KAPITEL XXXVI

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Hazel

„Wo ist Reyna? Wann wird sie wieder in Camp Jupiter eintreffen?"

Diese Frage traf Hazel nicht unvorbereitet, es kam ihr so vor, als würde Aiden Collister, ein entfernter Nachkomme des Mars, zum tausendsten Mal das Gleiche wissen wollen. Er war Anfang Vierzig, einflussreich im Senat und definitiv eine furchtbare Nervensäge.

Zwei Tage waren seit der Senatssitzung vergangen und so langsam spürte Hazel den Druck der Römer. Sie wollten endlich Antworten erhalten. Wann kam Reyna mit den Truppen zurück?

Dass sie die Tochter der Bellona nicht einmal über den Ausgang der Sitzung informiert hatten und auch nicht beabsichtigten, dies in naher Zukunft zu tun, wusste außer Frank, Hazel, Pippa Guerlaine und Hayden Hemingway niemand. Das war auch gut so, denn wenn irgendwer das alles herausfand, dann wären sie in erheblichen Schwierigkeiten.

„Aiden, ich habe Ihnen gestern schon gesagt, dass es Schwierigkeiten mit den Adlern gibt. Sobald diese behoben wurden, kommt Reyna und mit ihr natürlich auch die Truppen, zurück.", erwiderte Hazel und gab sich Mühe, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

„Ach ja? Und was für Probleme wären das?", gab Aiden Collister offensiv zurück.

Frank sprang ihr zu Seite. „Es-... Es gab Probleme mit den Pegasi im Camp Half-Blood. Anscheinend haben sie sich mit den Adlern bekämpft und dabei wurden die Wägen, die unsere Truppen nach Hause bringen sollten, zerstört. Das muss jetzt alles neu gebaut werden.", meinte er.

Mr. Collister runzelte ungläubig die Stirn. „Und diesen Blödsinn soll ich euch glauben?", fauchte er mehr als schlecht gelaunt zurück. „Der Senat sollte das alles selbst in die Hand nehmen!"

Hazel fand ihre und Franks Ausrede zugegebenermaßen selbst mehr als schlecht, doch zulassen, dass der Senat alles selbst machte? Wohl kaum. Deswegen bemühte sie sich, eine unglaublich wütende Miene aufzusetzen.

„Mr. Collister, wollen Sie uns unterstellen, dass wir unsere Aufgabe nicht ernst nehmen?", antwortete sie aufgebracht und stemmte sich mit ihren Händen auf dem Tisch, der sie von ihrem Gegenüber trennte, ab. „Oder wollen Sie sogar behaupten, dass Frank und ich Sie und den ganzen Senat, nein, die ganze Stadt, jeden einzelnen Römer hier, der sein Vertrauen in uns gesetzt hat, anlügen?", Hazel war überrascht, dass sie sogar ehrlich wütend und empört klang. Gut so.

„Frank und ich waren nicht der gleichen Meinung, wie sie. Ja, das stimmt. Aber wir haben diese Abstimmung verloren und wissen, dass wir uns daranhalten müssen. Denken Sie wirklich, wir besäßen gar kein Ehrgefühl mehr?"

Sowohl Frank, als auch sie wusste, dass sie das Blaue vom Himmel herunterlog, doch sie zuckte dabei nicht mit der Wimper. Stattdessen biss sie die Zähne kämpferisch zusammen und bemerkte, wie Aiden Collister tatsächlich unter ihrer kleinen Ansprach einbrach. Er stand auf.

„Nun gut. Wann werden sie hier sein?", fragte er noch einmal nach.

„In drei Tagen.", sagte Hazel. Sie hatte keine Ahnung, wann Reyna wieder in Camp Jupiter eintreffen würde.

„Ich nehme euch beim Wort.", erwiderte der Senator noch und warf ihnen einen bedrohlichen Blick zu. Anschließend verließ er das Arbeitszimmer von Frank und Hazel stieß heftig die Luft aus. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und raufte sich die Haare. Hinter ihr ließ sich Frank auf seinen Drehstuhl fallen. Sie fuhr zu ihm herum.

„Er ist so nervtötend.", brachte sie frustriert hervor. „Ich drehe noch durch wegen ihm."

Ihr Freund sah auf, musterte sie kurz, dann grinste er sie schwach an. „Aber du warst großartig.", meinte er.

Hazel setzte sich auf die Schreibtischkante und verdrehte die Augen. Wie sehr hatte sie sich allein in den letzten Tagen verändert. Zuvor hatte sie Ehrlichkeit geschätzt und versucht, jede Lüge zu vermeiden. Sie hatte nichts von Intrigen gehalten. Doch nun hatte sie Reynas Platz einnehmen müssen und es kam ihr vor, als wäre die Fast-Prätorin-Hazel eine gänzlich andere Person.

Frank war ihr Gesichtsausdruck natürlich nicht entgangen. Er stand auf und nahm ihre Hände. „He, ich meine das ernst. Wirklich.", sagte er leise. „Du machst das alles besser, als ich es jemals gekonnt hätte. Ohne dich wäre ich schon längst verloren in diesem Chaos."

Hazel erwiderte seinen Blick. „Du warst aber auch nicht schlecht.", antwortete sie. „Aber eins muss ich auch zugeben: Ich würde nicht glauben, dass die Adler mit den Pegasi gekämpft haben."

Plötzlich konnte sie der ganzen Situation doch etwas Lustiges abfinden. Erstens einmal war diese Ausrede kompletter Unsinn. Aiden Collister hatte nicht nur seine Gedanken, sondern tatsächlich die Wahrheit ausgesprochen. Und trotzdem hatten es Hazel und Frank irgendwie geschafft, ihre nicht vorhandene Unschuld zu beweisen- vorerst zumindest. Sie konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen, woraufhin ihr Frank einen fragenden Blick zuwarf.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das, was wir hier tun, von außen betrachtet sogar recht lustig sein könnte.", sagte sie zur Erklärung.

Er schmunzelte. „Vielleicht. Aber hast du Collisters' Gesicht gesehen, als du ihn so fertig gemacht hast? Ich glaube, er hatte ein bisschen Angst vor dir.", Frank grinste.

Jetzt musste Hazel wirklich lachen und nach den Ereignissen und Anstrengungen der letzten Tage tat das wirklich gut. Gleichzeitig wurde ihr klar, dass Mr. Collister sich nicht vor ihr gefürchtet hatte, weil sie eine Tochter des Pluto war. Das war früher so gewesen, als sie neu in der Legion gewesen war, doch die Römer hatten sich inzwischen an sie in ihrer Mitte gewöhnt.

Nein, der Senator hatte nicht aufgrund ihrer Kräfte Angst vor ihr gehabt, sondern vor ihrer politischen Macht. Das war ein ganz neues Gefühl, obwohl Hazel der Meinung war, dass es sich dabei nur um eine Täuschung handelte. Sie besaß keinen Einfluss. In der Legion, ja. Das schon. Aber in Neu-Rom? Da hatten die Senatoren das Sagen und Hazel war nur ein kleiner Quälgeist in deren Augen.

Doch wenn sie eins gelernt hatte, dann, dass Wissen ebenfalls Macht war. Und vielleicht wären Frank und sie dann noch an diesem Abend ein ganzes Stück mächtiger, was ganz davon abhing, ob und was Pippa und Hayden herausfanden.

Hazel verdrängte den Gedanken, sie musste ohnehin noch ein paar Stunden auf mögliche Antworten warten.

„Manchmal wünschte ich mir, ich könnte wieder eine einfache Legionärin sein. Jemand, der einfach nur Befehle befolgt und nicht selbst die Verantwortung trägt und Entscheidungen treffen muss.", sagte sie stattdessen. „Erinnerst du dich an diese Zeit?"

Frank lächelte. „Natürlich. Ich war ganz neu im Camp, mein größtes Problem war, ob ich in der Legion aufgenommen werde, oder nicht. Und das Geheimnis meiner Familie, die Verbrechen meines Urgroßvaters. Das war noch, bevor Percy zu uns gekommen ist und das alles mit Gaia angefangen hat."

Sie drückte seine Hände sanft. „Wir haben uns seither ganz schön verändert, was?", überlegte Hazel.

„Ja. Aber nicht zum schlechten. Wir sind über uns hinausgewachsen, das tun wir immer noch. Und deswegen werden wir auch das hier schaffen.", sagte Frank und dann küsste er sie.

Es war einer von diesen sanften, verheißungsvollen Küssen, die zeigten, dass es eine Zukunft und mehr davon geben würde. Hazel lächelte.

Die Waffe der MeereGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt