Wir haben unsere Inhaltsrichtlinien aktualisiert.
Sieh dir die neuesten Richtlinien an, um weiterhin sicher Geschichten zu teilen.

EPILOG

402 22 2
                                        

Calypso

Sie hatte lange gewartet und zum ersten Mal, seit sie sich auf Ogygia befand, hatte sie gespürt, wie sich eine Ewigkeit anfühlte. Normalerweise hatte die Zeit niemals eine Rolle für Calypso gespielt. Wie auch? Sie war auf ihrer Insel, ihrem -zugegebenermaßen recht schönen- Gefängnis gewesen und hatte gewusst, dass sie ohnehin nicht wegkommen würde.

Sie hatte einfach irgendwie gelebt und niemals gewusst, wie viel Zeit verging. Es hatte auch keine Rolle gespielt. Wenn man unsterblich war, dann spielte die Zeit nie eine Rolle.

Doch dann war Leo gekommen und mit einem Schlag hatte sich alles geändert. Keiner der Helden, die bisher zu ihr gesandt worden waren, hatte diese Wirkung gehabt. Es war einmalig, unglaublich, Calypso konnte es schwer in Worte fassen. Leo war einmalig.

Der Sohn des Hephaistos, der furchtbar nervig gewesen war, zumindest am Anfang. Calypso hatte wirklich nicht vorgehabt, sich in ihn zu verlieben. Aber wie so oft war sie nicht die Bestimmerin über ihr Herz gewesen- das waren nur die Moiren und ihr Fluch.

Als Leo bei seiner ersten Landung auf Ogygia ihren Picknicktisch zertrümmert hatte, war sie außer sich vor Wut gewesen. Sie hatte ihn, die Moiren, die Liebe und sich selbst gehasst. Calypso hatte eigentlich vorgehabt, eine Mauer um ihr Herz hochzuziehen, es zu beschützen.

Sie hatte gedacht, dass sie es schaffen würde, denn im ersten Moment hatte sie es für unmöglich gehalten, sich jemals in Leo zu verlieben.

Trotzdem hatte er es irgendwie zustande gebracht, ihr Herz zu erobern. Es war ihr ein Rätsel, wie. Aber als er ihr dann mitgeteilt hatte, gehen zu müssen, war ihr Herz zu einer blutigen, unförmigen Masse zerquetscht worden- schon wieder. Und dieses Mal fühlte sich der Schmerz noch schlimmer an, als jemals zuvor.

Leo war vollkommen irre, erinnerte sie nicht selten an einen verrückten Kobold, aber sie liebte ihn. So, wie sie noch nie jemanden geliebt hatte. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie sich aus freien Stücken dafür entschieden, ihn zu lieben. Als hätte dieses Mal kein Fluch eine Rolle gespielt. Nein, sie war es gewesen, sie alleine. Sie hatte Leo kennengelernt und alleine erkannt, was für ein wundervoller Mensch er war. Sie war dazu nicht gezwungen worden. Es war alles so anders, als all die Male zuvor.

Bis auf eine Sache: Der Abschied. Das war tatsächlich immer gleich. Alle gingen und ließen sie zurück. Mit Leo war alles so neu gewesen, so voller Hoffnung, sie hatte gedacht, dass ihrem Fluch endlich ein Ende bereitet wurde. Sie hatte es so gehofft und dennoch nicht gewusst, ob es wirklich der Fall war.

Und dann war da noch die Sache mit dem Versprechen. Leo hatte Calypso versprochen, zurückzukommen. Sie zu holen und von Ogygia zu bringen.

Dieses Versprechen war auch genau der Grund, warum Calypso die ganze Zeit kurz vorm Durchdrehen gewesen war. Sie hatte gewartet und gewartet und hatte keine Ahnung, wie viele Zeit vergangen war. Der Gedanke, dass vielleicht schon Jahre vergangen waren, oder sogar Jahrhunderte und Leo inzwischen tot war, hatte beinahe dazu geführt, dass sie zerbrach. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass Leo tot war.

Die Zeit des Wartens war schwierig gewesen und wie sie diese letztendlich überstanden hatte, war ihr ein Rätsel.

Aber Calypso hatte sie überstanden. Leo war wieder bei ihr, sie waren zusammen. Nur das zählte.

Wobei sie zugeben musste, dass sie ihn im ersten Moment liebend gerne verprügelt hätte. Doch dann, als sie mit Festus losgeflogen waren und er ihr alles berichtet hatte, was geschehen war, war Calypso ein wenig besänftigt gewesen.

Sie hatten sich auf den Weg gemacht. Und seltsamerweise war es Calypso ab diesem Moment egal gewesen, wie viel Zeit verstrich. Leo war am leben und sie waren zusammen. Etwas anderes brauchte sie nicht.

Sie fragte sich, ob sie jemals von Ogygia hinuntergelangten, oder ob sie auf ewig im Zauber der Insel gefangen sein würden. Als sie Leo genau das fragte, hatte er nur gegrinst und erklärt, dass er einen Plan hatte.
Es hatte tatsächlich geklappt. Irgendwann, sie waren eine Ewigkeit nur über Meer geflogen, stieß Festus ein Zischen und Quietschen aus. Für Calypso hatte es nur nach den Geräuschen einer Maschine geklungen, doch Leo schien gut darin zu sein, mit seinem Drachen zu kommunizieren.

Irgendwann teilte ihr Liebster ihr mit, dass sie -zumindest seiner Meinung nach- irgendwo über dem Atlantik waren.

Calypso hatte wirklich keine Ahnung, ob das stimmte. Aber sie vertraute Leo.

Jetzt klammerte sie sich an ihm fest und schloss die Augen, holte tief Luft und atmete die frische Meeresluft ein. Bestimmt konnte sie sich auch irgendwo an Festus Rücken festhalten, doch sie tat das lieber an Leo.

Glücklicherweise hatte sie sich die Haare zurückgebunden, sonst würden diese inzwischen aussehen, wie ein Krähennest. Und die Jeans und das T-Shirt waren erstaunlich bequem. Viel besser, als ihre Kleider.

„Erzähl' mir vom Camp. Wie ist es dort so?", fragte Calypso und blinzelte ein wenig ins Sonnenlicht. Die Sonne schien zwar, doch der Wind und die Luft waren kalt. Aber dank Festus, der eine konstante Wärme verströmte, fror sie nicht.

„Es ist toll dort, du wirst es mögen.", gab Leo zurück, seine Stimme klang erstaunlich sanft.

Calypso verdrehte die Augen. „Also mit dieser Beschreibung kann ich ja wahnsinnig viel anfangen.", bemerkte sie sarkastisch.

Fast konnte sie Leos Grinsen durch seinen Hinterkopf hindurchsehen.

Er fing an, ihr das Camp zu beschreiben. Er berichtete vom Speisepavillon, vom Amphitheater und vom Rundgesang. Vom Lagerfeuer erzählte er länger, als von allem anderen. Er schien es zu mögen. Kein Wunder, Feuer war auch sein Element.

Calypso erfuhr, dass die Halbgötter in Hütten lebten und wie das Training ablief. Leo erzählte vom Strand, von Thalias Fichte und von vielem mehr. So langsam konnte sie sich vorstellen, was sie erwartete. Es klang nicht allzu schlimm.

Sie fragte sich, wie die anderen sie wohl aufnehmen würden. Ein kleiner Teil von ihr haderte mit sich selbst, ob sie wirklich dorthin gehörte. Aber wenn sie Zweifel überkamen, dachte sie an Leo. Er war an ihrer Seite und würde sie unterstützen. Egal, was kam.

„Was meinst du, wie lange dauert es noch?", fragte sie nach einer längeren Zeitspanne, in der sie beide still gewesen waren.

„Ich bin mir nicht sicher. Aber ich glaube, nicht mehr lange.", erwiderte Leo. „Mal sehen."

„Ich habe ein wenig Proviant dabei, möchtest du etwas?", schlug Calypso vor und drehte sich nach hinten, wo sie den Beutel verstaut hatte. Dort befand sich nichts mehr. Er musste heruntergefallen sein.

In dem Augenblick, in dem Leo vermutlich mit einem Ja antworten wollte, sagte sie: „Ich korrigiere. Ich hatte Proviant dabei. Es ist weg."

Calypso zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder nach vorne. Dabei bemerkte sie, wie sich Leo ein wenig anspannte. Sie konnte seine Aufregung beinahe spüren.

„Ich glaube, das brauchen wir nicht. Zumindest nicht mehr. Sieh' mal!", er deutete mit seinem Finger nach vorne und Calypso folgte seinem Blick. In weiter Ferne, kaum mehr als ein dunkler Strich am Horizont, war die Küste zu sehen. Sie war noch weit entfernt, aber sie war da.

„Land in Sicht.", jubelte sie leise.

„Halt dich fest, Sonnenschein.", sagte Leo und Festus beschleunigte ein wenig.

Calypso musste lächeln. Egal, was sie in Long Island erwartete, sie freute sich darauf. Sie freute sich aufs Lagerfeuer, auf die Halbgötter und vor allem darauf, einfach nur mit Leo zusammen zu sein.

Camp Half-Blood, wir kommen, dachte sie und ihr Lächeln vertiefte sich.

Gemeinsam schossen sie und Leo auf Festus Rücken vorwärts, ihrer neuen Heimat entgegen.

~Ende von Teil 2~

Die Waffe der MeereGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt