6. Kapitel

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X E N O S




Bilder. Sie waren überall. Eine kleine Lichtung. Braunes Fell. Das Knacken von Knochen. Doch das schlimmste waren die Schreie. Sie verfolgten mich durch die tiefsten Nächte und liessen mich wie ein kleines Kind hochschrecken.

Brüllend jagte ich durch den mitternachtsschwarzen Wald. Auch ohne den Mondschein hätte ich dank dem übernatürlichen Sehvermögen meines Wolfes im Wald zurechtgefunden. Und mir entging auch nicht das leise Poltern, dass immer näherkam.

Ich knurrte. Beau sollte verschwinden. Die Dämonen sassen immer noch in meinem Kopf, jeder Zeit bereit, ihre Krallen auszufahren und nach mir zu greifen. Und wenn sie mich befielen, wollte ich alleine sein.

Beau verstand den Wink, und der schockobraune Wolf verschwand wieder.

Das ging nun schon ein Jahr so. Die nächtlichen Träume, die kamen und wieder verschwanden. Und obwohl es schon über tausend Jahre her war, seit dieser schrecklichen Nacht, traf mich der Verlust immer wieder aufs Neue. Genauso heftig, als wäre es erst gestern geschehen.

Ich beschleunigte meine Geschwindigkeit und jagte durch den Wald. In einer Nacht wie diesen, gab es nichts anderes, das ich tun konnte, ausser meinem Wolf die Führung zu überlassen. Manchmal wusste er einfach besser, wie mit der Leere in meiner Brust umzugehen ist, als der Mann. Ich schob mein blutendes Herz, dessen alte Narbe immer wieder aufs Neue aufzuplatzen drohte, hinter eine dicke, steinerne Mauer und unterdrückte jegliche anderwärtige Gefühle. Solange ich nicht allzu viel spürte, würde der Schmerz vorbei gehen. Und hoffentlich dieses Mal für immer.

Der Geruch kam unerwartet. Süsse Blumen und frischer Frühling. Niemals würde ich diesen Duft vergessen - er hatte sich seit der ersten Begegnung tief in mir verankert. Und nun begegnete ich ihm abermals – nach einem ganzen Sonnenumlauf.

Elegant sprang sie von dem Baum und landete geschmeidig wie eine Katze mehrere Meter vor mir auf dem Boden. Ihre karamellfarbene Haut schimmerte im hellen Mondlicht und ihre weisse Bemalung schlängelte sich um ihre schlanken, feinen Muskeln herum. Heisse Verlangen schwabte über mich und neue Bilder vertrieben die alten, schmerzvollen. Bilder, in denen ich über die feinen, weissen Linien strich, sie mit der Zunge erkundete und verwöhnte, bis sie nicht mehr anders konnte als heiser um mehr zu betteln.

Räuspernd verschränkte sie ihre Arme vor der Brust und ich riss gewaltsam meinen Blick von ihren zusammengepressten Brüsten. Mit einem Gedanken wandelte ich von Wolf zu Mann und stand ihr nun erhobenen Hauptes gegenüber. «Arya.»

Sie blickte weg. Streng befahl sie: «Zieh dich an.»

Das Knurren meines Wolfes übertrug sich auf meine menschlichen Stimmbänder, als der Wolf in mir genauso reagierte, wie jeder andere dominante Wolf, der herausgefordert wurde. «Sag mir zuerst, was du hier machst.»

«Erst wenn du dir eine Hose anziehst!» spie sie und ihr Kopf war nach wie vor weggedreht.

Seit wann konnte sie so gut meine Sprache sprechen? Ich war kurz davor, sie darauf anzusprechen, entschied mich jedoch dagegen. Kein intelligenter Mann würde eine Frau danach fragen – und ganz bestimmt keine wie sie. Ich griff hinter den Baum und zog die im Busch versteckte Hose hervor. In unserem ganzen Territorium waren Kleider stationiert und verstaut, damit wir uns ohne Probleme wandeln und zu jeder gegeben Zeit bekleiden konnten.

Ich zog die Jeans an. Nicht weil ich ihrem Befehl folgte, sondern weil ich wusste, dass es ihr unangenehm war und so sollte sie sich nicht in meiner Gegenwart fühlen. Nicht wenn ich ihr noch näherkommen wollte. Und das wollte ich – unbedingt. Der Drang, sie zu berühren, ihre warme Haut an meiner zu spüren, wurde so stark, dass ich mein Kiefer zusammenpresste und meine Hände zu Fäusten ballte.

X E N O S | ✔️Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt