Er war überaus froh. Erleichtert. Beglückt. Er hatte ihr Gestern seine Pläne offenbart und sie hatte, natürlich nach anfänglichem Aufwiegeln, angenommen. Sein geliebtes Carlisle wäre bald das Heim seiner Kinder und der Frau, in die er sich verliebt hatte. Er wusste, dass er mit Sicherheit auf Gegenwehr stossen würde, doch sein Vater war tot und er das neue Oberhaupt der Familie und so nah an Schottland würde es niemanden interessieren was er auf der Burg trieb. Er konnte sie zwar nicht regulär ehelichen, doch Thomas hatte ihm vorgeschlagen, nach schottischem Brauch eine Verbindung zu schliessen. Alec hatte sich dies durch den Kopf gehen lassen. Er könnte sich vorstellen, dass sie damit einverstanden war. Er vermutete stark, dass sie schottische Wurzeln hatte und dass dies ihr Geheimnis war. Sie hatte oft versucht Dinge nicht beim Namen zu nennen und auch nie über Ortschaften gesprochen. Doch er wollte ihr dies nicht vorwerfen und hoffte, dass sie ihm bald genügend vertrauen würde um ihn einzuweihen. Er war überzeugt, dass seine Laune von nichts und niemandem getrübt werden könnte. Er bog um die Ecke und hielt auf den violetten Salon zu. Die letzten wichtigen Themen mussten besprochen werden. Er trat ein und verneigte sich
„Guten Morgen Mutter" sagte er tonlos. Sie legte ihre Stickerei auf den Schoss und blickte ihn an
„Wundervollen Morgen Alexander. Was verleiht mir die Ehre eures frühen Besuches?"
„Ich werde am Freitag mit Thomas und Rickard aufbrechen. Wir reiten nach Carlisle auf Befehl des Königs". Sie hob eine Augenbraue
„Die Gerüchte sind also wahr" stellte sie fest und nahm ihre Stickerei wieder in die Hand.
„Bedauerlicherweise. Ihr und Elaine seid hier in Sicherheit. Sollte sich die Lage ändern, werde ich Wachmänner nach Surrey abkommandieren, damit ihr geschützt seid". Alec schritt ans Fenster und blickte hinaus, er sah einen Raben vorbeiziehen. „Mister Larraby wird einige Zeit benötigen, bis er die Unterlagen sortiert hat. Wenn er soweit ist, wird er sich mit mir in Verbindung setzen. Ich denke jedoch, dass ich momentan anderweitig beschäftigt sein werde und dass sich die Erbschaftsregelung etwas verzögert. Allerdings... müsst ihr nicht fürchten ihr würdet kein Geld erhalten. Ich habe dafür gesorgt, dass ihr bereits einen Teil eurer Aussteuer erhaltet". Er machte eine Pause und besah sich seiner Stiefmutter, dann fuhr er weiter „Elaine werde ich, sobald der Krieg vorbei ist, zu mir nehmen. Alles was sie benötigt, übernehme ich". Seine Stiefmutter blickte ihn mit blitzenden Augen an
„Ist das euer letztes Wort?! Ihr nehmt mir meine einzige Tochter?". Alexander räusperte sich
„Falls ihr mitkommen mögt, es hat genügend Platz in Carlisle, wenn nicht, dann werdet ihr euch von ihr verabschieden müssen". Sie schürzte ihre Lippen
„Ich wusste schon immer, dass ihr genau so ein... ein Teufel seid, wie euer Vater! Ich hoffe ich muss euch nie wiedersehen". Alexander lächelte
„Wenn es nach mir geht, können wir das vereinbaren. Ihr seid nun auf euch alleine gestellt. Am Freitag werden wir aufbrechen. Guten Tag". Er drehte sich um und verliess den Salon. Eine Last weniger. Zum Glück hatte sie es ihm leicht gemacht. Alec machte sich an die Arbeit, um noch letzte Aspekte betreffend der Dienerschaft zu regeln. Carson und Molly müssten einige Änderungen vornehmen und nicht zuletzt, weil ihnen Rose nun keine Hilfe mehr sein würde. So verging der gesamte Morgen mit Erledigungen und Vorbereitungen für seine Abreise am Freitag. Als er sich nach Stunden über dem Schreibtisch streckte und zum grossen Fenster umdrehte, stand eine grosse schwarze Kutsche in der Einfahrt. Sie trug kein Wappen und die Pferde schwitzten, was bedeutete, dass sie erst eben angekommen war. Er wunderte sich gerade, wem die Kutsche gehören könnte, als es an der Arbeitszimmertür klopfte. Carson trat hinein
„Mylord, ich fürchte wir stehen vor einem unangenehmen und unvorhergesehenen Ereignis". Damit hatte Carson seine ungeteilte Aufmerksamkeit. „Es ist ein Lord in der Eingangshalle mit Begleitern und ich äussere den Verdacht, dass im Hof noch mehr von diesen ungehobelten Gentlemen sind. Sie sind auf der Suche nach jemandem und... Miss Brandon ist ebenfalls dabei". Alec erhob sich. Ein Lord mit Wachen und Ophelia Brandon? Das ergab keinen Sinn.
„Weshalb sind diese Herrschaften hier?" Er lief zur Tür und sie machten sich gemeinsam auf den Weg in die Eingangshalle.
„Mylord ich weiss es nicht... Sie sind auf der Suche nach einer Lady Campbell oder dergleichen". Alecs Schritte wurden schneller und Carson musste nun rennen um mithalten zu können. Sie hasteten die Treppen nach unten. Bevor sie aber die Haupttreppe erreichten, wandte er sich rasch zu Carson
„Wenn sich ihnen erschliesst, welche Person gemeint sein könnte, werden sie sich auf die Suche nach dieser Person begeben und sie unverzüglich in mein Arbeitszimmer bringen, ohne dass unsere Gäste es bemerken". Carson nickte. Alec verlangsamte seine Schritte und ging, gefolgt von Carson, die Haupttreppe nach unten. Miss Brandon stand in einer Gruppe von Männern bei denen eine feine Dame niemals hätte sein dürfen. Steiff und überheblich blickte sie umher und als sie Alec bemerkte, leuchteten ihre Augen unmissverständlich. Bizarrer hätte dieser Anblick kaum sein können. Ophelia Brandon trug einen mintgrünen Reiseumhang und einen ebenso grünen Hut mit breiter Krempe. Die teuersten Kleider, die man sich in London kaufen konnte und gleich neben dieser extravaganten Erscheinung standen vier mächtige Bullen von Kerlen, einer hässlicher als der andere, in abgetragenen und ausgebeulten Hemden und Hosen. Sie hatten bärtige Gesichter, einer von ihnen trug gar eine Augenklappe. Auf beiden Seiten, in ihren Haltern, steckten Schwerter und Messer. Söldner, das war Alec sofort klar. Der Einzige, der zu Miss Brandon passte, ja sie sogar übertraf, stand vor der gesamten Gruppe. Ein grosser rundlicher Mann. Er trug einen Kragen und Strümpfe in Weiss, dazu hatte er ein helles Hemd mit Puffärmeln unter seinem braunen Wams. Aufgeplustert wie ein Gockel. Alec konnte diese extrovertierte Mode nicht ausstehen. Auch wenn man glauben konnte, er käme aus einem Weiberhaus, so übersah Alec nicht, dass auch er bewaffnet war. Im schwarzen Gürtel des Mannes steckte eine Schusswaffe und seine rechte Hand war nicht weit davon entfernt. Ihm entging die aggressive Grundstimmung nicht und er entschied sich so ruhig, wie möglich mit der Situation umzugehen. Der runde Mann hatte ihn nun erblickt und ging wie ein hundswütiges Tier auf ihn zu
„Sie! Lord Surrey haben eine Spionin unter ihrem Dach versteckt! Rücken sie das Mädchen heraus!" kreischte er. Alec hob seine Hände, da die Söldner ihre an die Schwerter gelegt hatten.
„Lord... Talbot nicht wahr? Es gibt nichts was wir hier nicht mit Worten klären könnten". Da Alec ihn nun erkannt hatte, schien Talbot unsicher, wie er weiter vorgehen sollte. Alec ging die letzten Stufen nach unten und stellte sich vor Talbot. Er wich zurück. Das war klar, dieser kleine Misthaufen war nur so mutig, weil er diese Fleischer mitgebracht hatte. „Erklärt mir nun erst mal, wieso ihr bewaffnet in mein Haus stürmt und mich dann bedroht?" sagte Alec. Talbot blickte zu seinen Männern und Ophelia zurück, und erwiderte dann
„Bedrohen" höhnte er „nun das sehe ich und der König von England anders! Ihr beherbergt eine Spionin und wenn ihr sie nicht ausliefert, wird euch und der ganzen Familie de Warenne der Prozess gemacht" meinte Talbot mit einem ekligen Lächeln. Ophelia stand noch immer in der Mitte dieser Männer. Anfänglich hatte sie gelächelt, doch dies hatte sich eilig geändert und nun stand sie eingeschüchtert zwischen ihnen.
„Nun, wenn ihr endlich mit den Details herausrücken könntet, kann ich mich auch verteidigen Talbot. Von was für einem Spion sprechen wir?" erwiderte Alec nun sichtlich an der Grenze der Freundlichkeit. Talbot grinste und offenbarte gelbverfärbte Zähne
„Isabella, Lady Campbell von den Highland Clans!" und er fuchtelte mit einem Pergament vor sich herum „und hier drauf ist das Siegel des Königs, dass sie unter Anklage steht". Alec entriss ihm das Pergament „Jahhaa de Warenne, schau es dir ruhig an! Es ist vom König persönlich". Wieder blickte Talbot zurück, um die Zustimmung seiner Horde einzuholen.
„Allerdings. Es scheint echt zu sein... jedoch steht hier lediglich, dass diese Frau festgenommen werden und bis zu ihrer Anhörung im nächsten Jahr in Gewahrsam bleiben soll" er hielt Talbot das Pergament zurück „Es steht nichts darüber, dass ich euch jemanden aushändigen soll". Talbots Lächeln gefror und er riss ihm den Zettel aus der Hand. „Abgesehen davon, beherbergen wir niemanden mit dem Namen Isabella Campbell". Alec hatte ein ungutes Gefühl. Er wollte Zeit gewinnen und diese Männer samt Ophelia loswerden. Talbots Lächeln kehrte zurück
„Ha! Diese Frau" er lief zu Ophelia und wollte sie herziehen, doch sie wand sich aus seinem Griff und schritt hocherhobenen Hauptes auf Alec zu
„Alexander" meinte sie und neigte ihren Kopf.
„Diese Miss hier, sagt, dass sie sie hier gesehen hat" ein dunkler Schatten huschte über seine Züge „in eurem Bett! Ich dachte damals in Cornwall schon vor einem Jahr, dass ich sie gesehen habe, jedoch war mein Verstand getrübt und ihr habt euch eingemischt!" sagte er giftig „Allerdings ist diese Miss hier auf mich zugekommen, wohl aus tiefer Eifersucht". Ophelia lief dunkelrot an und schrie
„Talbot halten sie die Klappe! Ich habe ihnen geholfen und sie stellen mich in aller Öffentlichkeit bloss!". Alec hatte das tiefe Bedürfnis ihre beiden Köpfe gegeneinander zu knallen, doch er unterdrückte seine Wut und versuchte Ruhe zu bewahren
„Ich habe ihnen schon damals in Cornwall gesagt Talbot, lassen sie die Finger von meinen Dienstboten! Und wie schon erwähnt, wir haben keine Isabella Campbell". Talbot lachte auf
„Ja... das mag sein, aber sie haben eine Rose Campbell oder nur eine Rose, wie sie hier genannt wird!". Carson löste sich aus seiner Erstarrung und lief in Richtung Küche. „Was tut er da?!" rief Talbot ihm hinter her. Alec blieb ungerührt
„Er geht seinen Aufgaben nach, wie es sich für einen Butler gehört. Und was macht sie so sicher, dass diese Rose, jene ist, die sie suchen?" Er versuchte Zeit zu gewinnen. Wenn es wirklich seine Rose war... dann...
„Ich habe sie schon vor einem Jahr erkannt verdammt! Und sie... sagen sie etwas!" Er starrte Ophelia an. Diese atmete etwas schneller und antwortete
„Ja eine Rose arbeitet hier. Ich habe sie mehrmals hier gesehen, doch Alexander hat nichts davon gewusst Talbot! Ich habe Nachforschungen angestellt und sie angeschrieben. Niemand hätte geahnt, dass" sagte sie mit einem unsicheren, beinahe hysterischen Lächeln zu Alec „...sich herausstellen würde, dass eine Dienstmagd bei den de Warennes eine Spionin ist" endete sie.
„Sehen sie de Warenne, es ist wahr. Ich verlange, dass sie mir Isabella aushändigen!" sagte Talbot scharf. In diesem Moment trat Thomas durch die Haupttür. Er brauchte keinerlei Erklärungen. Er nahm sein Messer in die Hand und lief zu Alec.
„Talbot, das wird nicht geschehen. Sie bleibt bei mir in Gewahrsam". Talbot stampfte mit einem Bein auf und schürzte die Lippen
„Sie ist mein Mündel! Sie gehört mir!" schrie er aus der Tiefe seiner Kehle.
„Ich dachte sie sei eine Spionin?" sagte Alec unverwandt.
„Das ist sie auch! Allerdings gehört sie in meine Verwandtschaft und ist abgehauen. Sie hat sich ganz bewusst dieses Haus mit euch ausgesucht. Sie wollte Informationen sammeln, um sie dann den Schotten zu zuspielen! Sie ist ein gerissenes kleines Biest!" Alec bezweifelte diese Tatsache stark, woher hätte sie vor über einem Jahr wissen können, dass es abermals Krieg zwischen den beiden Königreichen geben und dass Alec eine Schlüsselrolle einnehmen würde? Er selbst hatte das damals nicht mit Sicherheit gewusst.
DU LIEST GERADE
Schottisches Feuer und englische Anmut - Band 1
Ficción históricaEngland im Umbruch. Der junge König Henry VIII hat nicht das Geschick und das gute Herz seines Vaters geerbt. Er will Krieg und Schottland endlich unter englischer Herrschaft wissen. In diesen Sog gerät der kampferfahrene Alexander de Warenne, Lord...
