Damino
„Aber was genau ist der ausschlaggebende Grund für einen solchen Wechsel?", fragt mich der alte Mann mit seiner ruhigen, tiefen Stimme.
Ich verziehe das Gesicht. Wie soll ich ihm das erklären? Dass es ein Mädchen gibt, das mich seit Beginn des Schuljahres zu hassen scheint? Das mich ständig herausfordert, mich ignoriert und mir mit einer Kälte begegnet, die mich jedes Mal wieder trifft, obwohl ich mir geschworen habe, unberührt zu bleiben?
„Wir hatten einen Konflikt. Es funktioniert einfach nicht mehr wie am Anfang", sage ich schließlich ausweichend. Ich merke, wie wenig Gewicht meine Worte eigentlich tragen. Mr. Ryland nimmt seinen Kugelschreiber, tippt langsam gegen die Tischplatte, ein monotones, beruhigendes Geräusch. Kontrolliert. Gleichmäßig. Ganz im Gegensatz zu dem, was in mir tobt.
Ich war gestern derjenige, der das Zimmer verließ, nachdem Asteria stumm geblieben war. Kein Wort, kein Blick, nur diese erdrückende Stille. Ich hatte es nicht ausgehalten. Sie hat mich mit diesem einen Schweigen mehr verletzt als jedes geschriene Wort es je könnte.
Und es nervt mich. Nicht weil ich unbedingt ihr Freund sein will, im Gegenteil. Aber ihr ständiges Dasein in meinem Orbit macht mich wahnsinnig. Diese verdammten Nachhilfestunden, bei denen ich so tun muss, als würde ich nicht jede Bewegung von ihr wahrnehmen. Ich bin gut darin, Menschen auszublenden, sie wegzudrücken aus meinem Kopf. Aber bei ihr gelingt es mir nicht. Sie macht etwas, irgendetwas, und es bringt mich sofort aus dem Gleichgewicht.
Dass sie sich mit diesem miesen Kerl angelegt hat, nervt mich. Dass sie denkt, ich sei ein reicher, verwöhnter Typ ohne Substanz, nervt mich noch mehr. Dass sie mir näherkam, nur um mich dann wieder von sich zu stoßen , das macht mich rasend.
Ich will sie aus meinen Gedanken verbannen. Will nicht mal mehr in ihrer Nähe sein, geschweige denn sehen, wie sie sich dieses zerzauste Pony zur Seite streicht, als wäre das das Normalste der Welt. Anfangs hatte ich es versucht. Ich hatte mich bemüht, ihr nicht wie das größte Arschloch vorzukommen. Und was bekam ich? Eine schallende Ohrfeige in Form eines Satzes. Sie könne sich wegen ihres Images nicht leisten, mit mir gesehen zu werden.
Als wäre ich die Gefahr für ihren Ruf.
Dabei ist es doch genau andersrum. Sie wird beobachtet, beäugt und gemustert. Ihre ganze Truppe ist Gesprächsstoff in jedem Klassenzimmer. Ich hingegen? Ich bin der, den die Mädels attraktiv finden und die Jungs meiden, aus Respekt oder Neid, was weiß ich. Nicht, dass ich es darauf anlege. Außer es geht um etwas Unverbindliches. Dann nutze ich es, um meine Gedanken zu betäuben.
„Wie alt sind Sie, Mr. Remington?" Die Frage reißt mich aus meinem inneren Kreislauf. Seltsame Frage. Er wartet, ob ich noch etwas zu meiner Aussage hinzufügen will, aber ich lehne mich nur tiefer in die Lederlehne zurück.
Doch bevor ich etwas sagen kann, fliegt plötzlich die Tür auf. Daxton stürmt herein, atemlos und panisch. „Mr. Ryland! Ich habe Sie überall gesucht! Sie müssen mitkommen, es geht um Asteria, sie..." Der Satz bleibt in der Luft hängen, unfertig und schwer.
Der Lehrer erhebt sich augenblicklich und lässt den Stift fallen. Sein Blick wird scharf, wach. „Was ist passiert?" Seine Stimme klingt jetzt anders, fokussiert, fast schon befehlsbereit. Er weiß offenbar sofort, dass es ernst ist.
Ich bleibe sitzen. Natürlich. Wieder Asteria. Bestimmt hat sie sich mal wieder mit jemandem angelegt oder ist völlig zugedröhnt durch die Flure getorkelt. Ich sollte mich davon nicht mehr beeinflussen lassen. Ich habe mich schon viel zu oft in diesen Strudel aus ihr verwickeln lassen. Jetzt ist Schluss. Ich greife nach meinem Skateboard. Gleich ist Mittagspause, Zeit, mir den Kopf frei zu fahren.
„Nur Sie können ihr helfen. Sie hört auf niemanden", sagt Daxton beim Verlassen des Zimmers, bleibt aber noch einen Moment im Türrahmen stehen. Ich spüre, wie Mr. Rylands Blick auf mir ruht. Streng und prüfend. „Wir sind noch nicht fertig. Sie bleiben hier."
Ich seufze. Selbst wenn sie nicht da ist, schafft sie es, mir meinen Tag zu ruinieren. Ich nicke nur und sehe den beiden nach, wie sie das Büro verlassen. Dann bin ich allein.
Ich könnte jetzt seine Unterlagen durchstöbern oder ihm einen Streich spielen – aber ich bin nicht in der Stimmung. Stattdessen ziehe ich mein Handy aus der Tasche, öffne Instagram und lasse mich von der Gedankenlosigkeit des Feeds berieseln.
Eine Nachricht ploppt auf. Ich tippe sie an.
Mia: Hey du Hübscher!
Nach dem jährlichen Spiel gibt's 'ne Afterparty bei mir. Sag Bescheid, wenn du Bock hast. Ich schick dir dann die Adresse.
Ich verdrehe die Augen. Mia ist immer noch nicht ganz darüber hinweg, dass wir auf der Halloweenparty nicht im Bett gelandet sind. Ich hatte sie sitzen lassen. Und wem hatte ich das zu verdanken?
Meine Finger krampfen sich ums Handy, während ich aus dem Fenster blicke. Wegen Asteria krieg ich nicht mal mehr meinen Spaß. Ich sollte einfach zusagen. Mia ist schön, schlank, klug genug zu wissen, dass es bei mir nur um eine Nacht geht. Mehr will ich nicht. Mehr kann ich nicht.
Ich beginne zu tippen.
Damino: Hey. Wann ist das Spiel nochmal? Ich bin dabei.
Nach dem Senden stehe ich auf und trete ans Fenster. Unten auf dem Campus entdecke ich eine Gruppe Schüler, die sich um etwas versammelt hat. Ich kann kaum etwas erkennen, aber dann sehe ich, wie Mr. Ryland sich einen Weg durch die Menge bahnt. Ich unterdrücke ein Grinsen. Ich habe ihn selten so aufgebracht gesehen.
Mein Handy vibriert wieder.
Mia: Diesen Freitag. Adresse kommt gleich. Ich freu mich auf dich!
Ich sollte mich auch freuen. Sollte. Doch stattdessen schaue ich weiter hinaus und frage mich, was da draußen passiert. Und warum ich es nicht schaffe, diesen einen Namen endlich aus meinem Kopf zu streichen.
Ich nicke und stecke das Handy wieder ein, um wieder raus sehen zu können. Plötzlich durchgeht mich der Gedanke, dass Asteria auf dem Boden liegen könnte und Jack sich über sie beugen könnte. Ich nähere mich dem Fenster so nahe, dass ich mit der Stirn gegen das Glas anstoße. Sie würde doch nicht so dumm sein und sich ein weiteres Mal auf ihn einlassen.
Ich beobachte wie der Haufen sich teilt, als Mr. Ryland mit den Armen umher gestikuliert. Dann mache ich einen breiten Jungen aus. Aus seiner Nase rinnt Blut und sein Auge hat er zusammengekniffen. So als ob er damit versucht den Schmerz zu lindern, dass ihm wahrscheinlich zugefügt wurde. Ich erkenne nun ein weitere mit Kapuzenpulli versteckte Gestalt, die direkt über ihn lehnt. Daxton zerrt am Pulli dieser Person und versucht sie von dem Jungen runterzubekommen.
Dann sieht dieser Junge in meine Richtung und ich erkenne ihn. Er hatte bloß so ein verdroschenes Gesicht, dass ich ihn zu Anfang nicht erkannt hatte. Eine Gänsehaut durchgeht mich. Jack. Der Junge, der Asteria zu Boden gedrückt hatte, liegt komplett wehrlos auf dem Boden. Die Person hält mit beiden Händen seinen Hals zu und bewegt sich nicht fort. Erst als Mr. Ryland nach den Händen der Person greift, lässt diese los. Als Nächstes erhebt sich die Gestalt und bahnt sich eilig mit gesenkten Kopf, aus der Meute heraus.
Ich verfolge das Geschehen im Stillen, bis es bei mir Klick macht. Das muss Asteria gewesen sein. Es kann nur sie gewesen sein. Ich sehe nochmal aus dem Fenster. Mr. Ryland übergibt den Jungen an eine dazugekommene Krankenschwester und sieht in Richtung Eingang. Doch das Mädchen mit den schwarzen Haaren ist weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Die Schüler teilen sich wieder auf und stampfen sich den Weg zurück zum Eingang. Daxton hilft der Krankenschwester und dann sehe ich weg.
Ich weiß ganz genau wohin sie gegangen ist. Ich greife nach meinem Skateboard und verlasse das Büro unauffällig. Mr. Ryland werde ich erzählen, dass ich das Gespräch auf ein anderes Mal verschieben werde. Auch wenn das seine Folgen haben wird. Die brennende Neugier, lässt mich nicht mehr klar denken. Ich muss sie finden. Bevor es jemand anderes tun konnte.
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𝑩𝒆𝒕𝒘𝒆𝒆𝒏 𝒚𝒐𝒖 𝒂𝒏𝒅 𝒎𝒆
Romance„𝑺𝒂𝒈 𝒎𝒊𝒓, 𝒘𝒊𝒆 𝒅𝒖 𝒅𝒊𝒄𝒉 𝒇ü𝒉𝒍𝒔𝒕", höre ich seine Stimme, leise und eindringlich. Ich suche nach einer Antwort, doch mir fehlen die Worte. Sein weiterer Stoß wird tiefer und ich stöhne ein weiteres Mal widerwillig. „Wenn du mir nicht...
