Asteria
Manipulativ. Unsensibel.
Seit Tagen kreisen diese beiden Worte wie Raubvögel über meinem Kopf. Sie lassen mich nicht los. Sie nagen an mir, schreien mich in stillen Momenten an und ziehen sich wie Dornen durch meine Gedanken. Lange hat mich nichts mehr so sehr getroffen wie diese zwei simplen, aber vernichtenden Begriffe.
Heute ist Freitag. Drei Tage sind vergangen, seit Damino mir diese Worte ins Gesicht geschleudert hat, direkt und schmerzhaft. Gestern saßen wir gemeinsam in der Nachhilfestunde, als wäre nichts gewesen. Kein Wort fiel. Nur ein Nicken zur Begrüßung, ein stummes Zeigen auf die Aufgaben. Es war friedlich, aber auf eine so laute, bedrückende Art, dass ich mich kaum auf den Stuhl halten konnte.
Heute ist das jährliche Basketballspiel und ich habe Jesslyn versprochen, sie lautstark anzufeuern. Also zwinge ich mich, mich zurechtzumachen. Mein Make-up bleibt schlicht. Etwas Lipgloss, ein Hauch Lidschatten, ein feiner Lidstrich. Nichts Auffälliges, ich will nicht gesehen werden, nur dabei sein.
Ich habe die Betthälfte mit Lilac getauscht. Ihre Seite, ihr Bett, jetzt meines. Ihre Sachen sind ohnehin fast alle bei Accio. Die Fotos von mir hängen noch immer an der Wand, Erinnerungen an ein Leben, das mir aktuell fremd vorkommt. Sie hat nicht gefragt, warum ich getauscht habe. Sie ist zu beschäftigt mit den Vorbereitungen für das große Spiel. Sie lebt für Planung und Organisation. Ich wäre dafür nicht geeignet. Mir würden ständig Dinge abhanden kommen.
Aus der Box in meinem Zimmer hallt leise The Neighbourhood, ich wippe mit dem Fuß im Takt, während ich darauf warte, dass Jesslyn kommt und mir bei den Haaren hilft. Sie ist talentierter darin und geduldiger, als ich es bin.
Und Jack? Ich bin noch nicht bereit, darüber zu sprechen. Ich habe den Vorfall in die imaginäre Schachtel gepackt, in die ich alles werfe, was zu schwer wiegt. Ganz nach hinten, zu den Erinnerungen an meine Mutter. Die arme Schachtel platzt aus allen Nähten. Ich weiß, dass das Verdrängen nichts löst. Aber gerade jetzt, kann ich es nicht anders. Ich klammere mich an Musik, an Serien, an Routinen. Rede mir ein, dass alles beim Alten ist, wenn ich mich nur lange genug normal verhalte. Das kleine Taschenmesser in meiner Hosentasche gibt mir eine trügerische Sicherheit. Falls er es nochmal versucht oder ich mich bedroht fühle.
Ein Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.
Jesslyn steht vor der Tür und zieht mich in eine warme Umarmung.
„Hey, wie geht's dir?", fragt sie mich fröhlich. Sie mustert mein Gesicht, bevor sie ohne auf eine Antwort zu warten ins Bad huscht.
„Du siehst richtig gut aus!", ruft sie mir zu. Ich danke ihr lächelnd.
Dann folge ich ihr und drehe die Musik ein Stück leiser. Sie steht vorm Spiegel und zupft an ihrer Frisur.
„Also, wie soll ich deine Haare machen? Hochstecken oder flechten?"
Ich stelle mich neben sie, werfe einen flüchtigen Blick in mein Spiegelbild.
„Boxerbraids. Kriegst du das hin?"
Sie lacht. „Natürlich. Ich kann alles."
Ihr Lächeln ist ansteckend. Ich versuche es zu erwidern, auch wenn es sich nicht ganz echt anfühlt. Ich gebe ihr zwei Haargummis und lasse mich auf den Hocker sinken. Sie beginnt, mein Haar zu teilen.
„Warum bist du so gut drauf?", frage ich und starre auf die Bodenfliesen. Erst jetzt bemerke ich ein wiederkehrendes Muster in ihnen. Wie kleine Zacken gehen sie auf und ab.
„Ich hab mit Dax gesprochen. Wir wollen's miteinander versuchen."
Ihre Stimme klingt beinahe schwerelos. Ihre Finger gleiten durch mein Haar, beginnen mit dem Flechten. Ich merke, wie sich meine Schultern etwas entspannen und ich schließe für einen Moment die Augen.
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𝑩𝒆𝒕𝒘𝒆𝒆𝒏 𝒚𝒐𝒖 𝒂𝒏𝒅 𝒎𝒆
Roman d'amour„𝑺𝒂𝒈 𝒎𝒊𝒓, 𝒘𝒊𝒆 𝒅𝒖 𝒅𝒊𝒄𝒉 𝒇ü𝒉𝒍𝒔𝒕", höre ich seine Stimme, leise und eindringlich. Ich suche nach einer Antwort, doch mir fehlen die Worte. Sein weiterer Stoß wird tiefer und ich stöhne ein weiteres Mal widerwillig. „Wenn du mir nicht...
