KAPITEL XLVI

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Reyna

Einen kleinen Moment lang sahen sie sich in die Augen, ein wenig verwirrt, aber auch geschockt. Reyna ließ ihre Hand sinken, sie zitterte. Der Trank war auf dem Gesicht der Kriegerin verteilt und lief ihren Hals hinunter.

Dann fing die Haut der Okeanide an, zu dampfen und sich vor Reynas Augen zu zersetzen. Entsetzt wich sie einen Schritt zurück, während ihre machtvolle Gegnerin einen gellenden Schrei ausstieß. Er hallte durch den Wald und zeugte von purem Schmerz.

Sie wandte ihren Blick ab. Drei Sekunden später war es vorbei, die Okeanide zu Staub zerfallen. Und Reyna blieb alleine im Wald zurück.

Ihr Atem hallte unnatürlich laut in der nun aufgekommenen beinahe makellosen Stille wider, als sie tief die Luft in ihre Lungen sog. Von weit her drangen noch immer Kampfgeräusche zu ihr, aber zuerst reagierte ihre Körper gar nicht darauf. Sie konnte es nicht fassen, dass sie tatsächlich überlebt hatte.

Reyna gab sich einen Ruck. Darüber konnte sie auch später nachdenken. Jetzt galt es, ihren Freunden zu helfen. Besonders nützlich würde sie vermutlich nicht mehr sein, ihren einen Arm konnte sie nicht mehr anheben, doch sie musste es zumindest versuchen.

Sie kletterte die Böschung so schnell nach oben, wie es ihre müden Muskeln zuließen, an der Spitze angekommen sah sie sich erst einmal nach ihrem Schwert um, welches sie glücklicherweise zehn Meter entfernt im Dreck liegend entdeckte.

Sie trieb ihren Körper zu Höchstleistungen an, mobilisierte ihre letzten Kraftreserven und joggte schnellen Schrittes zu den Anderen zurück.

Der Kampflärm verklang, obwohl sie immer näherkam. Reyna rechnete bereits mit dem Schlimmsten, sie erwartete, dass sich in Kürze ein Bild des Grauens vor ihren Augen erstrecken würde. Auf das, was sie jedoch letztendlich sah, war sie nicht vorbereitet.

Anscheinend waren weitere Gruppen zu Jason und Nico gestoßen, frische, kampfbereite Römer, die sich sofort in das Gefecht gestürzt hatten. Keine einzige Okeanide war übriggeblieben, nur die Anführerin, Daeira, war noch am Leben, aber von allen Römern eingekreist.

Reyna beschleunigte ihre Schritte und im Näherkommen konnte sie sehen, dass sie noch immer in Angriffshaltung war und ihre Arme halb gehoben, Wasser schwebte noch immer um sie herum.

Um Nico herum wurde es wieder dunkler, doch ehe er seine Kräfte einsetzen konnte, wurde er von Jason am Arm gepackt. Der Sohn des Jupiters sah furchtbar aus.

„Nicht.", brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Sie kann deine Kräfte gegen dich einsetzen."

Reyna fragte sich, woher er das wusste. Die Okeanide lachte. „Du bist wohl doch nicht so dumm, wie ich gedacht habe, Halbgott.", spuckte sie regelrecht aus. Jason ballte seine Fäuste und machte Anstalten, nach vorne zu gehen.

„Stopp!", befahl Reyna und alle zuckten zusammen, bis auf Daeira. Sämtliche Köpfe schossen zu ihr, viele schienen erleichtert, dass sie wieder da war, vor allem Jason und Nico, denen die Sorge ins Gesicht geschrieben war. „Schluss damit! Fesselt sie, wir müssen sie verhören.", ihre Stimme klang schärfer, als beabsichtigt. Doch wenn sie Daeira ansah, überkam sie purer Hass.

Erst recht, als diese selbstgefällig grinste. „Ich glaube, wir sind an dem Punkt angekommen, wo ich verschwinde."

Es klang, als würde die Okeanide das alles lustig finden.

Das war der Moment, in dem Reyna ein wenig der Kragen platzte. Mühsam rang sie um ihre Beherrschung, dennoch schubste sie Nico ein wenig unsanft aus dem Weg, um in den Kreis treten zu können.

„Sag' mir, wie willst du verschwinden? Sieh' dich um, du hast verloren!", fauchte Reyna.

Daeira kam zwei Schritte auf sie zu und obwohl Jason einen Warnlaut ausstieß, wich sie keinen Schritt zurück.

Du solltest dich lieber umsehen. Ihr seid am Ende. Wie viele Halbgötter hat es gebraucht, um uns zu besiegen? Ein Dutzend Okeaniden? Doppelt so viele. Und denkt ihr wirklich, das war alles, was Pontos kann?", sie lächelte bedrohlich. „Ihr seid dabei, diesen Krieg zu verlieren. Eine gewonnene Schlacht bedeutet gar nichts. Die erste Schlacht bedeutet gar nichts. Es war nur eine von vielen, die noch folgen werden und ihr werdet nicht imstande sein, auch nur eine weitere zu gewinnen. Seht euch doch an. Ihr sollt die stärksten römischen Halbgötter sein? Ihr seid Spielfiguren. Ihr seid nichts."

Reyna ging nach vorne und war noch einen Meter von der Okeanide entfernt. „Ich habe es so satt, eine Spielfigur zu sein. Und wir werden es auch nicht sein.", erwiderte sie seltsam ruhig, obwohl die Wut in ihr tobte.

Daeira zog ihre Augenbrauen nach oben. „Da habt ihr wohl keine Wahl."

Und dann löste sie sich vor Reynas Augen in Luft auf. Einfach so.

Was zum Hades-...?", konnte sie Nico hören, er klang irgendwie schwach.

Doch Reyna beachtete keinen von ihnen. Seltsamerweise störte es sie gar nicht, dass Daeira entwischt war, sie hatte das Gefühl, dass ein viel größeres Problem vor ihr lag. Ihr Gehirn arbeitete, fast konnte sie die Rädchen, die sich in Gang setzten und sich immer schneller drehten, vor ihrem inneren Auge sehen.

Wenige Sekunden fuhr sie herum.

„Verdammt.", fluchte sie leise und dann lauter: „Brecht das Lager ab. Sofort. Versorgt die Verletzten und bereitet die Toten für den Transport vor. Wir müssen auf der Stelle ins Camp Half-Blood zurück."

Jason sah sie verwirrt an. Sein Gesicht war übel zugerichtet. „Was ist los?"

„Habt ihr sie nicht gehört? Wir sind nur Spielfiguren. Das hat sie gesagt. Und erinnert ihr euch an die Debatte im Camp? Das hier war eine Falle. Aber nicht für uns, es ging nicht darum, uns umzubringen. Es ging darum, uns vom Camp wegzuschaffen und es ungeschützter zurück zu lassen.", fasste Reyna ihre Erkenntnis zusammen. Wie sie Daeira hasste. Und wie sie sich selbst und diesen ganzen Einsatz hasste. Es war ein furchtbarer Fehler gewesen, überhaupt hierher zu kommen.

„Los jetzt!", befahl sie lauter und energischer. „Macht euch an die Arbeit!"

Augenblicklich setzten sich alle in Bewegung, viele langsam, aufgrund von Verletzungen, doch die Gesunden packten an und alles nahm seinen Lauf.

Reyna sah zu Nico. „Du musst sofort schattenrei-...", sie unterbrach sich, als sie sah, dass der Sohn des Hades schwankte. „Was ist los?", wollte sie alarmiert wissen.

„Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Außerdem haben wir wichtigeres zu erledigen.", brummte dieser zurück. Er sah entschlossen aus, doch Reyna blieb misstrauisch.

„Bist du sicher?"

Sie vermutete, dass Nico über seinen Gesundheitszustand log. Hatte er es mit seinen Kräften übertrieben?

„Ja. Und ich weiß, was du sagen wolltest. Gebt mir ein bisschen Nektar, dann bin ich wieder fit wie ein Turnschuh und reise sofort in das Camp, um sie zu warnen. In Ordnung?", er brachte Jason mit einem bösen Blick zum Schweigen, als dieser etwas erwidern wollte. Vielleicht hätte er auch so, oder so nichts gesagt, denn kaum, da er seinen Mund öffnete, zuckte er zusammen und nur ein kleines Stöhnen entwich seinen Lippen.

Reyna blickte ihm besorgt an. „Du solltest dich echt versorgen lassen. Das sieht gar nicht gut aus."

Nico schnaubte. „Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?"

Daraufhin seufzte sie. „Ich weiß. Ich glaube, wir drei sollten uns Feldsanitäter suchen, das können wir alle im Moment gebrauchen."

Sie sah sich um. Alle waren geschäftig unterwegs, sie kamen schnell voran, in wenigen Minuten wären sie sogar bereit, ins Lager zurück zu kehren und dieses abzubauen. Doch Reynas Meinung nach ging das alles immer noch viel zu langsam. Sie hatte das Gefühl, dass irgendeine furchtbare Katastrophe geschehen würde.

Sie hoffte, dass sie es noch rechtzeitig ins Camp schaffen würden, um es -was auch immer es war- zu verhindern.

Die Waffe der MeereGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt