Der Tiergarten

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Der Tiergarten


Als Andre und Victor den Tiergarten betraten kam es ihnen vor, als hätten sie eine andere Welt betreten. Die gepflasterten Wege waren unter den Pflanzen schon längst nicht mehr zu erkennen. Es war ein kleiner Dschungel, unter dem man die Zeichen der Zivilisation nur noch erahnen konnte. Zerbrochene Glasscheiben, überwachsener Stein und gesplitterte Gitter. Ungläubig ging Andre langsam zu dem ehemaligen Elefantengehege und schob einen jungen Zweig von der Tafel weg. "Was zum Teufel ist hier passiert?" flüsterte er, mehr zu sich selbst, als zu Victor. "Die Stadt kann doch höchstens seit 4 Tagen verlassen sein, aber diese..." Mit einem panischen Schrei sprang er von der Tafel zurück. "V-Victor! H-hast du das gerade auch gesehen?" Iblali nickte steif. Der Trieb einer Schlingpflanze hatte sich wie etwas Lebendiges über das Plastik geschoben, trieb weiter aus, entfaltete Blätter, wie man es normalerweise nur in Zeitraffer zu Gesicht bekam. Diese Pflanze wuchs so schnell, wie es von der Natur nicht vorgesehen war! Andre konnte sein Herz pochen hören, seine Hände zitterten und erst jetzt erkannte er es. Alles, jede einzelne Pflanze um sie herum, wuchs und war in Bewegung. "D-das sind nur Pflanzen! Nichts gefährliches, nur ungewöhnlich. Ein bisschen Grünzeug wird uns sicher nicht daran hindern diese Benzinkanister..." Ein Geräusch, das so gewaltig und bedrohlich, wie eine Naturkatastrophe war ließ sie herum fahren. Wer von euch schon mal das Gebrüll einer Raubkatze gehört hat weiß, was ich meine. Zuerst kann man nicht glauben, dass etwas sterbliches, ein Tier, so einen Laut hervorbringen kann, doch es tut es trotzdem. Das war es, was Andre und Victor in diesem Moment hörten. Das Grollen des Donners, das knacken eines sterbenden Baumriesen, das Krachen einer Flutwelle, die gegen scharfe Klippen prallt aus einem lebendigen Maul mit blutbeschmierten, langen, scharfen Zähnen und darüber milchig-weiße Augen.  Mit federnden Schritten bewegte sich der Tiger lauernd auf sie zu. Er war auf der Jagd. Andre und Victor rannten um ihr Leben, nur in Richtung des Ausgangs, doch an der nächsten Kreuzung stand eine Löwin. Ihr Fell war rot braun und verklebt vor Blut. Sie saßen in der Falle. Links von ihnen war ein verbogener Käfig, der vermutlich ins Raubtierhaus führte und rechts fiel eine glatte Betonwand 6 Meter tief ab. Ein Affengehege? Einen Sturz aus dieser Höhe würde er nicht überleben... "Wir müssen durch das Raubtierhaus, links." flüsterte Andre ohne den Blick von den Raubkatzen zu wenden. "Renn' und dreh' dich nicht um. Egal, wo ich bin und was mit mir passiert. Verstanden? Auf 3. Eins... Zwei..." Andre spannte alle seine Muskeln an, bereit los zu rennen, aber auch bereit einfach stehen zu bleiben und Victor damit einen Vorsprung zu verschaffen. "...Drei." Sein Kumpel rannte los und auch Andre wollte auf die Lücke zwischen den verbogenen Gitterstäben zu sprinten, doch plötzlich packte ihn etwas von hinten und zerrte ihn in Richtung des Abgrundes. Es fühlte sich an, wie eine Hand, aber die Kraft dahinter war viel zu groß für einen Menschen, selbst für einen Zombie. Andre stolperte zurück, spürte das kleine Mäuerchen in seinen Kniekehlen und fiel. 6 Meter tief. Starb aber nicht. Das laute, widerliche Knacken, mit dem seine Knochen brachen übertönte seinen Schrei und der Schmerz raste durch seinen Körper. Er konnte seine Beine nicht bewegen... Verzweifelt blinzelte Andre, bis sein Blick wieder klar wurde und er erkannte, was ihn da über den Abgrund gezogen hatte. Es war ein riesiger, bedrohlich schnaubender Affe, der sich geschickt an den Aufgesprungenen Stellen der Mauer herunter hangelte und sich neben ihn fallen ließ. Seine Augen waren weiß. Mit einem wütenden Fauchen blickte der Tiger über den Abgrund hinunter, zu seiner Beute, die der Affe ihm soeben dreist gestohlen hatte, doch Andre bekam das schon nicht mehr mit. Der Primat packte eines seiner gebrochenen Beine, kümmerte sich nicht um seinen Schmerzensschrei und schleifte ihn mit sich. Der Stein der verwitterten Wege riss ihm die Haut auf, doch egal wie er sich wehrte... Es nützte nichts. Aus der Entfernung konnte er schwach das Brüllen der Löwin hören, als der Affe mit einem zufriedenem Grunzen sein Bein losließ. Offenbar hatten sie ihr Ziel erreicht. Andre stand kurz vor der Bewusstlosigkeit, der unerträgliche Schmerz raste durch seinen Körper, doch den Leichenberg erkannte er trotzdem. Keiner der Körper war noch in einem Stück. Dort lagen ein paar ausgerissene Arme, etwas weiter einige Organe, einzelne Beine, achtlos weggeworfene Köpfe... Deshalb gab es in der Stadt keine Zombies. Der Schmerz pulsierte zu heftig in seinem Blut, um Angst zu haben, doch in diesem Moment begriff er etwas. Die Zombies waren nicht das gefährlichste an diesem Virus, die menschlichen Untoten waren nicht die Höchsten in der Nahrungskette. Es war die Natur selbst. Sie war das tödlichste an allem und genau in diesem Moment, als Andre das erkannte, brach der Affe ihm das Genick. 

Bis zum letzten Tropfen BlutGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt