"The Sun In My Lonely Night " von @aydapple

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Yue = Mond

Nyx = Nacht

Er verkörperte den Tod. Jede Blume, an der er vorbeiging, verwelkte in Sekundenschnelle. Nur ein Wort von ihm und etliche Vögel fielen zu Boden. Eine Berührung reichte, um einen Menschen zu töten.

Sie war stets umgeben von Blumen. Viele meinten, sie sei der Grund für ihr erblühen. Ihr Singsang jeden Tag erfüllte die schöne Brise des kühlen Morgens und schleppte Vögel vieler Art auf sanfter Weise zu ihr.

Zwei unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Schicksalen. Allerdings kreuzten sich ihre Wege sowie ihre Schicksale ab einem gewissen Zeitpunkt und aus zwei wurde eins. Ein qualvolles Schicksal, das so verzweigt war wie ein 1000-Jahre alter Baum, vereinte beide Seelen.

Es brauchte keine Berührung der beiden, um ihre Liebe zu demonstrieren. Allein ihre Augen, die nicht von einander abließen, waren Zeugnis ihrer bedingungslosen Schwärmerei.

Nyx und Yue. Ihre Schicksale deuteten drauf, dass der eine die Nacht war, während die andere der Tag. Sie durften sich nicht begegnen. Dafür sorgte die Natur. Und trotzdem – wie durch ein Wunder – fanden sie einen Weg, sich zu begegnen.

Yue war eine Prinzessin, die im Gold der Sonne bandete und sich in Gewänder, gestickt aus Sonnenstrahlen, kleidete. Er dahingegen war ein Prinz, dessen einzige Lichtquelle die trüben Strahlen des Mondes – oder sollte ich besser ›die Strahlen der Sonne‹ sagen? – waren.

Obwohl sich Tag und Nacht niemals begegnen würden, bedeutete dies nicht, dass sie sich nicht begehren durften. Yue, Prinzessin des Hofs des Tages und des Lebens, schenkte Nyx, dem Prinzen des Hofs der Nacht und des Todes, den Mond, der nur dank der Strahlen ihrer Sonne leuchtete.

Den Erzählungen nach hatte Nyx jede Nacht lang den Mond bewundert, so wie er ihre Schönheit einst bewundert hatte. Er streckte seinen Arm und malte sich aus, sie berühren zu können wie an jenem Tag.

»Yue, Ich kann das nicht mehr«, fing Nyx an jenem Tag an. »Du und ich. Das muss aufhören.«

Überrascht blickte Yue von ihrer Skizze auf. Eine Skizze, die seiner Schönheit gerecht war. »Was meinst du?«

Ihm stockte der Atem. Er wollte – nein, er konnte – nicht weiterfahren, doch er musste seine Pflicht erledigen. Er durfte nicht weiterhin ihr Hoffnungen schüren. Hoffnungen auf das Unmögliche. Auf etwas, das er niemals haben konnte oder durfte.

»Ich bin verflucht, Yue«, sagte er, wobei er keine Unterbrechung zu dulden schien, »Die Geschichte kennst du doch, nicht? Der bis auf alle Ewigkeiten verdammte Prinz. Noch vor meiner Geburt wurde ich von der Hexe des Wahnsinns verflucht. Es genügt nur eine Berührung von mir und du bist tot.«

»Aber-«

Doch Nyx schnitt ihr das Wort ab. »Mir steht es nicht zu, zu lieben, geschweige denn geliebt zu werden!«, fauchte er und vergrub das Gesicht in den Händen.

Yue warf ihr Skizzenbuch sowie ihren Stift auf das frischgrüne Gras der Wiese und näherte sich Nyx. Dieser kniete auf dem Gras, das Gesicht immer noch in den Händen. Nur zögerlich ließ sich Yue neben ihn sacken. Die beiden waren noch nie zuvor so nahe beieinander und doch konnten drei Bücher die Lücke zwischen ihnen füllen.

Nyx spürte ihre Anwesenheit, doch wie ein Feigling hoffte er, sie würde nach seiner Warnung von alleine Aufstehen und ihn in seinem Elend zurücklassen. In Wirklichkeit rührte sie sich jedoch kein bisschen.

Sie betrachtete ihn stumm, mit unverholener Gier. So als würde sie ihn zum letzten Mal sehen. Ihre Augen glitten von seinen onyxfarbenen Locken zu seiner Kleidung, die seit sie ihn kennengelernt hatte, stets in Schwarztönen gehalten war; und zu der herzzerreißenden Haltung, die all sein Bedauern und seine Trauer widerspiegelte.

»Heb bitte deinen Kopf«, befahl sie mit brechender Stimme.

Nyx rührte sich nicht. Er dachte – ja hoffte sogar –, sie würde ihn verlassen, wie es all die anderen Menschen vor ihr getan hatten. Mit seiner eigenen Familie angefangen.

»Bitte«, hauchte sie. Tränen formten sich in ihren Augen, doch sie zwang sich, die Kontrolle zu bewahren. Sie musste stark bleiben.

Letztlich gab er nach. Langsam enthüllte er sein Gesicht, das von seinen Händen beschützt wurde. Glitzernde Kristalle verschmierten sein hübsches Antlitz.

Ein mattes Lächeln zierte ihre Lippen.

Sein Gesicht war himmlisch. Wie aus Kristall gehauen. So perfekt. Man glaubte die Sterne des Nachthimmels in seinen hellblauen Augen schimmern zu sehen.

»Deine Wangen gleichen weinroten Rosen«, lachte Yue, wobei aus ihren Augen die Tränen wie Wasserfälle quollen. So viel zu ihrer Mahnung, sich zur Selbstkontrolle zu züchtigen.

Ihre behandschuhte Hand tätschelte seinen Kopf und brachte seine Locken in heftiger Tumult. Honigbraune Augen fixierten seine Eisblauen und Yue konnte nicht anders als ein warmes Lächeln zu zeigen. Sie verkörperte wahrhaftig den Tag.

Yue reckte den Arm und wischte Nyx seine Tränen; andere behandschuhte Hand.

Nyx ließ sie gewähren, von ihrer Mutigkeit fasziniert. Seine Augen ließen nicht von ihren ab, sie verschlangen sie förmlich. Schon seit langem hatte er ihr Gesicht bewundert. Das Gesicht, das so strahlte wie die Sonne selbst; stets mit einem Lächeln verziert – auch wenn ihre Augen weinten.

Sie näherte sich ihm noch ein bisschen und warf die Arme um ihn, umklammerte ihn fest. Yue wollte nie wieder loslassen, auch wenn das hieße, sie müsse gegen die Kraft der Natur selbst ankämpfen. Nur flüchtig streiften ihre Lippen die Seinen. Sie hatte ihn berührt, doch nur zu spät kam er zu der Erkenntnis.

»Yue«, schrie er, während sie immer noch in seinen Armen lag. Seine Arme zerdrückten sie fast. Er hatte sich eine Umarmung sehnlich gewünscht, doch trotzdem...

»Yue«, brüllte er ein weiteres Mal, wobei das Kratzen seiner Kehle sich in seiner Stimme bemerkbar machte.

Er nahm sie vorsichtig an der Hüfte und löste das Umklammern ihrer Hände von seinem Rücken. Behutsam legte er ihren Kopf auf seine Knie, die sich schon längst taub anfühlten, und beäugte ihr Antlitz. »Bitte, Yue«, schluchzte er, doch weder Gesicht noch Körper der Prinzessin des Lebens rührten sich.

Sie war voll und ganz dem Tode verfallen. Eine Verbindung, die nie sein sollte und doch alle Naturgesetze für einen Augenblick gebrochen hatte.

Nach dem Tode der beiden trennten sich zwar ihre Wege, ihre Liebe versiegte jedoch nicht. Im Gegenteil, ihre Liebe war eine Flamme, die niemals erlischt.



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