58. Kapitel

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Alan schaffte es nicht den Blick von seinem Gegenüber zu lösen. Etwas an dem Mann faszinierte ihn. Die Art, wie er grazil und die Wiese überquerte, fesselt und beunruhigte ihn zugleich.
Der fremde Mann kam kurz vor ihm zu stehen, ein stumpfes Lächeln auf den Lippen:"Ilan Sanchez, der Junge der immer den Falschen vertraut."
Es klang so beiläufig und gleichzeitig so vertraut, dass Ilan augenblicklich erstarrte.
Fassungslos sah er den Fremden an.
Mit von der Sonne beleuchteten, weisslich scheinenden Haaren und ebenmässiger, blasser Haut, stand er da. Die Hände in den Hosentaschen vergraben besah er sich gelangweilt die Umgebung.
Für Ilan schien er vielmehr wie ein göttliches Wesen.
Bloss seine Augen standen im kompletten Kontrast zu dieser Erscheinung. Ilan war sich unsicher, ob der Mann mit seinen leblosen, weissen Augäpfel überhaupt etwas sehen konnte.
„Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?"fragte er verunsichert.
„Aber Junge, wo bleiben deine Manieren? Für dieses Vergehen sollte ich dich geradewegs, die Klippe herunterstürzen", er schnalzte missbilligend mit der Zunge, aber als er merkte wie Ilan unwillkürlich zusammen zuckte lachte er auf:" Denkst du wirklich ich würde dich töten, ohne mich vorher eingehend mit dir unterhalten zu haben?"
Alan stutzte. Der Mann schien sich über ihn lustig zu machen. Er verhielt sich unnahbar . Doch Ilan machte diese Tatsache nur neugierig.
„Verzeihung, aber kennen wir uns?"wagte er einen neuen Versuch.
Ein schelmisches Grinsen erschien im Gesicht des Mannes, was ihn jünger aussehen liess, als er es wahrscheinlich war. Sein Alter war ohnehin schwer abzuschätzen. Er musste ungefähr mittleren Alters sein.
„Immer höflich und fair, nicht wahr Junge? Eine Eigenschaft die du sehr wahrscheinlich von deinem Vater geerbt hast. Ich meine mich zu erinnern, dass deine Mutter da oft ganz andere Töne angeschlagen hat. Zu Schade, dass die beiden dir so früh genommen wurden", er seufzte bedauernd und verdrehte dann grinsend, die Augen.
„Woher wissen Sie das? Kannten Sie meine Eltern?", Alans Herz schien ihm beinahe aus der Brust zu springen.
„Kannte ich deine Eltern?", er zuckte gleichgültig mit den Schultern:" Zumindest nicht weniger, als deine Schwestern. Melissa und Mirana, zwei Mädchen, wie Tag und Nacht. Leider sind die beiden ebenfalls viel zu früh von dieser Welt gegangen. Nur der Jüngste der Familie hat unvermutete all die Jahre überlebt!",
Eine dumpfe Angst erfasste Ilan. Der Mann konnte das unmöglich wissen. Sein Gegenüber schien das nicht zu kümmern. Er begann desinteressiert die Ärmel seines Jackets hochzukrempeln.
Ilan war verwirrt. Wie konnte es sein, dass dieser Mann ihn ängstigte und ihm gleichzeitig dermassen imponierte?
„Woher wissen Sie das alles? Ich kenne Sie nicht!",
Ein kaltes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes, er hob den Kopf und sah ihn zum ersten Mal direkt an :"Aber ich kenne dich Alan, besser als du denkst."
Seine grausigen Augen drangen tief in Ilan's Inneres und liessen nichts zurück ausser Kälte und Leere.
Ilan schnappte nach Luft.
„Was wissen sie über mich?", fragte er gespannt.
Der Mann lachte belustigt und richtete sich auf. Er war sogar grösser als Ilan:"Ich weiss von einem Jungen, mit Brille und olivfarbener Haut. Ein Junge der von Piraten abstammt. Aufgewachsen in einer lieblichen Stadt, unter hochnäsigen Zauberern, denen er sich nie zugehörig fühlte. Ein Junge der sich lieber mit Büchern umgab, als mit Menschen. Ein Junge der seine gesamte Familie im goldenen Feuer verlor. Ich weiss, dass er seine Identität opferte um zu überleben, dass er alles hinter sich liess und mit anderen Flüchtlingen nach Larea zog. Doch sein Weg war beschwerlich und sein Herz voller Trauer. Ein Junge der Vertrauen fasste zu einem Werwolf, der ihn als Spion einsetzte. Ein Junge, der es schaffte dessen Herz zu erweichen.
Ein Junge, der in einer Elfe seine beste Freundin und einzige wahre Liebe fand. Ein Junge, dessen Vertrauen missbraucht wurde und der nichts tun konnte, um seinen Freunden zu helfen. Ein Junge der eine neue Familie fand und alles für sie getan hätte. Ein Junge der immer viel zu loyal und naiv war. Ein Junge der erneut verraten wurde und schon wieder alle verlor, die er liebte. Ein junger Mann der auch nach Jahren seine Liebe nicht aufgeben konnte. Ein junger Mann, der alles riskierte um sie zu retten. Ein junger Mann, der gebrochen wurde und der sich zurückzog, um nie wieder diesen Schmerz zu erfahren. Jemand, der sich trotz all dieser Zeit zweier Jungen annahm und neue Hoffnung schöpfte. Ein junger Mann, der den Zauberstab in seiner Tasche bei sich trägt, ohne ihn jemals benutzt zu haben. Er sah das Meer und den Himmel, nur um heute hier vor mir zu stehen."
Ilan wagte es nicht zu atmen. Jedes einzelne Wort, entsprach der Wahrheit.
Wie hypnotisiert starrte Ilan in die Augen des Mannes. In ihnen schien seine gesamte Vergangenheit verwahrt zu sein.
„Wer sind Sie?", flüsterte er andächtig.
Auf dem Gesicht des Mannes erschien ein spöttisches Grinsen:" Du ehrst mich mit deinem Interesse an meiner Person. Doch ich will dir einen gut gemeinten Rat geben. Manchmal ist es besser wenn man nicht alles ganz genau weiss und die Sache auf sich beruhen lässt. Das solltest du dir zu Herzen nehmen, Ilan.
„Ich möchte es trotzdem wissen", antwortete Ilan gelassen.
Der Fremde lächelte erheitert:"Nun gut. Mein Name ist Gabriel. Das genügt dir hoffentlich."
Ilan durchforstete seine Erinnerung nach diesem Namen, doch musste er sich eingestehen, dass er ihn noch nie zuvor gehört hatte. Andächtig sah er diesen sonderbaren Mann an.
Gabriel fuhr sich nachlässig durchs blonde Engelshaar und meinte:" Aber jetzt da ich dir deine Frage beantwortet habe, schuldest du mir ebenfalls eine Antwort. Also sag mir ehrlich Alan Sanchez, bist du es nicht leid immer von neuem enttäuscht zu werden? Tut es nicht weh, dass dein Vertrauen immer wieder missbraucht wird?", er sah ihn herausfordernd an.
Ilan überlegte. Es war erschreckend, wie genau Gabriel seine Schwächen kannte.
Dieser Mann meinte ihn dort anzugreifen, wo er am verwundbarsten war. Doch Ilan fühlte sich nicht angegriffen. Er dachte an Danny und Toby und alles was sie schon zusammen erlebt hatten, nachdem er es gewagt hatte erneut zu vertrauen. Ein Lächeln schlich auf sein Gesicht. Dieser Gabriel schien nicht zu verstehen, dass seine grösste Schwäche auch seine grösste Stärke war. Er hob den Kopf und schob seine Brille zurück.
„Nein!", meinte er lächelnd.
„Nein", Gabriel zog amüsiert die Augenbrauen nach oben.
Alan erwiderte seinen Blick gelassen:"Es ist ein Risiko zu vertrauen, das stimmt. Aber ich würde es jederzeit erneut eingehen. Denn Vertrauen ist das worauf Beziehungen aufbauen. Ohne Vertrauen gibt es keine Freundschaft, keine Liebe. Ich mache mich lieber verletzbar, als ewig allein zu sein."
Gabriel sah ihn lange durchdringend an, dann meinte er gleichgültig:" Dein Herz übertrifft deinen Verstand sogar noch. Zu Schade, dass es dir nichts mehr bringen wird. Hank!", rief er nach seinem Handlanger, der etwas abseits herumgelungert hatte. Rasch kam dieser heran, einen begierigen Gesichtsausdruck auf dem vernarbten Gesicht.
Alan biss die Zähne zusammen. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt. Hinter ihm war nichts, als der tiefe Abgrund.
„Töte ihn", befahl Gabriel nüchtern.
Ilan blieb reglos stehen, während sich Gabriel gemächlich entfernte.
Ein Grinsen verzog das Gesicht des Handlangers zu einer Grimasse, als er sich ihm zuwandte. Der Mann liess ihn nicht aus den Augen, während er einen Revolver aus seinem Gürtel zog.
Als der kleine Mann den Revolver auf ihn richtete, passierten mehrere Dinge gleichzeitig.
Ein Falke stürzte sich schreiend auf ihn und der Schuss wurde abgelenkt. Danny kam von seinem Versteck auf Ilan zu gerannt und warf sich in seine Arme. Alan liess sich daraufhin nach hinten in den Abgrund fallen. Sogleich umfassten starke Krallen seinen Pullover und zogen sie nach oben. Starke Schwingen trugen sie höher, entfernten sie vom Gewehrhagel.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt