"Langersehnte Blicke"

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Ungewöhnlich für Anfang November, gab es schon die ersten heftigen Schneestürme und die Temperaturen ließen einen schon beim bloßen Gedanken erzittern. Große weiche Pullover, Kuschelsocken und gefütterte Jacken wären normaler Weise jetzt angesagt. Nicht zu vergessen die riesen Schals, womit die Mädchen aussahen, als hätten sie keinen Hals. Mützen die es unmöglich machten, die Haare perfekt glatt zu haben und Handschuhe, damit man nicht das Gefühl hat, jeden Moment könnten die Finger, wie Eiszapfen abbrechen. Aber nicht für die Schüler vom Internat nah der Nordsee. Diese mussten sich an strickte Kleiderordnung halten, sonst gab es Strafen und diese fielen ohne Rücksicht aus. Die Neulinge versuchten, trotz Warnung ihr Glück, doch bis jetzt gaben alle spätestens nach der dritten Strafarbeit auf. Wer wolle denn schon in seiner Freizeit Fenster putzen oder zehn Mal die Internatsregeln abschreiben? Eben, keiner war sonderlich scharf darauf.
Durch ein paar Unannehmlichkeiten, die Vanessa auf ihrer Schule untergekommen waren landete sie nun, mitten im Schuljahr auf einem der strengsten Internate Deutschlands. Sie rebelliert und randalierte, doch dies sollte sich an diesem Ort, der in manchen Hinsichten einem Gefängnis glich, schnell geändert werden. So zumindest beschwichtige es die Direktorin.
Wirklich einleben wollte sich die braune Schönheit allerdings nicht. Sie war steht's sehr schweigsam, redete nur das nötigste und hielt ihre Wortwahl auch dann sehr dezent. So verlief es den gesamten ersten Monat.
Es war nun der 6. Dezember und wie jedes Jahr ging das gesamte Internat zu einem Theaterstück. Vanessa und ihre Mitbewohnerin mit der sie sich relativ gut verstand saßen in der zweiten Reihe. Das Stück fing an, es war sehr neumodisch gehalten, doch Vanessa schien nicht sonderlich angetan vom Stück. Gelangweilt lehnte sie sich zurück, betrachtete ihre kurzen Nägel, dachte an ihre frühere Zeit mit langen, verzierten Nägeln. Doch diese waren verboten. Weiße Bluse, blau schwarz karierter Rock, schwarze Kniestrümpfe, ein dunkelblauen Blaser und schwarze Lackschuhe waren an der Hausordnung. Kein schmuck und Mädchen mit langen Haaren mussten einen Pferdeschwanz tragen. Sie seufzte und schielte kurz zu der Bühne, ohne der Vorahnung, dass ihr Blick mit einem anderen verhaken würde und sie wie gebannt eine Person begutachtete. Sie schien wie paralysiert, konnte ihre forschen braunen Augen nicht von dem Anblick, der ihr unterlegen war losreißen. Ihre Muskeln versteiften sich. Hätte ihr Gehirn in diesem Moment einen klaren Gedanken fassen können, hätte er sich wohlmöglich gefragt, was gerade schief läuft. Doch ihr Kopf schien wie leer gefegt.
Stechend grüne Augen musterten das frech wirkende Mädchen zwischen den ganzen anderen Personen. Luis musste sich zusammenreißen, sich auf seine Rolle konzentrieren, doch es ist so leicht daher gesagt. Nie hätte er gedacht sie wieder zu sehen. Natürlich hatte er es anfangs gehofft, doch mit der Zeit ließ er los und versuchte sie zu verträngen, dies klappte bis eben hervorragend. Als er sie im Publikum erblickte, schien seine Welt ein paar Sekunden still zu stehen. Keine tickende Uhr, keine lächelnde Gesichter. Nur das eine Gesicht, welches keine Emotionen zeigte, wie damals als sie ging. Liebendgern hätte er den Blickkontakt aufrecht erhalten, doch nun musste er seinen Blick abwenden um die Show nicht zu vermasseln.
Flashbacks durchströmten beiderseits Erinnerungen. Wie sie damals auf das gleiche Internat in Berlin gingen. Das Kennenlernen auf einer heimlichen Party. Eine Flasche, ein Kreis voller angetrunkener Jugendlichen. Das waren die Vorraussetzungen einer Tragödie und diese bewahrheitete sich. Ein Kuss, eine Minute und verdammt viel Gebrüll und Gejubelt. Feurige Minuten in Besenkammern und sehnsüchtige, lustvolle Blicke folgten. Bis einer der beiden den nächsten Schritt wagte und die drei bedeutungsvollsten Worte überhaupt aussprach. Tränen, Kummer und Schmerz folgten daraufhin. Es ging nicht gut aus, beide gingen mit einem gebrochenen Herz aus der Sache. Sie gaben sich gegenseitig die Schuld daran, dass alles zerbrach. Doch niemand konnte leugnen, dass es nicht knisterte. Sobald sie in dem selben Raum sind, vergisst man das Zeitgefühl und spürt die unverforene Liebe beider für einander. Es ist eine Romanze für sich gewesen. Für manche sicherlich absurd, doch sie schien so bedeutungsvoll zu sein, dass sie bis heute tiefe Narben im Inneren der beiden aufweisen lässt. Ob das wiedersehen und ein neues Internat diesmal besser ausgehen würde? Oder werden sie es nicht schaffen erneut zueinander zu finden? Wollen sie überhaupt einander wieder haben? In Köpfen beider sind soviele Fragen die auf eine Antwort warten.

GedankennebelGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt