe ich noch immer viel zu sehr unter Strom, um auch nur ein Auge zuzubekommen.
Stunden vergehen, in denen ich gedankenverloren an die Decke starre oder wieder und wieder überlege, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe.
Mein Blick fällt auf den Wecker. Kurz vor drei und bis jetzt habe ich keine Sekunde geschlafen.
Die Bilder des mittlerweile gestrigen Tages haben sich in meinen Kopf eingebrannt und sobald meine Augen zufallen, erscheint das Bild des sich überschlagenden Autos, oder das der sterbenden Mutter, für die ich rein gar nichts getan habe.
Meine Augen sind von den vielen Tränen geschwollen. Und eine innere Unruhe macht sich in mir breit, gegen die die körperliche Erschöpfung 100 Mal angenehmer ist.
Auch die restlichen Stunden, bis ich in die Schule muss, verbringe ich grübelnd und zu meinem Elend wach. Nachdem ich kurz am überlegen war, ob ich überhaupt aufstehen soll, habe ich beschlossen, dass es womöglich nicht schlecht ist, auf andere Gedanken zu kommen. Außerdem könnte mir ein wenig Ablenkung gut tun.
Ich verlasse das Haus, wobei mir bei einem letzten Blick in den Spiegel auffällt, dass meine Schminke nicht im geringsten zu verdecken vermag, dass ich nicht geschlafen habe und es mir milde gesagt bescheiden geht.
Was solls, ich kann gerade absolut nichts daran ändern.
Gedankenverloren laufe ich zur Straßenbahn, da ich ausnahmsweise sogar pünktlich bin. Das einzig gute daran, wenn man nicht schläft: man kann auch nicht verschlafen, immerhin.
In der Bahn lasse ich mich auf einen Platz fallen und starre stur den Boden an.
Hätte ich sie doch retten sollen?
Vielleicht hätte ich die Konsequenzen besser abwägen sollen.
Wie es jetzt wohl der Familie geht?
Das muss die schlimmste Zeit ihres Lebens sein. Sie sind bestimmt im Krankenhaus und es wird überraschend festgestellt, dass sie alle ohne Kratzer davon gekommen sind.
Alle, bis auf die Mutter.
Die Bahn hält an und fast vergesse ich, auszusteigen. Wie soll ich nur den Unterricht überstehen, wenn ich keinen klaren Gedanken fassen kann?
Außerhalb der Bahn inhaliere ich erstmal die kühle Morgenluft.
Dann folge ich den Menschenmassen ein wenig verspätet über die Ampel, da ich von einem Mann unsanft angerempelt wurde.
Ein lautes Hupen lässt mich jedoch zusammenzucken. Ein Auto rast auf den Übergang zu, auf mich zu. Na ganz toll, anscheinend ist die Ampel schon wieder rot. Erschrocken will ich zurückstolpern, jedoch sind meine Reflexe durch die Müdigkeit verlangsamt. Voller Angst schließe ich die Augen und hoffe, dass der Fahrer es schafft, rechtzeitig zu bremsen. Wie versteinert stehe ich auf der Straße,
bis ich eine Hand packt und mich am Oberarm nach hinten reißt.
„Geht es dir gut?"
Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter, als ich die raue Stimme an meinem Ohr höre.
Jonathan.
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Hello Devil, nice to meet you!
Übernatürliches"Pass lieber auf wie du mit mir redest, Alice. Du hast ja keine Ahnung wer ich bin und was ich alles mit dir anstellen könnte." Also bitte noch geschmackloser als mir jetzt solch eine Drohung hinterher zu werfen, geht ja überhaupt nicht. "Ach ich...
