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Kalter Wind zerrte an meinen Haaren und kroch in meine Jacke. Ich zog sie etwas fester um mich. Ein verzweifelter Versuch, die Kälte zu vertreiben.

Lucas stand vor der Wand, an der er die missglückte Rune gezeichnet hatte, und brachte die neue mit voller Konzentration daneben an. Zumindest versuchte er es, denn er hatte sichtlich Mühe, das Blatt Papier, auf dem sich die Skizze befand, mit der freien Hand an die Wand neben sich gepresst zu halten.

Obwohl die Menschen uns gemeldet hatten, dass die Hexen jenseits der Barriere irgendwas trieben, war es ruhig. Beängstigend ruhig. Jenseits der Grenze herrschte nur Dunkelheit. Auch Lucas schien das zu spüren. Seine Finger zitterten leicht, als er die nächste Linie zog.

Die nächste Windböe verfing sich in meiner Kleidung. Entnervt seufzte ich auf und spreizte die Finger. Energie kribbelte in meiner Hand, als ich Verbindung mit der Luft um mich herum aufnahm und den Wind um uns herum lenkte. Nicht viel, aber es reichte für einen kleinen windstillen Bereich. Eigentlich hätte ich auch schon früher auf diese Idee kommen können.

"Danke", murmelte Lucas, ohne aufzuschauen. "Dann ist deine Affinität also Luft?"

Ich schüttelte den Kopf, obwohl er es nicht mal sehen konnte.
"Ich denke nicht", erwiderte ich und ließ mehr Energie gegen den Wind fließen. Mein Atem beschleunigte sich etwas. Das war doch anstrengender als erwartet.

"Woran erkennt man denn, ob man eine hat?", fragte ich.

"Naja", antwortete er und zeichnete eine weitere Linie. "Man spürt es einfach. Es fühlt sich an, als hätte man eine ganz bestimmte Verbindung zu dem Element. Fast schon, als würde es nur darauf warten, deinen Befehlen zu folgen."

Ich betrachtete meine gespreizten, mittlerweile etwas verkrampften Finger. Sie zitterten kaum merklich. Bei keinem der Elemente hatte ich je so ein Gefühl. Für alle hatte es einiges an Übung gebraucht. Und bestimmt hatte auch keines auf mich gewartet.

"Ja, dann hab ich wohl für kein Element eine Affinität", murmelte ich.

Lucas zog eine weitere Linie und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu mir um.
"Meinst du?", fragte er, "du scheinst ja trotzdem gut klarzukommen."

Ein bitteres Lachen entwich mir.
"Du hast keine Ahnung, wie viel ich dafür geübt habe", entgegnete ich. Mein Blick glitt kurz zu Lucien, doch dieser starrte angespannt in die Dunkelheit jenseits der Barriere und schien unserem Gespräch kaum zu folgen.

Lucas zuckte leicht mit den Schultern. Es wirkte fast schon entschuldigend.
"Vielleicht, naja, weil du eben keine Hexe bist."

Er lächelte mir aufmunternd zu.
"Aber ist ja nicht schlimm, oder?"

Ein kleiner Stich zog sich durch meine Brust. Trotzdem zwang ich mich, die Mundwinkel etwas anzuheben.
"Hauptsache ich bin nicht komplett nutzlos."

Ein undefinierbarer Ausdruck legte sich über das Gesicht des Hexers. Für einen Moment sah er mich einfach nur an.

"Sorry, ich wollte dich nicht verletzen", sagte er leise, fast tonlos.

Ich schüttelte langsam den Kopf, schluckte die Tränen runter, die mir unwillkürlich in den Augen brannten. Was ein paar kleine Worte nur bewirken konnten. Wieso ausgerechnet jetzt?

"Tut mir leid, wenn ich störe", schaltete sich Lucien ein und trat zwischen uns, wobei er kurz meine Hand drückte. "Aber das ist ein wirklich schlechter Zeitpunkt für solche Gespräche."

Ich blinzelte ein paar Mal und sah ihn dann fragend an.

"Bist du fertig mit dem Zeichnen?", fragte Lucien an Lucas gewandt, der ihn mindestens genauso verwundert ansah wie ich.

Nephilim - Verfluchte HerkunftGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt