68. Kapitel

26 2 0
                                        

Haneyra hatte sich kein bisschen verändert.
Als Ilan aus dem Wald hinaus brach, hatten ihn kurz darauf die armseligen Häuschen der Holzfäller empfangen. Da die Menschen in Haneyra Selbstversorger waren, beschränkte sich die schützende Mauer nicht nur auf die Stadt selbst, sondern umfasste auch einen grossen Teil, des umliegenden Gebietes. Die Siedlung der Holzfäller, mit einem kleinen Teil des Waldes, lag an der Spitze der dreieckigen Stadt. Auf der linken Seite befanden sich die grossen Höfe der Viehbauern und auf der rechten Seite, erstreckten sich die Ackerfelder der Gemüse und Getreidebauern bis zum Meer, wo die Fischer ihre Hütten hatten. Während die Stadt selbst die Form eines Dreiecks besass, hatte sein gesamtes Land vielmehr die Ausprägung eines Parallelogramms.
Als Ilan durch die Siedlung lief erspähte er einen abgewetzten Kalender an einem der Häuser. Neugierig trat er näher. Er stutzte als er das heutige Datum las. Wenn der Kalender stimmte, musste mehr als ein Jahr vergangen sein, seit sie von Larea aufgebrochen waren. Er hatte während ihrer aufregender Reise jegliches Zeitgefühl verloren.
Einer der Wachtürme, erhob sich vor ihm. An jeder der drei Ecken Haneyras, stand einer dieser Türme, die mit grossen Glocken ausgestattet waren, um bei Gefahr sofort Alarm geben zu können. Doch inzwischen waren die Türme zerfallen und unstabil. Sie wurden nicht mehr benutzt, denn nun hatten die Mischblüter ja die Mauer, die sie vor Angriffen schützte.
Haneyra selbst war immer noch so dreckig und heruntergekommen, wie Ilan es in Erinnerung hatte. Die Häuser waren grösstenteils mickrige Verschläge aus Blech und Holz, die sich nah aneinanderreihten und keinen Schutz vor der Hitze boten. Die Strassen bestanden bloss aus schlammigem Morast, der unter Einfluss der Sonne steinhart geworden war. Nackte Kinder rannten herum. Männer und Frauen mit abgekämpften Gesichtern schoben Karren mit allerlei Waren ins Innere der Stadt. Dort, um den dreieckigen Marktplatz waren noch einige der alten Gebäude erhalten geblieben und liessen erahnen, wie prachtvoll die Stadt einmal gewesen war.
Eine Veränderung fiel Ilan allerdings auf. Trotz der vorherrschenden Trostlosigkeit, schien das Leben in Haneyra gesitteter. Vor allem am Marktplatz sah er die patrouillierenden jungen Männer und Frauen. Sie trugen die gleichen geflickten und zerschlissenen Kleider wie alle anderen, doch zusätzlich trugen sie Schlagstöcke, Messer und sogar Gewehre auf sich. Früher hatte es in Haneyra von Dieben und Randalierern gewimmelt, doch nun schien diese Gruppe für Ordnung zu sorgen. Ilan war sich nur nicht sicher, ob die Bevölkerung darüber wirklich glücklich war. Sie schien vielmehr verängstigt.
An manchen Wänden waren ihm ausserdem propagandistische Sprüche aufgefallen, die ihn beunruhigten.
Einer dieser Jugendlichen musterte ihn misstrauisch. Seine blau-grauen Augen blickten finster. Er ging zu einem anderen hin und machte ihn energisch auf Ilan aufmerksam. Ilan vermutete, dass es wohl besser wäre zu verschwinden, doch die Augen des zweiten Jungen fesselten ihn. Eines davon war blaubraun, das andere grünbraun. Solche zweifarbigen Augen hatte Ilan noch nie gesehen. Anders als die des ersten Jungen, blickten sie neugierig zu ihm herüber.
Der Erstere jedoch redete erregt auf den Jungen ein und schliesslich kamen die beiden auf Ilan zu.
Ilan wurde klar, dass er in der Falle sass. Doch er hatte Glück.
Eine Frau brach hysterisch kreischend zwischen den Häusern hervor und fesselte sogleich die Aufmerksamkeit der beiden. Ihr Gesicht war blutüberströmt und die Kleidung zerrissen.
Die Frau brach mitten auf dem Marktplatz zusammen. Ihre Schmerzensschreie lockten allerlei Umstehende an.
Die Frau schrie angestrengt:" Halbblüter! Halbblüter sind hier", bevor ihre Stimme versagte und sie ihren letzten Atemzug tat.
Sogleich erhob sich angstvolles Getuschel in der Menge. Sollte es wirklich wahr sein?
Im allgemeinen Chaos entfernte sich Ilan. Er atmete aufgeregt, als er in einer der Seitengassen verschwand. Das Ganze war ihm nicht geheuer. Er ahnte, dass Gefahr drohte.
Unter diesen Umständen wäre es womöglich besser wenn er zu Danny und Toby zurückkehrte, doch der Gedanke Elea aufzugeben zerriss ihm das Herz. War etwa alles umsonst gewesen?
Doch als er nun daran war umzukehren, erfasste ihn unvermutet eine intensives Gefühl der Gewissheit.
Plötzlich war er sich komplett sicher, dass Elea in der Nähe war. Da war eine Stimme in seinem Innern die den Weg zu ihr kannte. Sie würde ihm helfen. Er musste ihr bloss vertrauen.
Entschlossen zog er den Zauberstab aus seiner Tasche und setzte sich in Bewegung.
Die Stimme leitete ihn zielsicher voran.
Auf einmal ertönte unvermutet ein lautes Glockengeläut. Die Ganze Stadt schien kurz innezuhalten, als die Leute langsam realisierten woher das lautstarke Gebimmel stammte. Jemand musste auf einen der Wachtürme geklettert sein, um die Stadt vor drohender Gefahr zu warnen. Ob dieser  Erkenntnis brach ein Tumult aus.
Keine Minute später erreichten die Halbblüter die Stadt.
Panisch rannten die Menschen auf der Flucht vor ihnen davon. Doch sie hatten keine Chance.
Die Halbblüter griffen mit ungeheurer Brutalität an. Bald befleckte Blut die verdreckten Strassen der Stadt.
Unbeirrt lief Ilan ihnen entgegen. Er hatte keine Angst. Er dachte bloss daran, Elea zu finden. Das war alles was zählte.
Da sprang ein Halbblüter aus dem nichts auf ihn zu. Erschrocken hob Ilan die Hände und schloss die Augen. Als nichts passierte öffnete er seine Augen wieder und sog überrascht die Luft ein. Der Halbblüter hing vollkommen erstarrte in der Luft. Ilan sah verwundert hinab auf seinen Zauberstab. Er musste ihn eingefroren haben.
Er lächelte. Vielleicht war er doch zu mehr fähig, als er sich zutraute.
Hastig setzte er seinen Weg fort. Elea musste hier irgendwo sein. Ihm war, als ob er ihren Herzschlag spüren könnte. Sie war nicht allein.
Furcht ergriff ihn. Elea war in Gefahr.
Seine innere Stimme trieb ihn an.
Der Gedanke daran was die Halbblüter mit Elea anstellten, machte ihn rasend und gab ihm ein ganz neues Selbstbewusstsein.
Seine Augen verengten sich. Resolut schritt er voran, den Zauberstab entschlossen umklammert. Niemand würde seiner Elea ein Leid zufügen solange er da war um es zu verhindern.
Er bog in eine Seitengasse. Auf einmal konnte er ihre Schreie hören. Sie musste hinter der Mauer sein die sich vor ihm erhob.
Seine innere Stimme erfasste die Situation sofort und drängte ihn zum handeln.
Unbeirrt rannte Ilan auf die Mauer zu. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs beförderte er Elea aus der Gefahrenzone und sprengte dann mit Leichtigkeit die gesamte Mauer.
Schutt und Asche stoben herum.
Ilan schritt gebieterisch aus der Staubwolke auf die Gasse. Die Halbblüter die sich zuvor in der Gasse befunden hatten waren von der ungeheuren Energiewelle niedergerungen worden und lagen ohnmächtig auf dem Boden.
Hinter Ilan in der Ecke, kauerte sich eine mickrige Gestalt ängstlich an die Mauer.
„Elea?", Ilans Stimme lief über vor Freude.
Die Gestalt fing unwillkürlich an zu zittern und machte sich noch kleiner. Ihr stumpfes braunes Haar fiel ihr über die Schultern.
„Elea ich bin es, Ilan", versuchte er es erneut.
Sie hob den Kopf und er erschrak. Dies war nicht das hübsche, fröhlich Mädchen das er kannte. Ihr Gesicht war eingefallen und unter ihren lila Augen lagen dunkle Ringe. In ihrem Blick zeichnete sich keinerlei erkennen ab, bloss Verzweiflung und Angst.
Mit entsetzten fiel sein Blick auf ihren Körper. Unter den dreckigen Lumpen die sie trug, schien sich bloss noch ein Skelett zu befinden.
Rasch zog er seine dünne Jacke aus. Elea zuckte zurück als er sie ihr umlegte. Sie senkte verängstigt den Blick.
Ilan zögerte, dann strich er ihr vorsichtig das lange Haar aus dem Gesicht.
„Meine geliebte Elea, was haben sie bloss mit deinen Flügeln gemacht", flüsterte er mit Tränen in den Augen.
Verwundert hob sie den Kopf und sah ihn an. Langsam kehrte das Licht in ihre stumpfen Augen zurück.
„Ilan?", brachte sie schwach hervor. Sie schien ihre Stimme schon lange nicht mehr benutzt zu haben.
„Ja, ich bin es. Ich bin hier", er legte schüchtern seine Hand auf ihre knochigen Finger.
Sie zuckte erneut zusammen, doch zog sie nicht zurück.
Er sah wie sich Tränen in ihren wunderschönen Augen bildeten und plötzlich warf sie sich ihm schluchzend in die Arme. Er hielt ihren unterernährten Körper fest umschlungen und schwor sich sie nie wieder loszulassen.
Als sich Elea etwas beruhigt hatte löste er seinen Griff und sah sie sanft an.
„Elea wir müssen verschwinden, hier ist es nicht mehr sicher."
Erneut schlich sich die Furcht in ihre Augen. Sie schüttelte den Kopf.
„Du musst keine Angst haben. Ich bin bin ja jetzt bei dir", er lächelte sie aufmunternd an und ergriff ihre Hand.
Sie sah hinab auf ihre umschlungenen Hände und nickte dann.
Behutsam half er ihr aufzustehen. Elea schien schwach und ausgelaugt. Ilan machte sich schreckliche Vorwürfe. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was Elea in seiner Abwesenheit alles hatte erleiden müssen. Er umschloss ihre Hand fester und zog sie mit sich. Diesmal würde sich er sie nicht im Stich lassen.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt