Daxton
Mit schnellen, fast gehetzten Schritten bahne ich mir den Weg durch den überfüllten Flur. Stimmengewirr hallt zwischen den Wänden wider, Gesprächsfetzen vermischen sich mit dem Klacken von Schuhen auf dem Linoleumboden. Ich versuche, mich ganz auf das Gehen zu konzentrieren, bloß nicht stolpern.
Noch immer hängt das Gespräch mit Asteria wie ein Schatten über mir. Oder vielmehr das Gespräch, das keines wurde. Sie wollte offensichtlich nicht darüber reden, und obwohl ich weiß, dass sie sich bei bestimmten Themen lieber zurückhält, hat es mich getroffen. Es war, als hätte sie sich in jemanden verwandelt, den ich kaum wiedererkenne. Jemand, der wütend ist, auf etwas oder jemanden. Und die Frage, die mich jetzt nicht mehr loslässt, ist: Was war es, das sie so aus der Fassung gebracht hat, dass sie selbst mir gegenüber schweigt?
Es muss wichtig gewesen sein, anders kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären. Erst recht nicht, als der Neue zu uns gestoßen ist. Normalerweise begegnet sie Neuankömmlingen mit höflicher Distanz, nicht mit solcher Ablehnung. Vielleicht liegt es an seiner Art, zu glatt, zu selbstsicher. Ich nehme es ihr nicht übel, aber wundern tut es mich schon.
Endlich erreiche ich die Tür. Aus der Vordertasche meines Eastpak-Rucksacks ziehe ich den Schlüssel, sperre hastig auf und trete ein. Mein Blick bleibt auf den Boden gerichtet, während ich die Tür hinter mir schließe. Gerade will ich meinen Rucksack an einen der Haken hängen, als ich bemerke, dass dort bereits eine Sporttasche hängt. Schief, als wäre sie eben erst abgestellt worden.
Ein neuer Zimmergenosse? Das ist neu. Bisher hatte ich mein Reich immer für mich allein.
Ich stelle meinen Rucksack ab und lasse meinen Blick durchs Zimmer schweifen. Erst jetzt bemerke ich die Gestalt auf dem zweiten Bett, mit dem Bauch auf der Matratze, den Rücken zu mir gekehrt. Wahrscheinlich schläft er. Vielleicht ist er ja in Ordnung. Vielleicht wird das gar nicht so schlimm, wie ich befürchte.
Was mich jedoch wirklich erstaunt ist, dass das Zimmer aufgeräumt ist. Ganz anders, als ich es verlassen hatte. Ich war heute früh noch wie ein Tornado durchs Zimmer gestürmt, auf der Suche nach einem bestimmten Heft. Das Chaos hatte ich großzügig ignoriert, so wie immer eigentlich. Aber scheinbar hat jemand Ordnung geschaffen. Kein schlechter erster Eindruck.
„Ein hörbares Danke wäre angebracht", höre ich ihn auf einmal murmeln. Er dreht sich zur Seite und sieht mich direkt an.
Mein Lächeln gefriert.
Ausgerechnet er.
Was für ein verdammter, schlechter Zufall. Ich hätte es mir denken können, ich war einer der letzten, die ihr Zimmer noch für sich hatten. Und jetzt ist diese Zeit vorbei.
„Scheiße", entfährt es auch ihm, seine Stirn legt sich in dieselben Falten wie meine.
Anfangs hatte ich ihn fast sympathisch gefunden, aber dann... dann war da dieser Moment, in dem sich alles gedreht hat. Plötzlich hatten alle nur noch Augen für ihn. Und dann war da noch Asteria, ihre ablehnende Haltung hat mich auf Abstand gehalten. Ich vertraue ihrem Instinkt. Auch wenn ich nicht die Gründe kenne.
Ich gehe zu meinem Bett, lasse mich darauf nieder und beginne langsam, meine Schuhe auszuziehen.
„Was soll ich sagen", murmle ich leise, während ich die Schuhe ordentlich neben das Bett stelle. Mein Blick fällt auf ihn, aber er hat sich bereits aufgerichtet und starrt nun aus dem kleinen Fenster.
Ich greife neben mich auf den Nachttisch und finde das kleine, eingebundene Heft, das ich heute Morgen verzweifelt gesucht hatte. Es liegt ruhig in meiner Hand, wie ein vertrautes Stück von mir selbst.
Die Geräusche aus dem Flur dringen gedämpft ins Zimmer. Ich spüre seinen Blick auf mir, doch ich hebe den Kopf nicht.
„Ich sag es dir einmal, nur einmal", sagt er plötzlich, ernst und ohne Vorwarnung. „Fass meine Sachen nicht an. Öffne nichts. Wenn du das einhältst, kommen wir klar. Sonst wird's unangenehm."
Ich blicke von meiner Zeichnung auf, mein Gesicht bleibt ausdruckslos. Fast muss ich lachen.
„Du drohst mir doch nicht etwa?", frage ich mit hochgezogener Braue, beinahe belustigt.
Sein Blick verengt sich. Er sieht aus, als würde er jeden Moment aufspringen. Seine Schultern sind breiter als meine, das fällt mir jetzt unangenehm deutlich auf. Ich umfasse meinen Kugelschreiber fester. Ruhig bleiben. Ich darf mich nicht provozieren lassen.
„Ich wollte es nur gesagt haben", erwidert er knapp. Dann lehnt er sich zurück, zieht ein Buch unter seinem Kissen hervor und schlägt es auf, als sei nichts gewesen.
Ich bin wütend, ja. Aber ich bleibe still. Ich überstürze nichts, so bin ich nicht. Ich denke nach, bevor ich handle. Meistens zumindest. Kommt immer auf die Person an.
Meine Hand gleitet über die Zeichnung im Heft, bleibt an der unvollendeten Lippe hängen. Das Heft ist fast wie ein Tagebuch, nur dass es aus Bildern besteht, nicht aus Worten. Kaum jemand kennt es. Nur Asteria und Lilac, weil sie mich einmal beim Zeichnen erwischt hatten. Seitdem halte ich es versteckt.
Die Stille zwischen uns ist drückend. Er liest, als gäbe es nichts Wichtigeres. Seine Haltung ist entspannt, sein Blick konzentriert. Das Piercing an seiner Nase fängt das Licht der kleinen Leuchte neben seinem Bett ein, ein winziger Glanzpunkt auf einem ruhigen Gesicht.
Ich verstehe nicht, warum er glaubt, ich würde an seine Sachen gehen. Ich bin kein Dieb. Und ehrlich gesagt, interessiert mich sein Kram überhaupt nicht. Ich kenne ihn ja noch nicht mal.
Gerade will ich etwas sagen, als es zweimal an der Tür klopft. Er reagiert nicht. Wieder klopft es. Ich stehe auf und öffne eilig. Zwei Mädchen stehen davor, beide stark parfümiert.
„Wir wollen Damino sehen", sagt die eine, während die andere energisch nickt.
Ich trete einen Schritt zur Seite, will gerade etwas sagen, da höre ich seine Stimme aus dem Zimmer.
„Lass niemanden rein."
Ich bleibe stehen, die Mädchen prallen beinahe gegen mich.
„Ihr habt ihn gehört", sage ich knapp. Ihre enttäuschten Blicke prallen an mir ab. Ich habe keinen Nerv für diese Szene.
„Nur ganz kurz", bittet die kleinere.
Ich atme tief durch. „Verschwindet."
Dann schließe ich die Tür. Das muss ein schlechter Scherz sein.
„Ich hoffe für dich, dass das nicht zur Regel wird. Und wenn doch, dann bist du beim nächsten Mal dran", knurre ich und hole mir meine Wasserflasche.
Er blickt auf, mustert mich.
„Bist du immer so mies drauf?" Seine Stimme klingt ruhig, fast neckisch. Ein Grinsen huscht über seine Lippen.
Ich lache tonlos und setze mich. „Das sollte ich dich fragen", erwidere ich mit ernster Stimme, obwohl mein Mund ein Grinsen trägt.
Doch es verschwindet schnell. Ich erinnere mich daran, wer da eigentlich vor mir sitzt.
Ich greife wieder zum Heft. Die Lippenlinie braucht noch einen geschwungeneren Bogen. Dann wird sie Jesslyn endlich ähnlich sehen.
Was haltet ihr von Daxton?
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𝑩𝒆𝒕𝒘𝒆𝒆𝒏 𝒚𝒐𝒖 𝒂𝒏𝒅 𝒎𝒆
Romance„𝑺𝒂𝒈 𝒎𝒊𝒓, 𝒘𝒊𝒆 𝒅𝒖 𝒅𝒊𝒄𝒉 𝒇ü𝒉𝒍𝒔𝒕", höre ich seine Stimme, leise und eindringlich. Ich suche nach einer Antwort, doch mir fehlen die Worte. Sein weiterer Stoß wird tiefer und ich stöhne ein weiteres Mal widerwillig. „Wenn du mir nicht...
