Teil 47

50 3 2
                                        

Sicht Max

Ich starre auf seine Lippen.

Er sagt nichts, bewegt sich nicht – und doch liegt so viel in der Luft, dass ich kaum noch atmen kann. Mein Blick wandert wieder hoch in seine Augen, aber seine? Seine hängen noch immer an meinem Mund. Fast ehrfürchtig. Fast hungrig.

Mein Herz rast. Alles in mir zieht sich zusammen, zittert. Ich kann seinen Atem auf meiner Haut spüren – warm, weich, flach. Unsere Gesichter sind nur Zentimeter voneinander entfernt. Unsere Nasenspitzen streifen sich fast. Und dann...

Dann bewegen wir uns.

Nur ein Hauch.

Nur eine Ahnung von Bewegung – und doch... es fühlt sich an wie ein Schritt über einen Abgrund.

Noch ein kleines bisschen, und ich würde ihn küssen.

Noch ein kleines bisschen...

RING! RING! RING!

Ich zucke zurück, als hätte mich etwas gestochen, springe hektisch auf, stolpere fast über meine eigenen Füße. Mein Handy vibriert in meiner Hosentasche und klingelt laut in die Stille, die eben noch so heilig war. Ich reiße es raus, sehe auf das Display – und mir entgleist das Gesicht.

„Dad."

Natürlich. Goofy.

Ich will ihn in diesem Moment... verfluchen.

Was zum Teufel will der denn jetzt?! Gerade jetzt?! Weiß er nicht – also klar weiß er es nicht – aber trotzdem! Hätten wir uns... hätten wir uns wirklich fast geküsst?

Ich gehe einen Schritt zur Seite, hebe ab und versuche, meine Stimme ruhig zu halten.

„Hey, Dad... was ist los?"

Am anderen Ende höre ich sofort ein lautes, gequältes Seufzen. Dann ein Schluchzen. Und dann...

„Maaa-ha-haaaaaxieeeeeee...!"

Ich schließe die Augen. Oh Gott. Das wird heftig.

„Was ist los, Dad?"

„Ich... ich bin rausgeschmissen worden!!" Seine Stimme überschlägt sich, ein Schluchzer folgt dem nächsten. „Gefeuert! Aus der Entenhausen-Zentrale! Einfach so! Plopp! Wie ein alter, matschiger Pfirsich!"

Ich ziehe das Handy leicht vom Ohr weg, als er lauter wird.

„Sie haben gesagt, ich sei zu fröhlich für den Empfang! ZU FRÖHLICH, Max! Ich meine, wer will denn bitte keinen fröhlichen Empfang?! Ich hab denen immer ein Liedchen gesungen, wenn sie reinkamen – Hoppla-di-hop, willkommen im Büroparadies! – und was bekomme ich?! Einen Rauswurf!"

Ich presse mir die Hand auf die Stirn, drehe mich halb weg von Bradley, der mich mit großen Augen anschaut, noch immer halb entblößt, noch immer völlig still.

Ich versuche, ruhig zu bleiben. Ernst. Tröstend.

„Dad... hey, hey. Ruhig. Atmen, okay?"

„Ich kann nicht atmen, Max! Ich hab mir sogar in der Kantine vor lauter Kummer drei Puddingbecher reingedrückt – mit einer Gabel! Einer Gabel, Maxie!"

Ich versuche nicht zu lachen. Echt. Ich versuche es wirklich.

„Das klingt... äh, ziemlich wild, Dad. Aber vielleicht war das auch gar nicht der richtige Job für dich, weißt du? Ich mein, du hast so viel Energie und... Gesang... vielleicht ist das Büro einfach... zu eng für deinen Spirit."

Am anderen Ende höre ich ein Schniefen.

„Meinst du das... wirklich, Maxie?"

Ich nicke, obwohl er's nicht sehen kann.

Maxley Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt