Teil 66

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Max' Sicht

Ich wache spät auf – viel zu spät. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als ich gähnend auf mein Handy schaue. 12:07 Uhr.
Bobby liegt quer über seiner Decke, halb im Schlafsack, halb draußen, und TJ hat sich irgendwie in eine Decke eingewickelt wie ein Burrito.

„Guten Morgen, Schlafmützen", murmle ich und werfe Bobby ein Kissen an den Kopf.
Er grunzt nur.
TJ kichert verschlafen.

Es dauert, bis wir alle halbwegs wach sind. Dann machen wir uns einen richtig gemütlichen Herbsttag. Bobby kocht Kakao, TJ findet irgendeinen alten Halloweenfilm – einer mit schiefen Kürbissen und einer sprechenden Katze – und wir sitzen da, in Jogginghosen, während draußen die Blätter tanzen.

Der Tag zieht schnell vorbei. Viel zu schnell.
Irgendwann fällt mir auf, dass es schon fast 20 Uhr ist.

„Okay, Zeit zum Fertigmachen!", ruft TJ, springt auf und zieht sofort sein Geisterlaken über den Kopf.
Bobby tut es ihm gleich und ich muss lachen, wie die beiden durch das Zimmer stolpern. Ich greife nach meinem eigenen Kostüm – naja, eigentlich nach Bradleys, denn er hatte es gestern an, um zu üben.

Ich schaue auf mein Handy. Keine Nachricht. Kein Anruf.
Bradley hat sich den ganzen Tag nicht gemeldet.

„Er kommt bestimmt gleich", sage ich mehr zu mir selbst als zu den anderen.
Doch um 21 Uhr ist er immer noch nicht da.

Ich aktualisiere den Chat. Gesehen: nicht einmal.
Ich schreibe nochmal. Hey, alles okay? Wir wollten uns doch um neun treffen.
Dann rufe ich an.
Kein Klingeln. Kein „Hallo". Nur Stille.

Nach zehn Minuten klappe ich das Handy zu und atme tief durch.
Nach zwanzig Minuten ist selbst Bobby unruhig.

„Also ganz ehrlich, Max, wir sollten einfach ohne ihn gehen", sagt er und zieht seine Sonnenbrille auf. „Er weiß, wo wir sind. Der kann nachkommen."

Ich schüttle den Kopf. „Ja, aber... was, wenn irgendwas passiert ist? Vielleicht ist sein Handy kaputt oder—"

„Ach was", unterbricht Bobby und winkt ab. „Dem ist bestimmt nichts passiert. Der Typ hält sich einfach nie an Zeitpläne, wetten?"

Ich beiße mir auf die Lippe. Irgendwas fühlt sich trotzdem komisch an.

„Wir sollten jetzt wirklich los, sonst kommen wir zu spät zur Party", sagt TJ, schon halb an der Tür.

Ich zögere. Schaue nochmal auf mein Handy. Keine Nachricht. Keine Reaktion.

„Na gut", murmele ich schließlich. „Dann gehen wir eben schon mal."

Wir schnappen unsere Skateboards, ziehen die Laken über und treten hinaus in die kühle Abendluft.
Halloween. Eigentlich mein Lieblingsabend. Aber diesmal fühlt sich etwas nicht richtig an.

Ich spüre, wie mein Herz bei jedem Rollgeräusch auf dem Asphalt ein bisschen schwerer wird.
Und irgendwo in der Stadt... ist Bradley.
Und liest meine Nachrichten nicht.
——————
Die Straßen sind voll.
Überall Lichter, Kürbisse, Musik aus offenen Fenstern. Kinder mit Tüten, Jugendliche mit Skateboards, Gruppen in Kostümen, die lachend von Haus zu Haus ziehen.
Eigentlich ist es perfekt – wie jedes Jahr.

Nur... diesmal nicht.

Ich rolle neben Bobby und TJ her, das Laken raschelt bei jedem Windstoß, die Sonnenbrille sitzt schief auf meiner Nase. Wir lachen zwischendurch über ein paar Kostüme, über die schräge Deko an den Häusern, aber jedes Mal, wenn Bobby sich umdreht und grinst, spüre ich, wie meine Gedanken wieder abdriften.

Zu ihm.

Zu Bradley.

Warum hat er nicht geschrieben?
Warum ist er nicht gekommen?
Gestern war alles noch so leicht, so echt. Er hatte dieses Lachen – dieses echte, warme Lachen – als er mit meinem Laken auf dem Skateboard stand. Und jetzt... nichts. Kein Wort. Kein Zeichen.

„Max, wach auf!", ruft Bobby und hält mir seine Süßigkeitentüte hin.
„Was?"
„Du bist dran, Mann! Das letzte Haus vor der Party!"

Ich nicke, zwinge mich zu einem Lächeln und rolle die Einfahrt hoch.
Die Tür öffnet sich, jemand ruft „Süßes oder Saures!", wir lachen alle, sagen Danke, rollen wieder zurück auf die Straße.

Aber das Lächeln bleibt mir im Hals stecken.

Wir sind gleich an der Party. Ich sollte aufgeregt sein, froh.
Doch in meinem Kopf kreist nur ein Gedanke: Warum hat er mich einfach vergessen?

Bobby fährt voraus, ruft laut: „Let's gooo!", und TJ jubelt.
Ich bleibe einen Moment hinten, atme tief ein, sehe die hell erleuchtete Villa vor uns – Musik, Stimmen, Lichterketten, Nebelmaschine.

Und dann... sehe ich ihn.

Mit einem Mal bleibt mir der Atem weg.
Es ist, als hätte mir jemand mit voller Wucht in den Bauch geschlagen.

Da steht Bradley.
Mit Tank und seiner alten Skateboardgruppe.
Ein Drink in der Hand.
Das Lachen in seinem Gesicht – dieses Lachen, das sonst nur mir gehörte – klingt jetzt anders. Fremd. Laut.

Er trägt kein Kostüm. Kein Laken. Keine Sonnenbrille. Nur dieses selbstsichere Grinsen, das mir plötzlich wehtut.

Ich spüre, wie mein Herz einen Schlag aussetzt.
Alles in mir zieht sich zusammen.

Bobby ruft meinen Namen, irgendwo hinter mir.
Doch ich kann nur dastehen.
Und ihn ansehen.

Bradley.
Der Typ, der mich gestern geküsst hat.
Und heute so tut, als wäre nichts gewesen.

—————
Mal sehen wie's weiter geht... 💗
Feiert ihr Halloween wenn ja verkleidet ihr euch? Und als was ?
Brauche ein paar Ideen 😂.

Maxley Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt