16. Kapitel

135 5 0
                                        

Toby zuckte zurück. Rasch hob er den Kopf um zu sehen, ob der Fremde es bemerkt hatte. Ihre Blicke trafen sich. Schnell schaute Toby weg. Er fühlte sich beobachtet.
" Tut mir leid wenn ich dir wehtue. Sag wenn es zu fest ist", meinte der junge Mann während er Tobys gebrochen Arm in eine Schlinge packte.
Toby nickte misstrauisch.
Er vertraute dem Typ nicht, dessen Hände geschickt und doch sanft jeden Arbeitsvorgang erledigten. Er fühlte sich eingesperrt, hier in dem kleinen Zimmer, dem Fremden hilflos ausgeliefert. Angespannt sass er auf der Kante des Bettes.
" In welcher Beziehung stehst du zu Danny?", fragte der Fremde, er hatte sich als Alan vorgestellt, unerwartet.
" Beziehung?", Toby ging sogleich in Abwehrhaltung.
" Seid ihr miteinander verwandt, oder einfach nur Freunde?", seine Stimme war sanft, beinahe beschwichtigend.
" Freunde.", gab er knapp zur Antwort und hoffte, auf keine weiteren Fragen.
" Kennt ihr euch schon lange?"
"Ziemlich."
Verstand der Typ nicht, dass er kein Gespräch führen wollte.
" Aber du hast eine Familie, oder?"
Die Frage verwirrte Toby;" Natürlich", entfuhr es ihm.
"Es ist nur, dass es so scheint als ob Danny keine besäße. Er kommt mir ein bisschen verloren vor", hilflos schob Alan sich die Brille hoch. Eine Haarsträhne hatte sich aus seiner Frisur befreit, hing ihm die ganze Zeit ins Gesicht. Er machte sich nicht mal die Mühe sie wegzustreichen. Auch sonst war sein Styling ganz schön chaotisch. Er trug Pantoffeln, ein gelbes Hemd und dazu einen braunen Nadelstreifenanzug. Aus irgend einem Grund, empfand Toby dies als besonders störend.
Toby antwortete nicht und eine Pause entstand.
Als sein Arm schließlich fertig verarztet war, stand Alan auf. Er war ziemlich groß und Toby fühlte sich im Sitzen noch angreifbarer, also beeilte er sich ebenfalls aufzustehen. Sogleich durchzuckte ihn ein stechender Schmerz in der Bauchgegend. Toby stöhnte.
Alan streckte besorgt die Hände aus, ließ sie aber sogleich wieder sinken, als Toby zurückwich:" Du musst aufpassen. Du hast da einen fiesen Bluterguss, auf der rechten Seite. Den wirst du wohl noch ein paar Tage spüren. Am besten reibst du ihn mit einer kühlenden Creme ein. Ich kann dir...".
" Danke, es geht schon." unterbrach Toby ihn. Er war so schutzlos. Er wollte nur noch allein sein.
Alan blickte zu Boden, dann fragte er mit Nachdruck:" Wer hat dich geschlagen?"
Toby erstarrte. Er kniff argwöhnisch die Augen zusammen:" Niemand"
"So einen Bluterguss bekommt man nicht durch diese Art von Unfall. Dazu ist mehr nötig", konterte der junge Mann sanft aber bestimmt.
"In meinem Alter prügelt man sich halt ab und zu", er merkte selber wie schwach diese Ausrede klang.
"Und du bist wie alt?"
"Fünfzehn."
Toby holte tief Luft. Die ganze Fragerei war anstrengend für ihn. Sein Kopf schwirrte. Es entsprach der Wahrheit, der Junge mit dem grünen Apfel und seine Bande hatten ihn ganz schön verprügelt nachdem er Danny zur Flucht verholfen hatte. Es war verstörend für ihn gewesen. Niemals hätte er der einer Person so etwas zugetraut. Immer weiter, war er abgedriftet, bis seine unmenschliche Gestalt ihn erlöst hatte. Erschöpft war er ihnen davon geflogen. Wie er Danny dann gefunden hatte, blieb ihm ein Rätsel.
" Ich hab mich nie geprügelt. Das war nix für mich", gedankenverloren schob er sich erneut die Brille zurecht;" Schlaf jetzt noch ein bisschen. Ich kann dir das Essen gern für später aufheben. Ich hoffe du fühlst dich einigermaßen wohl."
Toby war erleichtert als er ging.
Im Türrahmen drehte Alan sich allerdings nochmal um:" Weißt du, ich möchte Danny gerne helfen. Dir auch, wenn du das möchtest. Ich bin mir bewusst wie es ist, verloren zu sein", das erste mal sah Toby nicht gleich weg als Alan ihn nun vielsagend ansah.
Erst als sich die Tür hinter ihm schloss, entspannte sich Toby. Er erschauderte bei dem Gedanken, hier fest zu sitzen. Danny schien diesem Alan zu vertrauen, doch Danny war ja auch komplett unvorsichtig. Toby fand, dass der Fremde zu viel wusste. Wahrscheinlich mehr als er sich vorstellen konnte.
Ermüdet legte sich Toby aufs Bett und kramte das Bild hervor, welches er seit ihrem Aufbruch immer bei sich trug.
Es war ein Foto, welches zwei Erwachsene Männer zeigte. Sie hatten freundschaftlich die Arme umeinander gelegt und strahlten verschmitzt in die Kamera. Der größere der beiden, war sein Vater. Er hatte etwas helleres Haar als Toby und eine größere Nase, ansonsten waren sie sich ziemlich ähnlich. Sein Vater sah sehr glücklich aus, auf dem Bild. Es war aufgenommen worden, kurz bevor er starb. Es war das einzige Bild, dass Toby von ihm besaß. Seine Mutter hatte alle anderen verbrannt.
Er schniefte. Versohlen wischte er sich über die Augen. Er fühlte sich allein.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt