KAPITEL LIX

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Percy

„Weißt du, du hast genau meinen Erwartungen entsprochen. Aber auch nicht mehr. Du bist keine Herausforderung.", sagte Pontos im Plaudertonfall. „Bevor die Party jetzt richtig losgeht, würde mich aber noch eine Sache interessieren. Wo ist der Dolch der Meere?"

Percy presste die Lippen aufeinander.

Pontos zog eine Augenbraue nach oben und gab der Frau mit den Tattoos ein Zeichen. Diese verdrehte Percys Arm in einen schmerzhaften Winkel.

„Wo. Ist. Er?", wiederholte er. Der Druck verstärkte sich, Percy stieß ein Zischen aus.

Der Urgott beugte sich vor. „Weißt du, Daeira hat kein Problem damit, dir den Arm zu brechen. Und ich übrigens auch nicht. Es wäre also besser für dich, wenn du redest."

„Warum sollte ich? Du bringst mich so, oder so um.", keuchte Percy.

„Stimmt. Aber ich kann das alles auch noch ein bisschen herauszögern.", erwiderte Pontos seelenruhig.

Wieder verstärkte sich der Druck, es fühlte sich an, als würde sein Knochen in jedem Augenblick brechen. Percy stieß einen Schrei aus.

„Ich weiß nicht, wo der Dolch ist!", stöhnte er.

Sofort ließ der Schmerz in seinem Arm ein wenig nach. Pontos packte ihn am Kinn und zwang Percy so, ihn anzusehen. „Willst du mich für dumm verkaufen?", spuckte er aus. „Ich weiß, dass du auf einem Auftrag warst, sonst wärst du nach Providence gekommen und nicht deine erbärmlichen Freunde. Also, wo ist der Dolch? Ich stelle diese Frage nicht noch einmal."

Daraufhin tat Percy das Einzige, was ihm in dieser Situation richtig vorkam. Er log eine Geschichte zusammen, etwas, das nahe an der Wahrheit war, aber trotzdem nicht stimmte. Um seinen Freunden einen letzten Vorteil zu verschaffen.

„Wir dachten, dass sich der Dolch auf der Insel der Sirenen im Meer der Ungeheuer befindet. Aber da war er nicht! Ich weiß nicht, wo sich der Dolch befindet.", erwiderte Percy durch zusammengebissene Zähne.

Zum ersten Mal sah er Wut in Pontos' Augen. Plötzlich war der Gott nicht mehr beherrscht, oder berechnend. Und Percy dachte, dass er ihm diese Geschichte glaubte. Einen Augenblick lang war er davon überzeugt, dass der Urgott ihm diese Geschichte abkaufte. Er hoffte es so sehr.

Doch dann huschte Erkenntnis über Pontos Gesicht und er brach in schallendes Gelächter aus.

„Guter Versuch, Percy Jackson, guter Versuch.", meinte er. „Aber wie alles nicht gut genug. Ich hätte damit rechnen müssen-... die Kleine hat den Dolch, nicht wahr? Diese Tochter der Athene."

Percys Magen verkrampfte sich. Nein, Annabeth durfte nicht in Pontos Visier rücken. Das durfte er nicht zulassen.

„Ich sagte doch, wir haben den Dolch nicht!", sagte er, doch die Antwort kam einen Tick zu schnell und seine Stimme klang zu verzweifelt, als dass irgendwer seinen Worten Glauben geschenkt hätte. Percy selbst glaubte sich ja nicht einmal, wie sollte es ihm jemand anderes abnehmen?

„Um sie werde ich mich später kümmern.", drohte Pontos leise. „Gleich, nachdem ich mit dir fertig bin. Und ich verspreche dir, dass sie leiden wird."

Das war zu viel. Trotz der Schmerzen und dem Verlangen, einfach hier an Ort und Stelle einzuschlafen, sprang Percy auf und stürzte sich auf Pontos.

Er versuchte es zumindest. Sofort wurde er zurückgezogen und festgehalten. Egal, wie stark er sich wehrte, es half alles nichts. Egal, wie laut er brüllte und welche Verwünschungen er auch schrie, nichts zeigte Wirkung. Pontos beachtete ihn auch gar nicht mehr, er wandte sich dem Meer zu, wo gleich darauf eine Wolke aus feinem Sprühnebel aufzog, im abendlichen Licht bildete sich ein Regenbogen.

Pontos warf eine goldene Drachme hindurch. „Zeige mir Poseidon in seinem Palast im Atlantik.", befahl er und sofort veränderte sich das nebelige Bild.

Percy fragte sich, warum die Halbgötter die Irisboschaften nicht nutzen konnte, Pontos hingegen schon. Vielleicht, weil der Gott diesen Kommunikationsweg blockierte und nur für seine eigenen Zwecke verwendete.

Das Bild wurde immer schärfer, Percy verzog sein Gesicht, als er den Palast seines Vaters erkannte.  In dem Raum, der gezeigt wurde, war er selbst noch nie gewesen, doch es schien eine Art Besprechungszimmer zu sein, in dem nun alles zum Stillstand kam. Ein großer Tisch stand in der Mitte, um den fünf Personen saßen, er erkannte Triton und Dauphin, die anderen jedoch nicht. Alle waren im ersten Moment verwirrt, dann erstarrt, als ihnen aufging, was für ein Bild sich ihnen da bot. Und dann war da Poseidon.

Percy spürte seinen entsetzten Blick nur allzu deutlich auf seiner Haut brennen. Er wollte sich davon nicht beeinflussen lassen, doch all das, was Pontos gesagt hatte, tauchte wieder in seinem Kopf auf. Dass er seinem Vater wirklich etwas bedeutete. War das wirklich die Wahrheit? Hatte er sich die ganze Zeit über geirrt?

Beinahe wünschte er sich, etwas anders zu sehen, doch gerade in diesem Moment konnte er nur bodenlose Angst in den grünen Augen erkennen, die seinen eigenen so ähnlich waren. Poseidon schien sich kurz nicht rühren zu können, war wie erstarrt. Kein Wort verließ seine Lippen.

Anders als Triton, sein Halbbruder. Dieser sprang blitzschnell auf -sofern das unter Wasser und mit einem Fischschwanz möglich war- und zog sein Schwert. Beinahe hätte Percy geglaubt, dass er sich aufmachen wollte, um ihm zu helfen.

Pontos reagierte blitzschnell, er packte Percy an den Haaren, riss seinen Kopf nach hinten, gleich darauf spürte er eine Klinge an seinem Hals, die direkt auf seiner wie wild pulsierenden Halsschlagader ruhte.

„Eine weitere falsche Bewegung, oder ein falscher Befehl und er ist sofort tot.", fauchte Pontos. Dann widmete er sich Poseidon zu. „Hallo, Poseidon. Es ist lange her."

Percy zuckte zusammen, als die Faust seines Vaters auf den Tisch schlug, der Knall war selbst durch die Irisbotschaft noch sehr laut. Er stand auf und stemmte sich auf die Platte ab.

„Was willst du, Pontos?", seine Stimme zitterte. Ob vor Wut, Entsetzen, oder Angst, vermochte Percy nicht zu sagen.

„Schick deine Leute raus. Sofort. Oder er stirbt.", sagte der Angesprochene.

Poseidon gab den Anderen einen Wink, um ihnen zu signalisieren, dass sie verschwinden sollten. Das taten sie dann auch, wenngleich recht zögerlich. Lediglich Triton verharrte. „Vater-...", setzte er an.

„Raus hier, Triton.", brüllte Poseidon.

Wieder zuckte Percy zusammen. Sein Halbbruder sah ihm kurz in die Augen und warf ihm einen undefinierbaren Blick zu. Der Hass, der früher immer zu sehen gewesen war, war verschwunden. Dann schwamm auch er davon und Poseidon blieb alleine in dem Besprechungsraum zurück. Er wirkte beinahe ein wenig verloren.

Und damit endet der erste Tag des Lesewochenendes! :)

Die Waffe der MeereGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt