Asteria
Die letzten zwei Tage sind an mir vorbeigezogen wie zäher Leim, der sich nicht abschütteln lässt.
Seit dem Anruf meines Onkels kreisen meine Gedanken ständig um andere Dinge und ich schlafe öfter, als mir lieb ist. Und das, obwohl ich eigentlich ein Frühaufsteher bin und selten viel Schlaf brauche. Selbst die Zeit mit meinen Freunden fällt mir schwer. Sie wissen schließlich nichts von dem Vorfall neulich. Nur Damino hat mich so erlebt. Und Mr. Ryland, der mich danach gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte genickt und behauptet, es sei nur Schulstress. Er empfahl mir, öfter Pausen einzulegen und schlug vor, in die Bibliothek zu gehen, um etwas mehr Ruhe zu finden. Zum Glück schöpfte er keinen Verdacht, warum ich wirklich auf Daminos Rücken gelandet war. Glück im Unglück könnte man sagen.
Wahrscheinlich auch aus Respekt vor meinem Privatleben. Eine Erleichterung.
Jean hatte mir eine Nachricht geschrieben und gefragt, ob ich es mir nicht doch anders überlegt hätte. Ich habe ihm bislang nicht geantwortet. Denn ich wüsste nicht, was ich ihm sagen sollte.
Eine dunkle Haarsträhne fällt mir ins Gesicht, und ich streiche sie zurück in meinen Pony. Die Tür öffnet sich, und ich hebe den Blick von meinen Mathebüchern. Mein Bett sieht verwüstet aus und überall liegen beschriebene Hefteinträge.
„Na du, machst du dich schon fertig?", fragt Lilac fröhlich, während sie die Tür schließt. Ihr Lächeln könnte von Montag bis Sonntag halten.
„Ich lerne für den anstehenden Test", entgegne ich, bemüht, nett zu klingen.
Sie hält einen beigen, funkelnden Einteiler in den Händen, eng geschnitten. Dann geht sie zu ihrer Bettseite.
„Es ist doch eigentlich noch viel zu früh, findest du nicht?" Immerhin gab es gerade erst Mittagessen.
Ich beobachte, wie sie nach einem Schminktäschchen greift.
„Ich will noch vorglühen, und zwei Stunden vergehen beim Schminken wie im Flug, glaub mir."
Sie setzt sich vor ihren Schreibtisch und wühlt in der oberen Schublade nach einem Spiegelgestell. Ich streiche mir durchs Haar. Für mich ist es trotzdem zu früh, sich jetzt schon zurechtzumachen.
„Du gehst doch hin, oder?", fragt sie prüfend. Meine Schultern sinken spürbar. Ich habe absolut keine Lust auf diese Back to Boarding School-Party, selbst wenn ich mich anfangs darauf gefreut hatte. Ohne Begleitung wird es anstrengend – wahrscheinlich endet es in Kopfschmerzen. Es ist vielleicht kindisch, aus so einem Grund nicht hinzugehen, aber immerhin bleibt mir dann mehr Zeit zum Lernen.
„Ich hab heute nicht wirklich den Drang, feiern zu gehen", erkläre ich, woraufhin sie sich überrascht zu mir dreht. Ihr Blush ist meiner Meinung nach zu viel, aber ich sage nichts. So fies bin ich nicht.
„Warum denn nicht? Geht's dir nicht gut?", fragt sie besorgt, mit einer kleinen Falte auf der Stirn.
Ich winke ab und blättere auf die nächste Seite.
„Nein, ich will bloß diesen Test nicht verhauen", lüge ich. Obwohl ein Fünkchen Wahrheit darin steckt.
Den aktuellen Stoff kann ich in- und auswendig, und ich bin zuversichtlich, eine gute Note zu schreiben. Ich will heute einfach nur in meinem Zimmer bleiben, vielleicht ein paar YouTube-Videos schauen oder etwas lesen. Vor Kurzem habe ich mir ein Buch über das Universum ausgeliehen und finde es überraschend spannend.
Ungläubig schaut sie mich an, dann wendet sie sich wieder dem Spiegel zu und trägt großzügig Mascara auf. Ich beobachte sie.
„Du bist eine Einserschülerin, meinst du nicht, du könntest dir heute mal eine Pause gönnen?"
Unwillkürlich sehe ich sie durch den Spiegel an. Dann trägt sie violett schimmernden Lipgloss auf. Ich seufze, stehe auf und gehe zu ihr.
„Geh nur und hab Spaß. Ich bleib hier", sage ich, während ich mich mit einem Arm auf ihre Stuhllehne stütze.
„Wenn du es dir doch noch anders überlegst, du weißt, wo du uns findest." Sie lächelt, ich nicke und öffne eines der breiten Fenster, das den Blick auf einen Teil des Waldgeländes freigibt.
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𝑩𝒆𝒕𝒘𝒆𝒆𝒏 𝒚𝒐𝒖 𝒂𝒏𝒅 𝒎𝒆
Dragoste„𝑺𝒂𝒈 𝒎𝒊𝒓, 𝒘𝒊𝒆 𝒅𝒖 𝒅𝒊𝒄𝒉 𝒇ü𝒉𝒍𝒔𝒕", höre ich seine Stimme, leise und eindringlich. Ich suche nach einer Antwort, doch mir fehlen die Worte. Sein weiterer Stoß wird tiefer und ich stöhne ein weiteres Mal widerwillig. „Wenn du mir nicht...
