Wenn man eine Dunkelheit verlässt

356 21 0
                                        

Wenn man eine Dunkelheit verlässt

'Das Licht am Ende des, Tunnels' War das nicht auch eine Metapher, die Hoffnung darstellte? Wenn es so war, dann hatte Simon das nie besser verstanden, als jetzt. Sie hatten den Tunnel hinter sich gelassen, waren ein gutes Stück südlicher... Es war der Schrei, der ihn in die Kälte der Realität zurück holte. Herr Bergmann. Simon begann zu rennen, folgte dem schrecklichen Geräusch, ohne auch nur einen Blick über die Schulter zu werfen. Ironischer Weise hätte die Landschaft, die sich ihnen bot, nicht schöner sein können. Die Straße schlängelte sich an einer saftigen, grünen Wiese vorbei, die noch unbeeindruckt von der Kälte ihre Farbe behalten hatte. Auf der anderen Seite des brüchigen Asphalts führte ein sanfter Abhang hinunter zu einem Fluss, in dessen ruhigen Wellen sich die Strahlen der Sonne spiegelten. Der Schrei passte nicht in diese Kulisse. "Diese falsche Kulisse, Simon, kommt daher, dass du nur nach gerade aus siehst. Schau nach rechts... " Die Wiese zog sich bis zum Fuß der sandfarbenen Felswand, doch sobald Simons Blick den Stein traf bekam die Idylle einen Riss. Der Fels war überzogen mit weißen, klebrigen Fäden, die sich in Richtung eines etwa 4 Meter hohen Öffnung immer weiter verdichteten. Der erste Schreck ließ ihn erstarren. War das... Simon konnte es nicht glauben. Das waren... Spinnenfäden! Die ganze Felswand schien ein riesiges Netz zu sein und mitten im Zentrum schrie Tim. "Spinnennetz, oder nicht! Dein Freund ist da drin, Simon! " Seine Schritte beschleunigten sich wieder. Er hatte Herr Bergmann versprochen ihn da raus zu holen! Er hatte es versprochen... "Tim! " Es gab eine kleine Lücke aus dem Geflecht aus Weiß, gerade groß genug für einen Menschen. Da lag er. In einer kleinen Felsnische, die Augen vor Schmerz zusammen gekniffen und alle Muskeln verkrampft. Ohne sich um die dünnen Spinnenfäden zu kümmern, die sich aus seine Haut hefteten und in seinen Dreads kleben blieben, kroch er so weit in den kleinen Felsspalt hinein, bis er ihn erreichte und zog seinen Kumpel auf die Wiese. Die warme Sonne fiel auf sein bleiches Gesicht und Tim öffnete mit aller Kraft die Augen. Der Schmerz hatte sie farblos gemacht. Farblos und blass... " Tim blinzelte "Wenigstens kann ich das noch ein letztes Mal sehen... Ein letztes Mal die Sonne... " "Nein, Tim! Es ist nicht das letzte Mal! Du kannst die Sonne noch oft sehen, noch Jahre lang!" Vor Verzweiflung schwoll Simons Stimme an, doch langsam begann der Schmerz aus den Augen seines Freundes zu verschwinden und er wurde still. So still... "Nein! " Er kniete im weichen Gras vor Tims Leiche, dessen farblos gewordene Augen ausdruckslos ins leere starrten.

Taddl stand wie versteinert da und starrte zu Simon und Tim. Das konnte einfach nicht sein! Das durfte einfach nicht sein! "Wieder einer tot, Taddl. Wer ist der nächste? Felix, Simon, Izzi, oder... Ardy? " Der Gedanke fühlte sich an, wie ein Tritt in den Magen. Der Schmerz nahm Taddl so ein, dass er nicht einmal bemerkte, wie Annika mit aller Anstrengung zu ihm aufschloss. "Taddl! " fauchte sie ihn schroff an. "Hol' Simon weg von ihm! JETZT! " Auch, wenn das Mädchen die Stimme nicht hob duldete der harte und befehlsgewohnte Unterton keinen Wiederspruch. "Wenn nötig trage ihn raus, aber hol' Simon von seiner Leiche weg! " Ihre Stimme wurde weicher, das Mädchen schien mit sich selbst zu reden "Er muss nicht noch mehr sehen... An noch mehr würde er zerbrechen... " Immer noch verwirrt und eingeschüchtert ging Taddl zu Simon und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. Felix hatte genau hinter Annika gestanden. Auch wenn sie ihn nicht gesehen hatte und ihn nicht angesprochen hatte zuckte Dner doch erschrocken zusammen. Selbst nachdem Taddl schon neben Simon stand wurde sie nicht ruhig. Annika kratzte mit ihren Fingernägeln immer wieder nervös über den rauen Stoff ihres Rollstuhles, Tränen der Verzweiflung schimmerten in ihren Augenwinkeln. Sie atmete erst auf, als Simon langsam begann aufzustehen, Tims Leiche den Rücken zukehrte und zu ihnen zurück auf die Straße kam. Er kümmerte sich nicht einmal darum, als mit einem leisen rascheln zwei lange, dünne Spinnenbeine durch eine Lücke im Netz nach draußen griffen, um den leblosen Herr Bergmann aufzunehmen und ihn zurück in die Dunkelheit zu ziehen. Taddl hatte allein schon bei dem Geräusch die Beine in die Hand genommen, doch Simon schien dafür einfach keine Kraft mehr zu haben.

Bis zum letzten Tropfen BlutGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt