Hamburg 2222
Viel zu schnell war die Nacht vorbei. Ryan Carter stöhnte,als sein Wecker ihm in den Ohren dröhnte. Schon bald wechselte sich sein Lieblingslied mit der Stimme seiner künstlichen Intelligenz ab:
„Guten Morgen, mein Schatz. Ich hoffe, du hast gutgeschlafen?"
Als Ryan seine Augen aufschlug, lächelte ihn die hübsche,blonde Frau mit den grünen Augen liebevoll an. „Ja, ja...", grummelte er, währender nach seiner Brille suchte. „Was steht heute an, Sylvia?"
„Um 10:30 Uhr hast du ein Meeting mit derMarketing-Abteilung. Anschließend musst du noch das neue Werbe-Konzept der CocaCola Corp. zu Ende entwickeln, das bis morgen abgegeben werden soll."
„Alles klar. Wie spät ist es denn?", fragte er, immer nochetwas benommen.
„Es ist jetzt 10 Uhr, genau so, wie du den Wecker aucheingestellt hast, du Hase", lachte Sylvia mit ihrem glockenhellen Lachen, daswie Musik in seinen Ohren klang.
Sofort verbesserte sich Ryans Laune schlagartig und esentfuhr ihm ebenfalls ein leises Kichern. „Da hast du allerdings Recht,Schatz", grinste er. „Sei doch bitte so gut und stell das Bett um, ja?"
„Sehr gerne, mein Liebster", antwortete sie. Schon wurde derobere Teil des Bettes in eine aufrechte Position gesetzt, sodass Ryan sich nurnoch umdrehen und in seine sich selbst wärmenden Schuhe schlüpfen musste. Ihmgefiel dieses Bett sehr, denn auch wenn er sein Leben mit nur 125 Jahren geradeerst begonnen hatte, fühlte er sich doch schon ein wenig älter, als ereigentlich sollte. Er seufzte leise, als er sich hinstellte. Seine Hüfte schienihm gerade ein paar Probleme zu machen, er würde wohl bald den Doktor für seinSchmiermittel wiedersehen müssen.
„Sylvia, sei doch bitte so gut und mache einen Termin mitDoktor Phil aus, ja?"
„Wird erledigt", meldete sich seine Freundin zurück.
Während Sylvia gerade in eine virtuelle Konferenz mit DoktorPhil ging, lehnte sich Ryan leicht nach vorne, sodass die Luftkissen unterseinen Schuhen ihn bis ins Badezimmer schweben ließen. Dort angekommen musterteer sich im Spiegel, während sein kleiner Roboter, den er erst vor kurzemerstanden hatte, ihm beim Anziehen, Waschen und Zähneputzen „half."
Er trug einen Dreitagebart und hatte bereits ein paar weißeSträhnen in seinen sonst so makellos dunkelbraunen Haaren. Nicht eine Falte warin seinem makellos schönem und natürlich aussehenden Gesicht zu sehen. Im Jahre2020 hätte so wie er ein Mann in den Mitdreißigern ausgesehen, das wusste ernoch aus der Schule. Tja, 125 ist das neue 35, dachte er und lächelte dabeiselbstgefällig. Während sein Roboter ihm gerade seinen Körper wusch, griff ernach der kleinen Tablettendose, die auf seinem Waschbecken lag. Er nahm darauseine kleine, grüne Genpille, die er sich sogleich in den Mund schob. Als er dasnächste Mal in den Spiegel schaute, waren seine wenigen grauen Haareverschwunden und er sah nun noch jünger aus.
Nur wenig später war sein Roboter nun auch mit Ryans täglicherRoutine fertig. Ryan stieg erneut in seine Hausschuhe und ließ sich in diekleine Kochecke, die er Küche nannte, tragen. Dort wartete auch schon seine teleportierteLieferung mit heißem Kaffee und Brötchen auf ihn. Normalerweise hätte er auchhierfür eine Kapsel nehmen können, diese schmeckten Ryan allerdings nicht sogut wie das altmodische Essen. Als er sich gerade auf die Couch in seinemWohnzimmer vor seinem riesigen UHD-Fernseher fallen ließ, meldete sich Sylviazu Wort.
„Der Termin bei Doktor Phil ist für morgen, 10 Uhr das so in Ordnung für dich?", flötete sie.
„Natürlich, je eher, desto besser. Danke dir, Liebling."Gott, was würde er nur ohne diese Frau machen, fragte er sich, während er sieliebevoll ansah. Sie tat einfach alles für ihn, und er musste nichts für siemachen. Genau dafür liebte er sie. Und Ryan wusste, dass es vielen Männern undauch Frauen genauso erging wie ihm. Erst neulich hatte er in den Nachrichtengesehen, dass der Großteil der Menschen viel lieber mit einer KI in einerBeziehung lebte als mit einem normalen Menschen. Die Mehrheit gab sogar an, nurdann eine Beziehung mit einem anderen Menschen eingehen zu wollen, um Kinder zubekommen. Viele Leute, so wie er, sahen allerdings gar keine Notwendigkeit, indieser Zeit noch Kinder in die Welt zu setzen. Wieso sollte man die Welt nochweiter überbevölkern, wenn kaum jemand noch starb? Für ihn widersprach diesjeglicher Logik, wo sollten die ganzen Menschen denn leben oder Essenherbekommen, wenn ein Großteil der Welt dem Klimawandel zum Opfer gefallen war?Nur wenige Menschen wie er, der schon den Großteil seiner Kindheit in Hamburgverbracht hatte, musste vor Hitzewellen flüchten, so wie die Menschen in Afrikaund Südeuropa es hatten machen müssen. Natürlich waren dabei auch vieleMenschen gestorben, aber na ja, was sollte man machen? Man konnte schließlichnicht jeden Flüchtling bei sich aufnehmen, so wie es das Bewusstsein von BarackObama es immer noch versuchte.
Ein angenehmer Klingelton riss Ryan aus seinen Gedanken. Ertippte auf einen Knopf an der Seite seiner Brille und sah sofort die Hologrammeseiner Marketing-Abteilung vor sich in seinem großen Wohnzimmer stehen.
Das Meeting verlief, wie immer, reibungslos. Kein Wunder, dadie Arbeitslosigkeit durch die Millionen hinzugewanderten Flüchtlinge aus allenTeilen der Welt drastisch gestiegen war und niemand von den 30% in Armutlebenden Menschen sein wollte, die immer noch keinen Zugang zu ewiger Jugendund Schönheit hatten. Man sollte Ryan aber nicht falsch verstehen, er hattenichts gegen Ausländer, oh nein. Man konnte wunderbar mit ihnenzusammenarbeiten und je nach Mensch waren sie sogar ziemlich freundlich. DasProblem war nur, dass alle Orte südlich von Paris und nördlich von Canberranicht mehr bewohnbar waren. Mutige Wissenschaftler, die sich trotz der hohenSonneneinstrahlung dort hin trauten, sprachen dort von bis zu 80 Grad imWinter. Ungefähr dreißig Prozent der Leute waren zu stolz gewesen, um ihreHeimat zu verlassen und waren an den Folgen des Klimawandels gestorben. Dierestlichen siebzig Prozent hatte sich auf die übrigen Regionen verteilt, indenen es, wie im winterlichen Hamburg, noch milde Temperaturen um die 20 Gradgab.
Durch die Millionen und abermillionen Menschen, die aufdiese Weise ausgewandert waren und für die es keine Arbeitsplätze gab, wurdedie Arbeitslosigkeit drastisch in die Höhe getrieben. Und damit auch die Kluftzwischen arm und reich, das wusste Ryan. Und er wusste auch, dass eine Vielzahldieser Menschen an den Folgen von Altersschwäche oder anderer primitiverKrankheiten tagtäglich starben. Nun gut, ihm sollte es egal sein. Solange seinEssen noch zu ihm teleportiert wurde, er noch Sylvia und seinen Job in derFirma hatte, kümmerten ihn die anderen Menschen herzlich wenig. Und genau so sahein guter Marketing-Manager im Jahre 2222 auch aus.
Mehr als drei Stunden später ließ Ryan sich erschöpft aufseiner Couch zurückfallen. Die Ausarbeitung der Konzepte und die Leitung derMarketing-Abteilung war trotz allem eine sehr starke Belastung für ihn.
„Sylvia, bestell mir doch bitte etwas", sagte Ryanungewöhnlich laut, während er sich die Schläfen rieb. Schon wieder diesegottverdammten Kopfschmerzen. Es wurde wirklich Zeit, dass er Doktor Philwiedersah.
„Das Übliche, Schatz?", flötete sie gut gelaunt.
„Das weißt du doch ganz genau!", blaffte er sie an. Füreinen kurzen Moment hielt er inne, dass er laut geworden war, doch schon imnächsten Moment schalt er sich: Sie ist eine KI, sie kann dir nicht sauerwerden, wieso sollte ich dann Reue ihr gegenüber empfinden? Ryan zuckte nur dieAchseln und schaltete die Brille wieder ein.
Zuerst schaute er sich ein paar Filme in 5D an, bei denen erzuerst selbst der Held zu sein schien und atemberaubende Stunts vollführte, undim nächsten Moment der Liebe seines Lebens seine Liebe gestand und die ihn vollGlück küsste. Im einen Moment raste er noch mit einem selbstfahrenden Auto, dasüber den Boden schwebte, über die Strecken von Abu Dhabi, und im nächstenMoment spürte er schon die feuchte Hitze des Regenwaldes auf seiner Haut. All dies fühlte sich so echt an, als sei erwirklich dabei, aber Ryan kümmerte es nicht, hatte er diese Art von Film dochschon viel zu häufig miterlebt.
„Schatz, dein Essen ist da", hatte Sylvia schon vor einerWeile gemurmelt, doch er hatte nicht auf sie geachtet. Erst jetzt, da er dendritten Film hinter sich hatte, riss er sich vom Abspann des vierten Filmeslos. Er tippte auf den Knopf auf der Seite der Brille und die Leinwand mit denMitwirkenden des Films trat gegenüber seinem Wohnzimmer zurück.
Ryan stand auf und ließ sich zur Küche hinübertragen, in derdas teleportierte Essen schon auf ihn wartete. „Sylvia, wie viel Uhr ist es?",fragte er, während er seine Pizza auspackte.
„Es ist jetzt 19:30 Uhr", erwiderte diese gut gelaunt.
„Wann kam noch mal der Zug, sagtest du?"
„Um 19:35 Uhr."
„Gut, gut", murmelte Ryan, während er an die anstrengendeZugfahrt von Hamburg bis nach Moskau dachte, die eine geschlagene halbe Stundedauern würde. Dort würde er seinen Coach Kwai treffen, der ihm dabei helfensollte, noch jünger und noch schöner auszusehen. Voller Vorfreude dachte er andas Treffen von vor einer Woche, nach dem er wieder wie Anfang 20 ausgesehenhatte. Auf die Jugend, dachte er und nahm einen großen Schluck seines mit Genenversetzten Wassers.
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Gedankennebel
Short StoryDu liest gerne Kurzgeschichten mit verschiedensten Themen? Und das umgesetzt auf unterschiedlichster Art? Du interessierst dich für die abwechlungsreiche Mischung verschiedener Schreibstils, Inhalte und Genres? Dann ist dieses offizielle Buch vom Wa...
