Kapitel 5

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Am Tag vor Weihnachten legte das Wetter noch einmal richtig nach, so als wollte es noch das Letzte bisschen Grünfläche bedecken. Jeder einzelne Baum erzitterte beinahe unter der Last des Schnees. Die Sonne war schon früh morgens da, säte ihre Strahlen über den Schneeteppich und liess die winzigen Schneesterne erglitzern. Eine grosse schwarze mit goldverzierungen versehene Kutsche, welche das Wappen einer hochwohlgeborenen Familie trug, wurde von sechs Braunen die Auffahrt hinaufgezogen. Die Tiere schwitzten, ihr heisser Atem stob in kleinen Wölkchen um sie herum. Das Klappern der Hufe liess die Eingangstür, wie von Geisterhand aufschwingen und einige der Hausangestellten traten hinaus. Die Familie de Warenne kam in die Kälte und der Älteste, Alexander de Warenne, schritt auf die Kutsche zu und half seiner Tante Catherine auszusteigen. Rickard de Warenne kam ihm entgegen, nahm ihm Tante Catherine ab, geleitete sie mit den beiden Damen, Countess de Warenne und Lady Elaine, ins Haus. Ein kleines Mädchen dick in einen Fellmantel gehüllt, nicht älter als fünf Jahre, hüpfte die Kutschstiege herab und stampfte freudig im Schnee umher. Ihre goldenen Löckchen sprangen auf und ab und ihre dunkelbraunen Augen glühten vor Aufregung. Gleich hinter dem Mädchen stieg ein Mann mittleren Alters aus der Kutsche und umarmte seinen Cousin. Er war ein halber Kopf kleiner, als der Earl of Cumberland, doch erkannte man die Ähnlichkeit mit dem Hause der de Warennes. Er hatte dunkle kurze Haare, die schon etwas ergraut waren, breite Schultern und dunkelbraune Rehaugen. Sein Blick war liebevoll und warm. Er drehte sich um und reichte einer Dame im inneren des Fiakers seinen Arm. Eine zarte weisse Hand erschien im Sonnenlicht und legte sich in die grossen männlichen Hände des Duke of Cornwall, Edmund Lord Tudor. Mit festem Griff hob er seine Frau aus dem Mehrspänner und stellte sie vor sich auf den Boden. Ihre Blicke waren innig und vertraut. Isabella konnte sie durch den eisigen Wind nicht hören, doch sie sah, wie Alexander de Warenne sie herzlich umarmte und einige Worte mit ihr wechselte. Hinter ihnen stieg eine weitere Frau aus der Kutsche, auf ihren Armen trug sie ein kleines Mädchen. Das musste das Kindermädchen sein. Die Kutsche fuhr Richtung Stallungen und die Hausangestellten gingen geschlossen wieder ins Haus zurück. Nun würde sich die erste Belastungsprobe für die Hausangestellten zeigen. Molly und Carson eilten in die Küche zurück und Isabella folgte ihnen. Es war ein überschaubares Grüppchen von Helfern und Angestellten, ganz zu schweigen davon, dass die Hälfte keine Ahnung hatte, wie gewisse Dinge gehandhabt wurden.
„So meine Lieben, ich möchte, dass hier alles ohne Komplikationen abläuft. Jeder zieht seine Festtagsuniform an und ich will keinen in den Gängen sehen, der sie nicht trägt! Amelia, Dina ihr beide werdet den Festsaal schmücken und den Tisch für den Lunch decken". Molly wies alle in ihre Arbeiten ein. Sie selbst würde Emil tatkräftig in der Küche mit den Mägden unterstützen. Da es unter Carson zu wenig männliche Diener gab, mussten die Kammerzofen der Ladies und die Hausmädchen Dina, Amelia und Isabella ausserdem beim Servieren der Speisen helfen und auch sonst immer abrufbereit sein. In der Stadt wäre ein solcher Auftritt niemals geduldet worden. Bei den Dinnées waren ausschliesslich die männlichen Diener für das Servieren zuständig. Aber auf dem Land galten eben andere Regeln. Hier war Hauspersonal Mangelware und man musste sich wohl oder übel mit diesem ungewöhnlichen Anblick anfreunden. Für den Abend, während sich die Herren des Hauses in den Spielsalon zurückzogen, waren mit den Kammerdienern Moris, Collin und Carson als Butler genug männliches Personal vorhanden. Collin war der Kammerdiener von Rickard de Warenne und Mollys Cousin zweiten Grades. Carson war zuvor nebst Butler der persönliche Diener des Earls of Surrey gewesen, doch seit dieser Krank war, hatte er keine Kammerdiener Aufgaben mehr erfüllen können. Moris hingegen war immer noch so neu und fremd, wie zu Anfang. Niemand wusste genau was er tat, nur dass ihre Ladyschaft ihn sehr oft beanspruchte für Botengänge oder andere Aufträge. Erst jetzt wurde Isabella klar, dass Lord Blackheat keinen Kammerdiener besass. Dies fand sie äusserst interessant. Alle feinen Herren der Gesellschaft legten grössten Wert auf ihren Ruf und ein Mann ohne Kammerdiener war absolut verpönt. War es ihm egal was geredet wurde? Oder hatte er einen, nur war er nicht hier im Hause seines Vaters? Einmal mehr hatte er sie überrascht. Sie hatte von Anfang an geglaubt, er sei ein verwöhnter Erstlingserbe, welcher sein Junggesellendasein vollends geniessen würde und auf keine Vorteile, die dieser Stand mit sich brachte, verzichten würde. Doch wie Isabella mehr und mehr feststellen musste war er das Gegenteil. Er war nicht nur der furchteinflössende Lord, den er versuchte darzustellen. Er hatte etwas Warmes und Liebes in sich. Er war vollkommen anders, als die englischen Gentlemen, die sie bisher kennengelernt hatte. Sein Bruder allerdings erfüllte jedes dieser Klischees, jedoch mit sehr viel Charme. Doch Isabella vermutete, wenn es um wichtige Angelegenheiten gehen würde, dass Rickard de Warenne die Verantwortung übernehmen könnte.
Am Abend beim Dinner mit der gesamten Familie ging es in der Küche heiss her. Emil und Molly bereiten alle Speisen pünktlich zu und die Speisediener brachten das Essen in den Festsaal. Nachdem die einzelnen Gänge serviert wurden, stellten sich die Speisediener an die hintere Wand und warteten auf die Aufforderung das Geschirr abzuräumen und mit dem nächsten Gang aufzuwarten. Während die Herrschaften am langen Tisch dinierten, spielten die beiden Mädchen ausgelassen mit ihren Puppen auf ihren Stühlen. Das etwas ältere Mädchen mit den blonden Locken, hielt in ihrem Spiel inne und blickte um her. Ihr Blick fiel auf Isabella. Sie beobachtete sie und Isabella konnte nicht so tun als würde sie die Kleine nicht sehen. Also schmunzelte sie ein wenig und das kleine Mädchen lächelte verschmitzt zurück und kletterte von ihrem Stuhl, was keiner der Herrschaften bemerkte und kam auf sie zu.
„Sei gegrüsst, ich bin Annabeth. Wie ist dein Name?" Isabella lächelte liebevoll und neigte sich zu dem Mädchen hinunter
„Guten Abend meine Liebe, ich bin Rose"
„Das ist aber ein schöner Name, wie die Blume. Von mir gibt es keine Blume" sagte sie und trat verlegen von einem Fuss auf den anderen. „Du bist sehr hübsch. Du siehst aus, wie meine Lieblingspuppe. Sie hat dieselben Augen und dieselben dunkeln Haare, wie du". Isabella sah, wie Amelia Dina einen abschätzigen Blick zu warf.
„Das ist aber sehr lieb von dir. Dein Name ist auch sehr hübsch" grinste Isabella. Sie hatte nicht bemerkt, dass im Raum Stille eingekehrt war. Erst als Annabeth weiter sprach wurde es Isabella bewusst.
„Kommst du mit mir spielen Rose?" Bevor Isabella etwas erwidern konnte, sagte Duchesse Tudor, die Frau des Duke of Cornwall
„Ach meine Liebe, ich denke für euch beide ist es Zeit für die Träume des Morpheus". Sie stand auf und ging auf Annabeth zu.
„Aber Mami, ich bin doch noch gar nicht müde und Sophia auch nicht. Rose kann mit uns spielen. Sie ist sehr hübsch, nicht wahr Mami?" Die Duchesse nahm ihre Tochter an die Hand und sagte
„Da hast du recht, mein Liebling. Doch können wir sie leider nicht von ihren Aufgaben abhalten. Es tut mir leid mein Schatz". Ihr Mann erhob sich
„Es tut mir leid Alice, aber Kinder sind nun mal sehr fordernd. Ich hoffe ihr könnt Belinda und mir verzeihen, wenn wir denn Rest des Abendmahles ausfallen lassen" und er hob seine zweite Tochter Sophia vom Stuhl und nahm sie hoch. Alice de Warenne schien sehr verwundert und auch empört, obwohl sie versuchte es zu verbergen. Sie überspielte diesen kurzen Augenblick schnell und meinte
„Aber meine Lieben, ich kann doch eure Kindermagd rufen lassen. Dann kann sie die beiden versorgen und ihr dürft weiterhin mit uns dinieren". Ihre Ladyschaft winkte schon Moris zu sich, doch Duke Tudor widersprach
„Verzeihung Alice, doch wir bevorzugen es, wenn wir unsere Kinder selbst ins Bett geleiten. Morgen werden wir noch genug Zeit haben". Noch bevor Alice de Warenne etwas erwidern konnte, und Isabella vermutete es wäre ein weiterer Protest gewesen, sprach Alexander de Warenne
„Natürlich Cousin Edmund. Wir verstehen das. Eine gute Nacht euch" und die kleine Familie ging aus dem Saal in Richtung ihrer Gemächer. Die Witwe Duchesse, die kein Blatt vor ihren Mund nahm, sagte
„Ich weiss Alice, ich weiss. Ich konnte es auch nicht verstehen, aber sie bestehen vehement darauf ihre Mädchen so gut es geht selbst zu versorgen. Du meine Güte, hätten wir unsere Kinder selbst gehütet und den ganzen Tag gepflegt, so hätten wir unserer gesellschaftlichen Stellung nie gerecht werden können und all die Ammen und Kindermädchen wären arbeitslos geworden!" schloss sie mit einem gewissen Witz und löffelte dann weiter ihre Suppe. Damit war dieses Thema abgeschlossen. Das restliche Dinner verlief relativ ruhig. Catherine Tudor und Lady Surrey unterhielten sich fast ununterbrochen und Alexander de Warenne sprach nur, wenn er direkt angesprochen wurde. Lady Elaine hingegen kam Isabella ziemlich verschlossen vor. Sie hatte fast kein einziges Mal gelacht, als ihr Bruder Rickard sie aufzumuntern versuchte, schliesslich schien er es aufzugeben und verfiel ebenfalls in Schweigen. Nachdem das Mahl beendet war, gingen die Ladies in den grünen Salon. Die Geschwister blieben merkwürdigerweise sitzen. Isabella war die Letzte die den Festsaal abräumte.

Schottisches Feuer und englische Anmut - Band 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt