44. Kapitel

89 2 0
                                        

Es war vollkommen still. Sonnenstrahlen brachen durch die durchsichtige Masse bis auf den Grund, liessen die Sandkörner wie kleine Goldklumpen leuchten.
Er zitterte leicht. Mit vor Kälte blau angelaufenen Händen, versuchte er nach dem Sonnenlicht zu greifen. Doch die Bewegung strengte ihn an. Er hatte keine Kraft mehr.
Die Wellen schaukelten ihn hin und her, doch sie vermochten ihn nicht von seinem Platz fort zu treiben. Er war festgebunden. Seine Füsse lagen in Ketten, befestigt an einem mächtigen Anker.
Sein Brustkorb zog sich zusammen. Seine Lunge brannten, lechzte nach Sauerstoff.
Er sah nach oben. Trauer spiegelte sich in seinen normalerweise eisig blauen Augen. Die Wasseroberfläche schien so nah und war dennoch unerreichbar für ihn.
Er dachte an Rhydian, seinen besten Freund. Die Gewissheit, ihn nie wieder zu sehen, schmerzte ihn. Doch es war okay, Rhydian war in Sicherheit.
Danny konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie Rhydian ausgesehen hatte, oder wie sich seine Stimme anhörte. Doch der alleinige Gedanke an ihn füllte jede einzelne Faser seines unterkühlten Körpers mit Wärme.
Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass seine Lebenskraft schwand. Langsam driftete er davon. Doch er hatte keine Angst. Stattdessen lächelte er und dachte daran, dass der einzige Mensch der sein Geheimnis kannte, ihm einmal gesagt hatte seine Augen würden ihn an das Wasser erinnern. Dieser jemand hätte es bestimmt als äusserst poetisch empfunden, dass er nun im Meer sterben würde.
Auf einmal wurde Danny bewusst, dass er diese Erinnerung bereits kannte. Das Wasser, der Junge und seine letzten Gedanken, all das war ihm wärmstens vertraut. Danny wurde klar, dass er von dieser Erinnerung schon dutzende Male geträumt haben musste. Aus irgend einem Grund schien sie besonders wichtig für ihn zu sein. Danny wusste somit auch, was als nächstes passieren würde. Der Junge, dessen Namen ihm nicht einfallen wollte, würde nicht sterben. Er selbst würde ihn retten. Also liess er entschlossen los, um Hilfe zu holen.
Aus der Ferne drang eine gedämpfte Melodie an seine Ohren. Ihm war als würde er Träumen.
Die Melodie war sanft und kam stetig näher.
Er war überzeugt, dass dies das letzte sei, was er auf dieser Welt hören würde. Völlig losgelöst gab er sich der befreienden Ohnmacht hin.
Als alles um ihn herum verschwamm wurden auf einmal seine Ketten gesprengt.

Danny wachte mit einem Mal auf. Er befand sich immer noch in dem grossen Zelt. Toby schnarchte, während Alan leise atmete. Nichts hatte sich verändert. Doch Danny spürte auf einmal einen ungeheuerlichen Schmerz der seinen gesamten Körper ergriff. In seinem Bauch klaffte ein fürchterlich grosses Schwarzes Loch, dass all seine Energie aufsaugte. Er hatte schon seit längerem leichte Bauchschmerzen verspürt, doch noch nie waren diese so schlimm gewesen wie jetzt. Verzweifelt presste er seine Hände auf den Bauch, um das Loch zu stopfen, doch es half nichts. Stumme Tränen liefen ihm über die Wangen. Verängstigt weinte er sich in den Schlaf, ohne Recht zu wissen, weshalb.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt