Percy
Das Nächste, was er bemerkte, war, dass er im Sand auf dem Boden lag. Wie er dort gelandet war, wusste er nicht. Er starrte in den Himmel, der die Farbe eines dunklen Hellblaus besaß.
Zuerst hatte er das Gefühl, nicht atmen zu können. Etwas Warmes lief aus seinen Ohren. Blut. Auch im Mund konnte er die metallische Flüssigkeit schmecken.
Percys Fingerspitzen kribbelten, der Rest seines Körpers fühlte sich taub an. Als wäre er eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten worden waren.
Und dann war es, als wäre ein Bann gebrochen. Mit einem tiefen Keuchen holte er verzweifelt Luft, seine Lungen weiteten sich, sogen den Sauerstoff gierig ein. Seine Sinne funktionierten plötzlich wieder. Seine Brust fühlte sich an, als wäre sie mit einem Vorschlaghammer bearbeitet worden.
Und etwas fehlte. Etwas Wichtiges. Etwas Großes und Bedeutendes. Seine Verbindung zum Meer war weg. Verschwunden. Ins Nichts. Einfach so.
Es war nicht so, als würde Pontos das Meer kontrollieren und gegen ihn arbeiten. Dann hätte er das nämlich gespürt. Dort, wo sich noch zuvor die Mauer des Gottes befunden hatte, war nichts mehr.
Dieser Gedanke erfüllte Percy mit Entsetzen. Es überkam ihn mit einer unglaublichen Wucht. Der Kampf hatte ihm keine Angst gemacht, zumindest nicht viel. Auch Pontos Drohungen hatten nicht diese Wirkung gehabt.
Aber das Meer nicht mehr zu spüren, das war, als hätte sich einer seiner schlimmsten Albträume erfüllt.
Percys Fingerspitzen zuckten, als er langsam die Kontrolle über seine Muskeln wiedererlangte. Er konnte Pontos lachen hören. Ein böses, widerwärtiges Lachen.
Dann war da ein Schrei, der verzerrte, schrille Ruf einer bekannten Stimme.
Eine Sekunde später tauchte Jimmys Gesicht über ihm auf.
Nein, nein, nein, nein, nein.
Percy riss seine Augen auf. „Jimmy-...", krächzte er. Seine Kehle war trocken. „Du-... musst-... verschwinden. Lauf-...", würgte er hervor.
Doch der Junge schüttelte den Kopf. Er hatte Angst, das sah man ihm noch deutlicher an, als zuvor. Und seine Stimme zitterte, als er sagte: „Alles wird wieder gut."
Dann legte er seine Hände auf Percys Schultern und schloss die Augen, ums ich auf seine Kräfte zu konzentrieren. Als hätte ihm jemand eine Adrenalinspritze verabreicht, kehrte ein wenig mehr Gefühl in seine Glieder zurück.
„Du musst-... gehen.", verlangte Percys schwach. Er rollte sich ein wenig auf die Seite, um sich mit seinen Armen auf dem Boden abzustützen. „Bitte lauf, Jimmy. Bitte."
Der Sohn der Harmonia war zu langsam. Als Percy sich langsam auf die Knie hocharbeitete, stand Pontos vor ihm- doch seine Aufmerksamkeit galt Jimmy.
„Wie rührend.", meinte er und kniff die Augen zusammen. „Nur leider zur falschen Zeit am falschen Ort."
Es sah beinahe danach aus, als würde er mit den Schultern zucken, als wäre es ihm egal, was er da tat. Pontos packte Jimmy am Hals, drückte zu und hob ihn hoch, sodass die Füße des jungen Halbgottes über dem Boden zappelten.
Percy stieß einen erstickten Schrei aus und mobilisierte seine letzte Kraft. Er durfte nicht zulassen, dass diesem Jungen, der nur helfen wollte, etwas Schreckliches zustieß. Während er sich weiter hochquälte, tastete er im Sand nach Springflut. Das Schwert lag dort und glitzerte in der untergehenden Sonne. Er packte den Griff.
Er hatte sich noch nicht gänzlich aufgerichtet, doch er stürmte -taumeln traf es besser- sofort auf Pontos zu. Doch Percy konnte nichts ausrichten, denn der Gott verpasste ihm, ohne auch nur richtig hinzusehen, einen so heftigen Tritt in die Magengrube, dass er würgend wieder zu Boden ging.
Er konnte sehen, dass Jimmys verzweifelte Versuche, sich zu wehren, immer langsamer und träger wurden.
Voller Entsetzen wollte er irgendetwas tun. Irgendetwas. Aber er war viel, viel, viel zu langsam. Seine Energie war fort, seine Lebensgeister verschwunden. Als er endlich wieder auf den Beinen war und schwankte, waren Jimmys Bewegungen vollends zum Stillstand gekommen. Pontos schleuderte seinen leblosen Körper unachtsam weg, als wäre er eine Puppe.
„Nein!", schrie Percy. Immer wieder brüllte er Jimmys Namen und wollte zu dem Jungen rennen, aber Pontos hinderte ihn daran. Er verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht, sodass er wieder zu Boden ging.
Der Urgott beugte sich über ihn.
„Merk' dir genau, wie sich das anfühlt. Der Schmerz und das Gefühl, nichts gegen das Kommende ausrichten zu können. Denn der Rest deines Lebens wird sich darum drehen.", fauchte Pontos. „Du wirst mit dem Gedanken aus der Welt verschwinden, dass du deine Freunde nicht retten kannst. Genauso, wie du diesen Jungen nicht retten konntest."
Percy verspürte einen Hass auf Pontos, wie er ihn selten zuvor gespürt hatte. Und obwohl er sich fühlte, als wäre er von einem LKW überrollt worden, stand er auf. Die Wut verlieh ihm ungeahnte Kraft, genau genug, um weiterzumachen.
Percy wagte es nicht, in Richtung Jimmy zu blicken. Zu groß war die Angst vor dem, was er vielleicht sehen konnte. Stattdessen erwiderte er mit vor Wut blitzenden Augen Pontos Blick, der ihn neugierig und abwartend ansah. Der Gott, der inzwischen ein paar Meter weg stand, beobachtete ihn gelassen, machte keine Bewegung, auch dann nicht, als Percy mit seiner ganzen, verbliebenen Kraft auf ihn zustürmte. Dann, als er nur noch zwei Meter von ihm entfernt war, hob er seelenruhig seine Hand und eine Welle der Energie schleuderte Percy nach hinten.
In einem hohen Bogen flog er durch die Luft, kurz verging alles in Zeitlupe. Er fühlte sich schwerelos, doch dann zog die Erdanziehungskraft wieder an ihm. Percy kam auf einem kleinen Baumstumpf am Waldrand auf, Sterne explodierten in seinem Gesichtsfeld, mit einem kleinen Schrei rollte er von dem großen Baumstumpf hinunter. Diesmal blieb er liegen, stand nicht mehr auf.
Percys ohnehin schon lädierter Brustkorb fühlte sich an, als wären mindestens drei Rippen gebrochen, wenn nicht sogar mehr.
Jeder Atemzug war eine Qual, es brannte wie die Hölle. Punkte tanzten vor seinen Augen, er war beinahe nicht mehr bei Bewusstsein.
Durch den Schleiher hörte er Pontos Stimme ganz nah an seinem Ohr: „Sieh dich nur an. Du bist ein Nichts."
Dann war es für eine kurze Zeit still. Und in Percy breitete sich nun doch noch richtige Angst aus.
Er fühlte sich sowohl körperlich, als auch psychisch beschissen. Er wusste nicht, was noch kommen würde, er wollte es auch eigentlich gar nicht wissen.
Annabeths Gesicht schlich sich vor sein inneres Auge. Sie lächelte ihn an, wie um zu sagen, dass alles gut werden würde.
Das hatte Jimmy auch gesagt.
Mit einem Mal war Percy unglaublich froh, den Dolch nicht bei sich gehabt zu haben. Denn nach dem, was passiert war, wäre der Dolch verloren gewesen. Und auch, wenn er jetzt sterben würde, so wäre zumindest die zweite, die richtige Waffe der Meere da und nicht in Pontos Händen.
Vielleicht hatten sich die Moiren doch etwas dabei gedacht, ihn auf diese Weise zu beeinflussen.
Dieser Gedanke war wirklich das einzig Positive an der ganzen Sache.
Zumindest hatte er seine Aufgabe erfüllt. Das würde ihm später niemand vorwerfen können.
Ein paar Sekunden verstrichen, dann konnte er wieder Pontos Stimme vernehmen. Er klang weiter entfernt, als zuvor. „Daeira, Clio, bringt ihn her.", befahl er.
Percy hob schwach seinen Kopf und sah die beiden Kriegerinnen, die das ganze Spektakel still mitverfolgt hatten, auf sich zukommen. Der letzte Lebenswille in ihm trieb ihn dazu an, ein wenig wegkriechen zu wollen, doch schon einen Augenblick später spürte er, wie er an beiden Armen gepackt und hochgezerrt wurde.
Neuer Schmerz schoss durch seinen Körper, beinahe hätte er das Bewusstsein verloren. Sein Atem ging rasselnd.
Percy stemmte seine Beine in den Boden, doch im Sand zeigte das keine Wirkung. Die beiden zogen ihn unbarmherzig weiter, bis hin zu Pontos, der neben einem Felsen am Strand stand. Er wirkte äußerst zufrieden mit sich selbst. Vor ihm blieben die beiden Kriegerinnen stehen und zwangen Percy in die Knie, seine Arme hatten sie weiterhin fest im Griff.
Das ist jetzt das vorletzte Kapitel für heute :)
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Die Waffe der Meere
Fiksi PenggemarPercy hat es geschafft- er ist aus der Vergangenheit zurück. Doch viel Zeit zum Erholen bleibt ihm nicht, denn die Zeit drängt. Die Halbgötter müssen versuchen, Bethanys geheimnisvolle Hinweise zu entschlüsseln und das Versteck des Dolches finden. L...
