Sie sagen, Zeit heilt alle Wunden. Schmerz und Trauer würden vergehen und Gras über die Sache wachsen. Sie haben keine Ahnung, wovon sie sprechen. Auch nach fast einem Jahr sind die Wunden noch immer groß, das Blut frisch und der Schmerz unbeschreiblich.
Die Lichter, die Geräusche, ein paar wenige Menschen. All dies nehme ich nur aus den Augenwinkeln wahr, während ich durch die immer dunkler werdenden Gassen gehe. Ich habe kein bestimmtes Ziel, ich habe es aufgegeben, irgendetwas zu suchen. Meine Erwartungen grundsätzlich heruntergeschraubt. Ich würde ja doch nur enttäuscht werden.Die Musik, die ich über meinen MP3-Player höre, ist bis zum Anschlag aufgedreht. Ich spüre jeden Trommelschlag, die Beats zucken durch meinen Kopf. ,,Never said I was an angel, I am damaged all the way, so, whatever's coming next, I'm better pray..."
Es wird immer kälter um mich herum, doch die Temperatur hat sich nicht geändert. Ich spüre Angst in mir aufsteigen, intensiver als sonst. Ich werde immer nervöser. Ich will keinen Panikanfall auf der offenen Straße bekommen, mitten in der Nacht. Der Gedanke daran macht alles nur noch schlimmer.
Kalter Angstschweiß sammelt sich in meinen Handinnenflächen. Ich stecke die Hände in die Taschen meiner Jacke, ziehe sie jedoch keine Sekunde später wieder zurück. Winzige Tropfen warmes, dunkelrotes Blut tropfen aus einem feinden Schnitt an meinem linken Zeigefinger. Plötzlich fällt mir die Rose wieder ein. Habe ich sie etwa noch? Ich hatte mir geschworen, sie wegzuwerfen. Nach einem kurzen Blick in die Tasche stelle ich fest, dass ich mich nicht geirrt hatte. Die Blüte sieht zwar etwas mitgenommen aus, hat einige braune Stellen, ist sonst jedoch komplett in Ordnung. Ich sah sie mit hasserfülltem Blick an, als ob es ihre Schuld wäre. So oft hatte ich versucht, die von ihr verursachten Erinnerungen zu verdrängen. Und nie hatte es funktioniert. Sobald ich die Augen schloss, sah ich wieder mein sensibles, verletztes, ein Jahr jüngeres Ich allein auf dem Pausenhof stehen.
Der letzte Song meiner Playlist ist verklungen, erdrückende Stille umgibt mich und es wird immer dunkler, je weiter ich gehe.
Das ich mich der örtlichen Kneipe nähere, bemerke ich erst, als auf einmal eine tiefe, definitiv nicht mehr nüchterne Männerstimme brüllt: ,,Ey, Leute, das issa! Das is der klene Schwuchtel!" Das laute Lachen der anderen dröhnt in meinen Ohren. Kapier es, Caden, denke ich frustriert. Kapier endlich, dass es nichts bringt. Sie werden dich nie akzeptieren.,,Ey du, komm her!", höre ich die laute Stimme wieder. ,,Komm her und stell dich, Arschloch!" Warum lassen sie mich nicht in Frieden? Ich gehe schneller. Spüre, dass sie nun angefangen haben, mich zu verfolgen. Es ist auch nicht zu überhören, der Typ und seine Kumpel grölen lautstark irgendwelches unverständliches Zeug, während ich mein Tempo immer mehr steigere, bis ich schließlich an den Kneipen und Gaststätten vorbei sprinte. Die kalte Luft brennt wie Feuer in meinen Lungen, ich bin kein sonderlich guter Läufer. Und wieder achte ich nicht darauf, wo ich hinrenne.Plötzlich werde ich von einem hellen Licht geblendet. Ein Dröhnen, welches selbst meine Verfolger übertönt, dringt zu mir durch. Aus Reflex bleibe ich stehen. Das war ein Fehler. Das Auto, welches mit einiger Geschwindigkeit auf mich zu rast, hat keine Möglichkeit mehr zu bremsen, hat mich zu spät gesehen. Es gibt einen Knall, eine harte Wucht trifft mich, ich werde mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Und dann wird alles schwarz.
Ich höre gleichmäßiges piepsen, das beruhigende Surren einer Pumpe, verbunden mit dem scharfen Geruch Desinfektionsmittels. War ich tot? Roch es im Jenseits nach Desinfektionsmittel? Wahrscheinlich nicht. Aber wo war ich dann?
Ich versuchte, meine Augen zu öffnen. Sofort fiel ein gleißend heller Lichtstrahl durch meine Lider. Ich kneife die Augen wieder zu, blinzele erneut und beginne, einzelne Konturen wahrzunehmen. Alles wird deutlicher, der Ort fängt an, Gestalt anzunehmen.
,,Er ist wach!", höre ich auf einmal eine, mir von irgendwoher bekannte Stimme. ,,Caden, kannst du mich hören? Bitte, sag, dass du mich hören kannst!" Er klingt verzweifelt. Nur zu gern will ich der Stimme diesen Gefallen tun, doch meine Lippen sind schwer wie Blei. ,,Nicht so wild Leo", sagt eine andere Person nun. ,,Lass ihn erst einmal zu sich kommen."
Leo. Dieser Name sagt mir was. Wie eine Filmrolle spielen sich die vergangenen Ereignisse vor meinem inneren Auge ab. Wie ich mir ein Herz fasste. Eine Rose kaufte. Ihm meine Liebe gestand. Unsere Mitschüler, die von der Sache Wind bekamen. Mich auslachten. Leo, der sich mit hochrotem Kopf von mir wegdrehte. Mein Geheimnis, dass sich wie ein Lauffeuer in unserem Dorf verbreitete. Ich war schwul. In einen Jungen verliebt. Und dieser Junge stand nun hier und schien sich Sorgen um mich zu machen...
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Gedankennebel
Short StoryDu liest gerne Kurzgeschichten mit verschiedensten Themen? Und das umgesetzt auf unterschiedlichster Art? Du interessierst dich für die abwechlungsreiche Mischung verschiedener Schreibstils, Inhalte und Genres? Dann ist dieses offizielle Buch vom Wa...
