Aaron band sich eilig seine Fliege. Dadurch, dass seine Mutter auf angemessene Kleidung beim Essen wert legte, wusste er schon wie ein Krawattenknoten ging, noch vor er lesen und schreiben lernte.
Er war spät dran. Seine Mutter hasste Unpünktlichkeit, sie würde ihn also nicht mit offenen Armen empfangen.
Er kontrollierte kurz sein Aussehen im Spiegel - seine widerspenstigen Haare waren noch nass vom duschen, seine dunkle Haut glänzte - bevor er selbstsicher in den Esssaal trat.
Seine Schuhe klackten auf dem gefliesten Boden. Im dem großen Saal, war der monströse Tisch an dem seine Eltern saßen, das einzige Möbelstück.
"Du bist spät dran", hallte die kalte Stimme seiner Mutter, von den Wänden wieder.
Statt zu antworten, ging er zu ihr hin, nahm artig ihre Hand, beugte sich runter und hauchte einen Kuss darauf:" Verzeiht, Mutter."
Sie nickte nur anmaßend.
Dann ging er um den Tisch herum, am Kopfende wo sein Vater saß vorbei, zu seinem Platz. Als er die Serviette auf seinem Schoß ausgebreitet hatte, wurde auch schon das Essen aufgetragen.
Die Speisen wurden auf Silbernen Tabletts serviert.
Nachdem sich sein Vater, von einem der Diener, die Serviette in den Hemdkragen hatte stecken lassen, meinte er vergnügt:" Tja, unser Sohn ist halt ein allzeit Beschäftigter Bursche", er zwinkerte ihm zu, als hätten sie beide ein Geheimnis von dem ihre Mutter nichts wusste.
Aaron lächelte säuerlich. Das kindische Getue seines Vaters ging ihm regelmäßig auf die Nerven. Nur weil er sich als Oberster Befehlshaber von Larea für den größten hielt.
Seine Mutter faltete mit spitzen Fingern ihre Serviette auseinander. Sein Vater bemerkte den geringschätzigen Blick nicht den sie ihm zuwarf, er hatte bereits begonnen das Essen in sich reinzustopfen.
"Köstlich, wie immer", mampfte er mit vollem Mund und stürzte gleich ein ganzes Glas Wein hinunter;" Ah, so ein Arbeitstag macht hungrig. Der ganze Regierungskram, so was kann nicht jeder, dafür braucht es schon den richtigen.", er lachte albern auf. Mit einer Handbewegung befahl er den Dienern, Wein nachzuschenken.
Aaron widersprach nicht. Doch aus den Augenwinkeln konnte er mit Genugtuung erkennen, wie die Wampe seines Vaters gegen die Tischkante drückte und die Knöpfe seines Fracks auseinander gingen.
Während sein Vater keinerlei Anstand besaß, waren Aaron bessere Manieren beigebracht worden. Er wusste, sich nicht wie ein Bauerntrampel zu benehmen. Manchmal fragte er sich wie es möglich war, dass er von so jemandem wie seinem Vater abstammte. Wie oft er sich gewünscht hatte, es wäre nicht so.
Als er fertig war legte er das Besteck nebeneinander auf den Teller.
Seine Mutter tupfte sich gerade die Lippen:" Ich werde den Nachtisch für heute ausfallen lassen.", meinte sie. Ein Diener half ihr beim aufstehen.
" Bist du dir sicher, Liebes. Heute soll es doch Torte geben?"
" Ich habe noch etwas zu erledigen", sie beachtete ihren Ehemann überhaupt nicht.
Aaron stand ebenfalls auf:" Erlaube mir dich zu begleiten Mutter.", er verbrachte keine Minute länger als nötig mit seinem Vater. Was seine Mutter vorhatte interessierte ihn viel mehr.
Sie schaute ihn einen Moment aus kalten Augen an. Dann nickte sie. Selbstsicher verließ sie den Saal.
Am Tischende stand alltäglich eine Schale mit frischen Äpfeln. Ihre auffällige Grüne Farbe stach in dem ansonsten farblosen Raum hervor. Aaron nahm sich einen und folgte seiner Mutter zufrieden grinsend. Ihr Vater blieb allein mit einer gigantischen Torte zurück.
Die schwarzen Haare seiner Mutter wallten über ihren Rücken, glänzten im gedämmten Licht des Flures. Sie trug ein langes schwarzes Kleid mit Spitzenärmeln, über die Schultern ein Tuch.
In der Beziehung seiner Eltern, war auf jeden Fall seine Mutter das stärkere Glied. Ihr aufrechter Gang hatte schon so manchen Mann eingeschüchtert. Sein Vater war auch keineswegs der Boss in Larea. Hinter jeder seiner Entscheidungen, stand nämlich Aarons Mutter. Sein Vater war bloß eine Witzfigur.
" Wo warst du heute?", durchdrang ihre eiserne Simme die Stille.
"Ich war mit Freunden unterwegs", seine Stimme blieb ganz normal. Bei jemandem wie seiner Mutter, lernte man schnell überzeugend zu lügen.
"Und dann ist es einem nicht möglich rechtzeitig zum Essen zu erscheinen?", es war als würde seine Mutter den ganzen Flur einfrieren.
Doch Aaron knickte nicht ein:" Wir wurden aufgehalten", er machte absichtlich eine Pause um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erreichen. Natürlich würde er ihr nicht von seiner Bande erzählen. Seine Mutter würde niemals zulassen, dass er sich mit etwaigen Strassenkindern rumtrieb. Das entsprach nicht seinem Stand. Aber er wusste, dass das Auftauchen von zwei gewissen Personen sie interessierte;" Es gab da einen außergewöhnlichen Zwischenfall. Nämlich..."
" Du kannst mir deine Ausreden später erzählen", sie stoppte vor einer Tür, zog einen Schlüssel hervor und öffnete sie. Dahinter ging es eine Wendeltreppe nach unten. Sie hob ihr Kleid an und Schritt voraus. Aaron zog die Augenbrauen nach oben. Er war verwundert, hierhin hatte seine Mutter ihn noch nie geführt. Ungeniert ging er ihr nach.
Unten eröffnete sich ihnen ein Kellergewölbe. Der ganze Raum war vollgestellt mit merkwürdigen Geräten. Reagenzgläser in Regalen, Gläser gefüllt mit Undefinierbarem, Mikroskope, ein Stuhl mit Hand und Fussfesseln, Ketten und ein Strick der von der Decke hing.
Neugierig ging Aaron herum und besah sich alles ganz genau. Dabei spielte er die ganze Zeit locker mit dem Apfel.
Einzig und allein ein Mann befand sich in dem Raum. Sobald Aaron den kahlen Hinterkopf hatte ausmachen können, war ihm bekannt gewesen um wen es sich handelte.
Es war Hank, Berater und Rechte Hand seiner Mutter. Er hatte ihnen den Rücken zugedreht, werkelte an etwas herum. Vor ihm auf dem Tisch, waren auf rotem Samt verschiedene Werkzeuge ausgelegt. Aaron konnte eine Zange und mehrere Spritzen ausmachen.
" Miss Aurora, ich habe damit gerechnet, dass Sie mich aufsuchen. Offensichtlich haben Sie von den merkwürdigen Vorfällen gehört", begrüßte Hank seine Mutter mit vor Schleim triefender Stimme. Er drehte sich zu ihr um und deutete eine verbeugung an.
" Ja, das habe ich. Wie ich sehe, ist dir auch schon etwas zu Ohren gekommen", seine Mutter wies mit einem nicken auf die Werkzeuge.
Hank nickte.
Aaron kannte Hank schon seit er klein war. Seine Mutter hatte ihn schon früh zu geheimen Terminen mitgenommen. Hank war für ihn immer mehr Vorbild gewesen als sein Vater. Diese Auffassung war von seiner Mutter unterstützt worden.
Hank war nicht allzu groß, aber das brauchte er auch nicht zu sein. Egal wo er hinkam zollten ihm die Leute Respekt. Vielleicht aufgrund der hässlichen Narbe, die sich quer über sein rechtes Auge den Hals hinabzog, oder seiner gelblich verfärbten Zähne.
Aaron hatte seine Mutter einmal gefragt, wie Hank es sich erlauben konnte, so unschön auszusehen und dazu noch so unhöflich und grausam zu sein. Sie hatte im schlicht geantwortet, dass es zwei Gründe gäbe, weshalb die Leute das Taten was man von ihnen wollte. Entweder sie mochten einen, oder aber sie fürchteten einen.
" Das eine oder andere vielleicht", jetzt da Hank sich umgedreht hatte, konnte Aaron sehen, dass er dabei war mit einem Staubtuch, die furchteinflössenden Werkzeuge zu polieren.
„Ist er schon hier?", fragte seine Mutter und Aaron horchte auf, neugierig zu erfahren von wem seine Mutter sprach.
„Natürlich, bin ich das", die Stimme hinter ihm liess das Blut in Aarons adern gefrieren. In ihr lag eine Art Hohn, als würde sie ihr Gegenüber verspotten. Eine eiskalte Hand legte sich auf seine Schultern;" Einen prächtigen Burschen hast du da groß gezogen, mein Respekt"
Der Gesichtsausdruck seiner Mutter wurde augenblicklich weich. Sie richtete sich auf und lächelte;"Aaron das ist Gabriel. Er ist ein guter Freund, der uns schon viel geholfen hat."
„Ich helfe immer gerne, wo ich kann", die Ironie in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Aaron war froh als er die Hand von seiner Schulter nahm und nach vorne trat. Gabriel war gross und schlank. Anders als die hohen Herren, die Aaron kannte trug er keinen Anzug sondern bloss Jeans, T-Shirt und ein schwarzes Jackett, womit er unbestreitbar gut aussah. Im schummrigen Licht des Kellergewölbes schienen seine Haare die gleiche weissliche Farbe zu haben wie seine Haut.
Hank vollführte eine so tiefe Verbeugung dass Aaron meinte seinen Rücken knacken zu hören
" Hältst du es für wahr. Glaubst du wirklich dass einer von ihnen in Larea herumschleicht?", graziös Schritt seine Mutter herum und setzte sich in den Folterstuhl. Unter ihr wirkte er wie ein Thron.
" Mein Handlanger ist vorhin zu mir gekommen und erzählte mir er sei mit einem Jungen zusammengestoßen, dessen Augen blauer waren als der Himmel", erzählte Hank aufgeregt.
Seine Mutter blickte finster:" Ich dachte wir hätten alle beseitigt."
" Alle bis auf einen natürlich", meinte Gabriel. Er hatte Aaron den Rücken zugedreht.
Aaron lehnte sich an einen alten Globus. Aufmerksam horchend, begann Aaron den Apfel hochzuwerfen und wieder aufzufangen. Von hier hatte er alles gut im Blick. Langsam wurde es interessant. Er konnte ausmachen wie Hanks Hände zitterten. In seinem Blick lag eine unaufhaltsame Gier.
Der Mann namens Gabriel währenddessen schien eher gelangweilt von ihrer Unterhaltung. Er wendete sich einem Bücherregal zu, zog behutsam ein Buch heraus und las aufmerksam, was auf dem Einband stand.
Aaron war es nicht möglich den Blick von ihm zu wenden. Dieser Mann faszinierte ihn auf eine merkwürdige Art.
"Natürlich. Dann meinst du also es ist er, der hier herum streunt?", fragte seine Mutter.
"Ganz genau", Gabriel stellte das Buch zurück ins Regal.
" Dann frage ich mich nur, wie er es geschafft hat auszubrechen, geschweige denn hierher zu kommen?"
" Kann uns das nicht egal sein. Er ist hier, das bedeutet er ist genügend entwickelt um eingesetzt zu werden. Etwas besseres hätte uns doch nicht passieren können", Hanks schlitzartige Augen warfen Funken, als er dies sagte.
Seine Mutter dachte einen Moment nach bevor sie fragte:" Wie alt ist er jetzt?"
" Ich schätze er wird neun sein. Praktisch das perfekte Alter", Gabriel gähnte.
" Wer weiß alles von seiner Identität?"
" Mein trotteliger Handlanger hat die Schutzbehörde informiert. Allerdings werden sie dichthalten wenn Sie es Ihnen befehlen", Hank verbeugte sich erneut untergeben vor seiner Mutter.
" Das bedeutet also wir müssen ihn erwischen bevor es die anderen tun."
"Wenn wir nicht wollen, dass unsere ganze Arbeit umsonst war, dann ja", Hank probierte ein nun glänzendes Skalpell an sich selbst aus. Er schien mit dem Ergebnis zufrieden.
Aaron war für eine Minute abgelenkt. Gabriel hatte sich umgedreht und im Licht des brennenden Kaminfeuers konnte Aaron nun endlich sein Gesicht sehen. Da drehte Gabriel ihm unvermutet den Kopf zu und sah ihn direkt an. Sein Blick liess Aaron zusammen fahren. Die Augen des Mannes, starrten ihn an, obwohl sie keine Pupillen besaßen. Seine Augäpfel waren leer und weiß. Geschockt wandte er den Blick ab.
"Dein Sohn besitzt ein äusserst grosses Selbstvertrauen, wie mir scheint. Hoffentlich wird ihm das nicht einmal zum Verhängnis", ein kaltes Lachen erschien in Gabriels Gesicht.
Hanks Kehle drang ein laut, der wohl an ein Lachen erinnern sollte. Aaron blickte ehrfürchtig zu Gabriel auf. Der Mann hatte eine Art an sich die ihn beeindruckte.
Seine Mutter achtete nicht darauf und meinte:"Dann sind wir uns einig?", sie war bereits wieder aufgestanden.
" Das hoffe ich doch", das Grinsen verzog Hanks entstelltes Gesicht zu einer Fratze.
" Natürlich"!; Gabriel grinste immer noch.
Aarons Mutter nickte und wandte sich zum gehen.
Auf der Treppe warf Aaron noch einen Blick zurück. Hank strich gerade liebevoll über eine seiner Spritzen und flüsterte:" Wir sind wieder im Geschäft, meine Süße."
DU LIEST GERADE
Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
