Toby sah zu Danny. Mit einem Nicken wies er zu Alan hin, der unschuldig am Rand des Flosses stand, die Hände in den Taschen vergraben. Danny lächelte schelmisch und nickte.
Alan besah sich gedankenverloren die Aussicht und merkte nicht wie sie sich heranpirschten.
Als er sich umdrehte war es schon zu spät. Mit einem lauten Platschen landete er im Wasser.
Danny lachte sein glockenhelles Lachen. Seine Augen leuchteten auf.
Toby hielt ihm grinsend die Hand zum abklatschen hin.
Seit sie mit dem Floss unterwegs waren schien alles perfekt. Toby war selbst überrascht, wie sehr er die Zeit genoss.
Sie befanden sich auf einem Fluss der sie, laut Alan, gemächlich näher an ihr Ziel schipperte. Das Ufer war gesäumt mit dichtem Blätterwerk, welches einen schützenden Tunnel über dem Fluss bildete. Die vielen exotischen Pflanzen standen in voller Blüte. Farbige Vögel und Insekten labten sich an ihrem Nektar. Toby war fasziniert von der Schönheit der Natur, sie erinnerte ihn an seine Mutter. Sie wäre begeistert gewesen.
Hierher würde sie niemand verfolgen meinte Alan, denn dies wäre nicht mehr ihr Territorium sondern jenes der Meerjungfrauen. Diese Tatsache beruhigte Toby.
Jeden Abend legten sie irgendwo an um die Nacht zu verbringen. Zum Essen gab es meist Fisch, den sie den Tag über gefangen hatten.
Toby liebte die Abende am Lagerfeuer. Alan erzählte oft spannende Geschichten oder zeigte ihnen Sternbilder. Toby fühlte sich jedes Mal geborgen wenn er einschlief, bewacht von der Unendlichkeit des Universums.
Schon länger war es beinahe unerträglich heiss. Die Sonne brannte vom Himmel und wärmte ihre Haut. Alan war noch brauner geworden als vorher und sogar Dannys Teint hellte sich langsam auf. Der Junge war nun nicht mehr ganz so bleich und dünn sondern sah gesund und wohlgenährt aus.
Toby und Danny hatten inzwischen schwimmen gelernt. Toby hatte sich die ersten Tage zwar nicht mal in die Nähe des Wassers gewagt, doch irgendwann liess er sich überreden es auszuprobieren. Alan hatte dafür extra einen Schwimmreif, an einer Schnur am Floss befestigt. Inzwischen sprangen die Jungen sogar von dem kleinen Häuschen ins Wasser.
Toby wünschte sich oft die Zeit würde stehen bleiben. Er bemerkte zufrieden, dass sein Körper begann Muskeln aufzubauen umso mehr er sich bewegte. Die leichte Bräune machte ihn zusätzlich älter.
Doch wenn er daran dachte, wohin sie unterwegs waren, drehte sich ihm der Magen um. Er hatte immer noch ein ungutes Gefühl dabei auf die andere Seite zu gehen. An seinem Entschluss nicht mitzugehen, hatte sich nichts geändert. Und er würde alles in seiner Macht stehende tun um auch Danny davon abzuhalten.
In einer Vollmondnacht , sah er den Jungen einsam auf der Hütte des Flosses sitzen. Das gleissende Licht liess seine Haare weiss erstrahlen und seine ohnehin blasse Haut schien dünner als Papier.
Toby atmete tief durch. Er versicherte sich dass Alan am Strand mit anfeuern beschäftigt war. Dann begab er sich entschlossen zu Danny hin.
Der Junge hob den Kopf und lächelte als Toby sich setzte.
"Danny wir müssen reden!", begann er sogleich;" Ich weiss du möchtest mit Alan auf die andere Seite gehen. Aber ich kann das nicht zulassen. Du bist dir überhaupt nicht bewusst, was das bedeuten würde. Da drüben wartet nichts als der Tod auf euch. Ihr..."
"Vorsicht!", unterbrach ihn Danny abrupt. Toby folgte seinem entsetzten Blick zu seiner eigenen Hand, mit der er gerade eine Mücke verscheucht hatte.
Danny indes kraxelte rasch über seinen Schoss und las vorsichtig etwas vom Boden auf.
Anschliessend lehnte er sich zurück und zeigte Toby stolz die winzig kleine Mücke in seiner Handfläche:" Du hättest sie fast zerquetscht".
Toby machte sich nicht die Mühe Danny zu erklären, dass dies seine ursprüngliche Absicht gewesen war:"Die Mücke?"
"Nein, das ist keine Mücke. Das ist ein Limmers. Du weisst schon, die Feen mit den kleinen Laternen die nachts für Licht sorgen."
Toby hatte keine Ahnung von was Danny da sprach:" Ich sehe kein Licht geschweige denn eine Laterne.", meinte er mit einem weiteren Blick auf die Mücke.
"Natürlich nicht, sie ist ja auch leer. Immer bei Vollmond holen die Limmers neues Licht, an einem geheimen Ort. Das hält dann wieder bis zum nächsten Vollmond", behutsam gab Danny seinem Limmers einen kleinen Stoss und entliess es wieder in die Freiheit.
Toby sah den Jungen von der Seite her an. Dieser beobachtete aufmerksam all die herumschwirrenden Insekten. Toby seufzte innerlich.
"Hast du mir vorher überhaupt zugehört, Danny?"
"Natürlich. Aber du brauchst mir das alles nicht erst zu sagen, ich weiss das meiste schon", er streckte seine dünnen Beine, die in abgeschnittenen Jeans steckten und wackelte mit den Zehen.
"Was weisst du schon?"
"Das es gefährlich wird, besonders für mich. Und das du dagegen bist."
"Aber du willst trotzdem gehen?",Toby verschränkte die Arme vor der Brust.
Danny seufzte. Sein Blick schweifte nach oben. Zwischen den Blättern konnte man vereinzelt die funkelnden Sterne durchblitzen sehen:" Hattest du noch nie das Gefühl etwas tun zu müssen, auch wenn du nicht sicher sein konntest, dass es das Richtige ist?"
"Nein, nicht wirklich. Ich behalte lieber die Kontrolle über mein Leben", meinte Toby bitter.
Daraufhin sah Danny in an. Toby musste sich geradezu zwingen seinem intensiven Blick standzuhalten. Zu gern wäre er den Augen ausgewichen, die tiefer zu dringen schienen als ihm lieb war.
Schliesslich wandte sich Danny ab, er schien resigniert.
"Ich sehe sowieso nicht ein warum du auf die andere Seite gehen willst. Was erhoffst du dir davon?", argumentierte Toby weiter.
Du verstehst nicht, ich habe keine Wahl",murmelte der Junge leise.
Toby starrte ihn erst ungläubig an, dann wurde er ärgerlich:"Natürlich hast du die!"
Er bekam sogleich eine Gänsehaut, als Danny sich abrupt erneut zu ihm drehte und und ihn mit seinen eisblauen Augen eindringlich ansah:" Du bist der erste Freund den ich je hatte und der beste den ich mir hätte Wünschen können. Aber das ändert nichts. Ich werde auf die andere Seite gehen, Toby. Die Entscheidung treffe ich allein. Und es ist deine alleinige Entscheidung, ob du mitkommst, oder nicht. Ich werde alles akzeptieren was du tust. Ich bin jedenfalls froh, dass du bis hier dabei geblieben bist", er lächelte traurig.
Toby blinzelte. Langsam drang die Tatsache zu ihm durch, dass Danny sich gerade von ihm verabschiedet hatte. Die Fragen die Toby schon lange quälten, waren sekundenschnell beseitigt worden. Danny hatte sie ihm abgenommen indem er die Entscheidung für ihn traf. Eigentlich hätte er froh sein müssen, doch dies war nicht nicht der Fall. Ein bedrückendes Gefühl legte sich auf seine Brust, während Danny ihn noch einmal kurz anlächelte und dann aufstand. Toby blieb allein zurück.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
