36. Kapitel

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Komm! Komm zu uns.
Danny bekam längst nicht mehr mit, was um ihn herum passierte. Geräusche drängen nur noch gedämpft an seine Ohren. Farben und Formen verschwammen vor seinen Augen. Alles schien ganz weit weg zu sein.
Komm! Es ist Zeit.
Für ihn zählten nur noch die Stimmen in seinem Kopf. Anfangs war es nur eine gewesen, wie ein leichter Windhauch an seinem Ohr. Sie war so leise, dass er nicht hatte verstehen können was sie ihm zu sagen versuchte. Doch als immer mehr Stimmen hinzukamen, verbanden sie sich zu einem eindringlichen Flüstern.
Komm! Wir warten schon lang.
Jede einzelne dieser Stimmen war ihm vertraut. Sie alle baten ihn, zu sich zu kommen. Umso näher er ihnen kam, desto deutlicher wurden ihre Worte.
Komm! Lass es zu.
Danny hielt vor einer harmlos aussehenden Tür. In dem Gang in dem er sich befand, herrschte schummriges Licht.
Komm! Verdräng es nicht.
Er ging auf die Tür zu. Es fühlte sich an als würde er schweben. Sein Herz klopfte wild in seiner Brust. Wärme durchströmte ihn. Die Stimmen bestärkten ihn. Danny lächelte selig. Noch nie hatte er sich so leicht gefühlt.
Komm zu uns!
Als er die Hand auf den Türgriff legte, wurden die Stimmen in seinem Kopf augenblicklich still. Danny blinzelte. Der Türgriff fühlte sich kalt an.
Er wollte keinesfalls die Stimmen verlieren. Er sehnte sich danach sie erneut zu vernehmen. Deshalb stiess er ohne zu zögern die Tür auf.

Dahinter erwartete ihn nichts als Dunkelheit. Es liess sich in dem fahlen Licht nicht ausmachen, wie gross der Raum war. Er schien vollkommen leer.
Danny spürte ein Kribbeln auf der Haut, als ihm ein kalter Lufthauch entgegen wehte. Eine starke Anziehungskraft ging von dem Raum aus, der er sich nicht entziehen konnte. Entschlossen trat er ein.
Sobald er den Raum betrat hatte er das Gefühl, sein Herz würde sehen bleiben. Eisige Kälte liess seine Adern gefrieren.
Die Tür fiel hinter ihm zu. Er drehte sich sofort um und versuchte in der Dunkelheit den Türgriff zu ertasten, doch da war nichts. Seine Hände fuhren über eine glatte Wand, als hätte es die Tür niemals gegeben.
Fröstelnd drehte er sich um. Um ihn herum lag nicht als Dunkelheit, doch das war es nicht was Danny zu schaffen machte. Es war vielmehr die unendlich scheinende Stille. Sie war so ungewohnt, so fremd. Er war vollkommen allein.
Doch er wollte nicht allein sein. Also schloss er die Augen und lauschte.
Anfangs hörte er nicht mehr, als seinen eigenen durchdringenden Atem.
Dann war da plötzlich ein Lachen.
Es schien von weit her zu kommen, doch es liess Dannys Herz augenblicklich höher schlagen. Wärme schmolz das Eis in seinem Körper. Er öffnete die Augen. Ein fahles Licht flackerte in der Dunkelheit.
Es warf tanzende Schatten in die undurchdringliche Schwärze.
Der nun erhellte Raum, war auch keineswegs leer. Dutzende verschiedenster Kerzenständer standen in Reihen aufgestellt, die sich in der Dunkelheit verloren.
Danny's Beine setzten sich in Bewegung, schlängelten sich um das Feld aus Kerzenständern. Das Lachen wurde lauter. Er beschleunigte seinen Schritt.
Er konnte es nicht bloss hören, vielmehr hatte er das Gefühl das Lachen würde seinen gesamten Körper ausfüllen. Es war ein Teil von ihm. Sein Herz pochte lautstark in seiner Brust. Glücksgefühle durchströmten ihn, liessen ihn beschwingt auftreten. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Ohne es zu bemerken fing er an zu rennen.
Doch als er endlich bei der Kerze ankam, erlosch ihr Licht und das Lachen verstummte.
Enttäuscht starrte er auf die Rauchschwade, die als einziges übrig blieb. Erneut war es dunkel um ihn herum.
Doch sogleich ertönte ein unterdrücktes Schluchzen. Es schien aus einer anderen Richtung zu kommen. Danny wandte sich ihm zu und sah in der Ferne ein Licht aufleuchten. Langsam ging er darauf zu.
Das Schluchzen schwoll schnell zu einem ausgeprägten Weinen an. Danny spürte ein stechen in der Brust. Sein Bauch rumorte. Die Trauer legte sich wie ein dunkler Schatten über seine Gedanken. Er fühlte sich schlapp und müde. Umso näher er dem Licht kam, desto mehr zerriss ihn der Schmerz innerlich. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Dennoch verfiel er in einen raschen Laufschritt.
Doch auch diesmal blieb ihm nur der angesengte Docht.
Aber er musste nicht lange warten. Während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte ertönte weiter entfernt eine Stimme, die hasserfüllte Worte zischte. Die Wut überrannte Danny als er auf die Flamme zulief. Er ballte die Fäuste. Die Stimme schrie jetzt. Danny knirschte mit den Zähnen. Er empfand das Bedürfnis, auf etwas einzuschlagen.
Als er bei der Kerze ankam verschwand dieses Gefühl auf der Stelle, genauso wie das Licht.
So ging es weiter. Danny versuchte so schnell wie möglich zu der Kerze zu kommen, während die jeweiligen Gefühle ihn übermannten. Er konnte sich ihnen nicht entziehen, es war wie ein Rausch.
Mit der Zeit begannen die Gefühle schneller aufeinanderzufolgen. Noch bevor Danny die eine Kerze erreichte, leuchtete am anderen Ende des Raumes schon die nächste. Daraufhin wendete er jedesmal und hetzte auf die neue Lichtquelle zu.
Gefühle vermischten sich. Danny war hin und hergerissen. In seinem Körper tobte ein Sturm der ihn zu zerreissen drohte.
Trauer!
Schweissperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
Liebe!
Sein Kopf pochte.
Freude!
Ihm war schwindlig.
Wut!
Er hatte das dringende Bedürfnis sich zu übergeben.
Hass!
Verzweifelt krümmte er sich zusammen und sank zu Boden.
Lust!
Um ihn herum brannten lauter flackernde Kerzen während er lauthals zu schreien begann.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt