Es war ein schwüler Abend, als sich ihr Blätterdach lichtete. Der Tunnel, welcher sie abgeschirmt hatte, war plötzlich zu Ende. Tobys Augen blieben noch lange an ihm hängen. Wehmütig sah er ihn langsam aus seinem Blickwinkel verschwinden.
Das Gespräch, welches er mit Danny geführt hatte, lag noch nicht lange zurück. Doch der Junge verhielt sich, als hätte es nie stattgefunden.
Toby indessen war hin und hergerissen zwischen der Hoffnung, Danny würde seine Worte zurücknehmen und ihn auf Knien anbetteln zu bleiben, sowie dem Wunsch endlich abzuhauen und nach Hause zurückzukehren.
Er hatte erwartet, dass Alan ihn darauf ansprechen würde wie er nach Hause kommen solle, weil er annahm, Danny hätte mit ihm darüber geredet. Doch als dies nicht geschah, begriff er, dass Danny ihm dies nicht auch noch abnehmen würde. Erst verstand er den Grund nicht, da Danny schliesslich die Entscheidung für ihn gefällt hatte. Doch dann wurde ihm klar, dass er jederzeit hätte widersprechen können, was er nicht getan hatte.
Der bisher breite Fluss, wurde schnell schmaler. Vor ihnen erhoben sich feste Felswände. Nachdem sie durch einen düsteren Tunnel gefahren waren, empfing sie eine kleine Bucht, eingerahmt von hochaufragenden Sanddünen. Auf ihrer linken Seite erstreckte sich ein endloser Teppich aus Wasser über dem langsam die Sonne unterging. Rauer Wind schlug ihnen entgegen. Toby sog tief die frische, salzige Luft ein.
In der Bucht gab es sogar Anlegeplätze für Schiffe. Alan steuerte ihr Floss an einen von ihnen.
"Willkommen in der Glücklichen Bucht", Alan trat schwungvoll auf den Steg und dehnte erstmal seine Beine, dann griff er nach einem Rucksack;" Von hier aus geht's zu Fuss weiter."
Toby folgte nur ungern. Die Bucht machte auf ihn einen verlassenen und verwahrlosten Eindruck. Ausser ein paar alten Booten, die schon ewig hier zu liegen schienen, war alles leer. Bloss Masten und Planken lagen überall am Strand verstreut.
Indessen fragte er sich was Alan hier wollte. Sie hatten die geschützte Zone verlassen, als sie durch den Tunnel fuhren und waren ihren Verfolgern nun hilflos ausgeliefert. Doch an diesem Ort gab es keinerlei Schutz, nicht einmal eine Hütte stand hier.
Alan jedoch führte sie zielsicher über den steinigen Strand, zu einem alten Kellerschachteingang. Eine Holztür versperrte den Zugang. Auf den zugeklappten Holzbrettern, die den Eingang abschirmten, stand in abgeblätterter, weisser Farbe: Glücks-Karussell.
Toby legte die Stirn in Falten, er misstraute der ganzen Sache.
Alan öffnete die Tür und gab den Blick frei auf eine schmale Treppe, die steil nach unten führte. Er deutete eine Verbeugung an und wies zum Eingang:" Nach euch"
Danny folgte sogleich seiner Aufforderung.
Toby seufzte und ging ihm nach. Die Decke war niedrig und er bückte sich angeekelt vor den vielen Spinnweben.
Vor ihm ging Danny unerschrocken wie immer seinen Weg. Toby fragte sich, ob Danny ein Gefühl wie Furcht überhaupt bekannt war. Seit er ihn kannte hatte der wehrlose Junge nie auch nur ein Anzeichen von Angst gezeigt. Im Gegenteil, unbekannte und gefährliche Situationen schienen ihn geradezu magisch anzuziehen. Es war fast, als wüsste er insgeheim immer schon im vornherein, was ihn erwartete.
Am Fuss der Treppe wurde es heller. Nach ein paar weiteren Treppenstufen, eröffnete sich vor ihnen ein grosser Saal, der sich wie ein gigantisches Schneckenhaus nach oben wand. Die obere Hälfte bestand vollkommen aus farbigem Glas. Die Abbildungen darauf schienen eine Geschichte zu erzählen. Toby konnte Wasser und Schiffe darauf ausmachen. Staunend drehte er sich im Kreis, bis er auf Widerstand stiess.
Etwas spitzes bohrte sich ihm in den Rücken und er verlor das Gleichgewicht. Als seine Hände nach Halt tasteten bekamen sie nichts als dünnen Stoff zu fassen. Hastig stiess er sich von dem Ungetüm fort.
Er stutze als er sich umdrehte, um dem Monster in die Augen zu blicken. Alles was er zu Gesicht bekam war ein unförmiges Gebilde, breit und rund mit einem spitzen, goldenen Stab auf dem Haupt, eingepackt in zusammengenähte Stofffetzen.
Da legte ihm Alan aufmunternd lächelnd die Hand auf die Schulter:" Hilf mir den Stoff zu entfernen, dann wirst du sehen was drunter ist."
Toby schluckte, tat jedoch wie geheissen.
Nach und nach enthüllten sie Holz von dem die bunten Farben mit denen es bemalt war, bereits abblätterten. Aufwändige Schnitzereien kamen zum Vorschein die jedoch verstaubt und verdreckt waren. Jeder Millimeter Stoff den sie entfernten, brachte sie der Wahrheit ein Stück näher.
Schlussendlich stand Toby sprachlos vor einem kleinen, in die Jahre gekommenen Karussell, das dennoch unvergleichlich schön war.
Eine täuschend echte Landschaft gruppierte sich um einen grossen, flachen, vergoldeten Stein, der von einer Säule, in der Mitte des Karussells, hochgestemmt wurde. Der Stab der darauf thronte, befand sich im festen Griff einer ebenfalls vergoldeten Hand, die aus dem Stein emporzuwachsen schien.
Überhaupt war das ganze Karussell reich an kunstvollen Verzierungen und Malereien. Überall fanden sich goldene Akzente wieder.
Das sonderbarste daran waren mit Abstand die Karusellfiguren. Toby bekam eine Gänsehaut, als er in ihre Gesichter blickte. Es war erschreckend wie lebendig sie wirkten.
Es waren im ganzen acht Figuren, mit jeweils sehr speziellem Aussehen.
"Was sind das für Wesen?", fragte Danny Alan. Seine Augen funkelten aufgeregt.
Alan erwiderte die Begeisterung des Jungen mit einem lächeln:" Wir haben hier: einen Werwolf", er zeigte auf eine riesige zottige Bestie mit schwarzem Fell, von der Toby das Gefühl hatte sie würde ihn fixieren, um sich jeden Moment mit gebleckten Zähnen auf ihn zu stürzen. Er streifte entlang eines rauen Kiesstrandes.
"Eine Fee", fuhr Alan fort und Tobys Blick folgte seinem Fingerzeig zu einer unbestreitbaren Schönheit. Ihre Flügel glitzerten im Sonnenlicht. Sie schwebte hoch oben, nur eins ihrer Beine berührte die Blüte einer der vielen Blumen, auf ihrer kleinen Blumenwiese. Fast schien es als würde sie tanzen.
"Ein Einhorn", das elfenbeinfarbene Horn auf der Stirn des engelhaften Pferdes, reflektierte das Licht. Reines weisses Fell bedeckte seinen Körper. Mit hoch erhobenem Kopf stand es in einer üppig begrünten Moorlandschaft. Seine intelligenten Augen blickten Toby sanft und geduldig an.
"Einen Drachen", das Geschöpf von dem Alan sprach, klammerte sich mit seinen scharfen Klauen, an steile Felswände. Seine schuppige Haut leuchtete rötlich. Die Mächtigen Schwingen waren ausgebreitet. Toby bildete sich ein, aus seinem Nüstern würde kleine Rauchwolken dringen.
"Eine Meerjungfrau", der Anblick des Fischmädchens, dessen Haar und Flosse in allen Regenbogenfarben schillerte, war der einzige der Toby bekannt war. Sie schwamm munter in einem von Seerosen gespickten Teich.
"Einen Zentauren", Toby sah hinüber zu einem ernst blickenden Wesen. Der Oberkörper gehörte einem Mann mit langen schwarzen Haaren, doch auf der Höhe des Bauchnabels begann dieser überzugehen in einen Pferdekörper. Die Hufe dessen, befanden sich auf einer weiten mit gelblichem Gras bewachsenen Ebene. Der Bogen in der Hand des Mannes, schien jederzeit einsatzbereit.
"Einen Greif", ein Tier, dessen Kopf einem Raubvogel zu gehören schien, der Unterleib aber eher einem Löwen zuzuordnen war, stand in einem düsteren Wald und starrte stolz und respektgebietend umher. Seine Flügel waren angewinkelt, doch Toby ahnte dass er sich blitzschnell erheben könnte, wenn er angreifen wollte.
"Und natürlich nicht zu vergessen, den Riesen der den Stein stemmt", schloss Alan und lenkte Tobys Aufmerksamkeit in die Mitte des Karussells. Er erkannte, dass keine Säule den Stein mit der Hand stützte, sondern ein massige Kreatur mit einer beachtlichen Leibesfülle. Seine gigantisch grossen und reichlich behaarten Füsse, standen auf einem Haufen Geröll.
"Sie sind alle wunderschön", flüsterte Danny andächtig.
Alan legte ihm bestätigend die Hand auf die Schulter.
"Aber sie sind alle ausgestorben, nicht wahr?", funkte Toby dazwischen.
Alan drehte sich zu ihm um:"Obwohl jeder von ihnen im grossen Krieg gelitten hat, ist keiner ausgestorben. Sonst hättest du nämlich nie die Bekanntschaft einiger reizender Meermädchen gemacht", er zwinkerte ihm zu und Toby spürte wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
"Und warum heisst es Glückskarussell?",fragte er schnell weiter.
Ein funkeln trat in Alans Augen, dass Toby vorher so noch nicht bei ihm gesehen hatte. Er grinste schelmisch:" Lass uns eine Runde drehen, dann wirst du es sehen."
Daraufhin hob er Danny schwungvoll hoch und setzte den Jungen auf den Rücken des Einhorns. Danny lachte entzückt.
Toby hingen war wenig begeistert davon, sich zu einem der sonderbaren Wesen zu gesellen. Skeptisch trottete er erst auf den Werwolf zu. Doch als er in dessen aggressive Augen blickte, überlegte er es sich anders und gesellte sich lieber zur Fee auf eine Blume. Ihr Arroganter Blick verriet ihm, dass diese darüber nicht glücklich war.
Alan indessen grub eine goldene Münze aus seiner Tasche. Toby klappte der Mund auf bei ihrem Anblick. Er wusste von seiner Mutter, dass die alten Münzen der Warmblüter eine Seltenheit und von unschätzbarem Wert waren. Sogleich begann er sich zu fragen, wie Alan in der Besitz einer solchen kam. Währenddessen ging Alan auf einen alten, rostigen Automaten zu, warf die Münze ohne zu zögern ein und betätigte dann einen knarrenden Hebel. Toby sah ihn ungläubig an. Dieser Mann hatte gerade die eine Münze, mit der er sich womöglich alles hätte kaufen können, für eine Fahrt auf diesem läppischen Karussell aufgegeben. Er konnte das einfach nicht verstehen.
Alan erklomm die Stufen die zum Drachen hinaufführten.
Gleich darauf mischte sich eine fürchterliche Musik mit dem rattern des Karussells, das sich nur mühsam in Bewegung setzte.
Nach zwei unspektakulären Runden, hatte Toby genug. Doch als er gerade dabei war die Leiter hinunterzusteigen, ging ein Ruck durch das Karussell. Tobys Füsse rutschten von den Sprossen. Nur noch seine Hände bewahrten ihn von einem Absturz. Erschrocken suchte er erneut Halt für seine Füsse und kraxelte dann rasch wieder auf die sichere Blume.
Als sein Herzschlag sich ein wenig beruhigt hatte, blickte er sich um und traute seinen Augen kaum.
Das Karussell drehte sich nach wie vor im Kreis, nur nicht mehr an der gleichen Stelle. Bei dem Ruck musste es sich vom Boden gelöst haben, denn nun schwebte es geruhsam immer weiter hinauf, der verglasten Spirale entgegen.
Bei genauerem hinsehen bemerkte Toby, dass auch die Abbildungen auf dem Glas begonnen hatten sich zu bewegen.
Hohe Wellen türmten sich auf und spritzten an Deck schaukelnder Schiffe. Männer, die lange Bärte und Hüte mit Totenkopf Emblem trugen, prosteten sich vergnügt zu während andere in einem erbitterten Kampf gegeneinander standen, mit Kanonenkugeln um sich schossen und die Säbel kreuzten.
Toby erhob sich um besser sehen zu können. Er war so vertieft in die Abbildungen, dass er beinahe von der Blume kippte, als das Karussell plötzlich zum Stillstand kam.
Weicher Blütenstaub fing seinen Sturz ab. Toby musste niesen, als Pollen aufwirbelten.
Verwirrt richtete er sich auf. Blütennektar klebte an seinen Fingern. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass dies zuvor schon so gewesen wäre.
Das Karussell hatte genau an der Stelle angehalten, wo die Felswand in Glas überging.
Von irgendwoher wehte ein heftiger Windstoss herbei und noch mehr Blütenstaub wirbelte um Toby herum. Er stutzte, als er kurz in das Gesicht der Fee blickte. Ihm war, als hätte sie gerade mit den Augen gerollt.
Da fing das Karussell wieder an sich zu drehen, blieb diesmal aber an Ort und Stelle. Doch nicht etwa langsam wie zuvor. Im Gegenteil, mit jeder Umdrehung nahm es noch mehr Fahrt auf. Es schien, als wolle es mit dem, nun heftig blasenden Wind Schritt halten.
Völlig erstaunt betrachtete Toby, wie sich der Teppich aus Blumen bis zur Felswand ausbreitete. Die Spirale aus Glas verschwand und machte einem wolkenlos blauen Himmel Platz. Als er sich zur Fee umdrehte, war sie nirgends zu sehen.
Seine Blume war verschwunden ebenso wie das Karussell, er befand sich jetzt mitten auf einer gigantischen Wiese. Farbige Feenflügel schwirrten in irrsinnigem Tempo an ihm vorbei. Die Feen waren so klein, dass er ihren Körper nicht richtig erkennen konnte. Fasziniert sah Toby ihnen nach.
Der Duft der von den Blumen zu ihm aufstieg betörte ihn. Ohne nachzudenken liess er sich zufrieden in das Meer aus Blumen fallen.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
