47. Kapitel

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Es war noch früh am Morgen, doch die Sonne erhob sich bereits wieder am Horizont. Es würde erneut ein heisser Tag werden. Danny war als erstes, noch im Morgengrauen, aufgestanden und hatte das Zelt verlassen. Toby war ihm kurz drauf gefolgt. Nachdem die beiden Jungen verschwunden waren, hatte Alan es sich unter dem Vordach, in seinem Stuhl bequem gemacht und sein Notizbuch hervorgeholt. Nun kritzelte er schon seit einiger Zeit eifrig in das Büchlein.
Er wusste nicht, warum er plötzlich wieder damit angefangen hatte. So viel Zeit war vergangen, seit er das letzte Mal ein solches Notizbuch gefüllt hatte. Doch genau wie damals, beruhigte es ihn irgendwie. Damals, als das Büchlein sein einziger Ausweg gewesen war. Sein Weg, um alles erlebte zu verarbeiten.
„Hast du überhaupt noch genügend Platz?"
Alan war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass ihm bei Danny's plötzlichem Auftreten sein Notizbuch vom Schoss rutschte. Rasch hob er es auf und schloss die Seiten, so dass nur noch der schwarze Einband sichtbar war.
„Ja...ja, es hat noch viel Platzt", zerstreut schob er sich seine Brille zurück auf die Nase.
„Das ist gut. Du schreibst inzwischen ständig in das Büchlein. Es muss dir wirklich sehr wichtig sein", Danny sah ihn durchdringend an, was Alan ein mulmiges Gefühl gab. Wusste der Junge irgendetwas?
„Ja, das ist es."
Es stimmte was Danny sagte. Obwohl Alan nie vermutet hätte , dass es ihm jemals wieder so wichtig sein könnte. Er hatte damit begonnen, als sie ihre Reise gestartet hatten. Anfangs war es äusserst selten gewesen und er hatte auch nur ein bisschen herum gekrakelt. Doch inzwischen verging kein Tag an dem er nicht hinein schrieb.
Danny zog sich einen Stuhl heran und setzte sich darauf:" Darf ich mal sehen?", fragte er sanft. Seine Augen blickten ihn freundlich an.
In Alan regte sich Widerstand. Er wollte das Buch nicht aus der Hand geben. Es enthielt zu viel persönliches. Doch er wusste auch, wie albern dieser Gedanke war. Schliesslich konnte er Danny vertrauen. Zögernd hielt er es dem Jungen hin. Dieser umfasste es behutsam mit seinen zarten Händen. Er legte es in seinen Schoss und schlug es auf.
Beim durchblättern der Seiten begannen seine Augen immer heller zu leuchten, je weiter er kam.
„Du hast absolut alles aufgezeichnet. Das ist unglaublich", bewundern sah Danny zu ihm auf.
Alan lächelte beschämt:" Das sind einfach nur Kritzeleien, nichts weiter."
„Nein, das stimmt nicht. Es ist viel mehr als das", Danny blickte erneut hinab auf die Seiten, die nicht mehr länger weiss und leer waren. Mehrere, mit Bleistift gezeichnete Bilder reihten sich aneinander.
Die einzelnen Bilder waren in Kästchen eingefasst und mit Sprechblasen versehen. Sie erzählten eine Geschichte, ihre Geschichte.
Danny strich fasziniert die feinen Linien nach, die sein eigenes engelsgleiches Gesicht formten. Es war die Szene ihrer ersten Begegnung, als Danny plötzlich in seinem Haus aufgetaucht war und ihn von unten am Treppenabsatz her anblickte.
Wenngleich es nur eine Zeichnung war schienen die eisblauen Augen einen durch das Papier hindurch zu fixieren.
„Es ist alles so echt. Wie schaffst du das nur?"
Alan zuckte lächelnd mit den Schultern:"Sobald ich anfange zu zeichnen passiert alles von allein. Es ist wie ein Rausch."
„Wie lange zeichnest du schon so?"
„Das ist vielleicht mein fünftes Buch, das ich mache."
„Es ist wunderschön", Danny blätterte noch etwas darin bevor er ihm das Büchlein wieder zurückgab.
„Ich wollte dich noch etwas fragen, bezüglich des Jungen mit den gleichfarbigen Augen wie ich, Matty", meinte er dann unvermittelt.
Alan horchte auf.
„Ja, was ist mit ihm?"
„Du hast mir doch erzählt, du hättest ihn seit Jahren nicht mehr gesehen und wüsstest nicht, ob er noch lebt. Wo hast du ihn denn zum letzten Mal gesehen?"Dannys Stimme klang neugierig, was Ilan gut verstehen konnte.
„Das war in dem Arbeitslager, in dem ich ihn und die anderen kennengelernt habe", gab Alan bereitwillig Auskunft.
„Wie alt wart ihr da?", bohrte Danny ungebremst weiter.
„Das letzte Mal als ich ihn sah, war Matty glaube ich zehn und ich etwa fünfzehn", erinnerte sich Alan.
„Weisst du wohin er dann gegangen ist?"
Alan zögerte. Es kam ihm komisch vor, dass Danny ihn ausgerechnet jetzt mit solchen Fragen löcherte. In der Stimme des Jungen lag plötzlich ein drängender Unterton.
Alan blickte zu Boden:"Er wurde von einem Vollblut mit roten Augen abgeholt. Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört."
Danny schien nachzudenken:"Du hast mir erzählt, die Rotaugen wären genauso grausam, wie die Schwarzaugen, nicht?"
Alan nickte. Danny schien seine Fragen nicht willkürlich zu wählen. Er wollte etwas ganz bestimmtes wissen.
„Stimmt es dann auch, dass die Vollblüter uns Andersblütige verspeisen und gefallen daran finden anderen Schmerzen zuzufügen?"
Alan fragte sich, ob Toby ihm das erzählt hatte:"Ja, das stimmt leider."
„Wie wahrscheinlich kann es dann sein, dass ein siebenjähriger in der Hand eines Rotauges überlebt hat?", Danny schien plötzlich verunsichert.
„Ziemlich unwahrscheinlich", Alan viel es schwer seine Neugier zu verbergen. Was wollte der Junge wissen?
„Also ist er in deinen Augen schon lange tot?", hakte der Junge nach.
„Na ja, das ist nicht sicher. Ihr Blauaugen wart zu meiner Zeit im ganzen Land verfolgt. Das hat euch ziemlich wertvoll gemacht."
„Und wie kann es sein, dass ein Blauauge so lange Zeit überlebt hat ohne je entdeckt zu werden?," Dannys eisig blaue Augen schienen förmlich in Alans Inneres zu blicken.
Ilan lächelte:" Matty hatte eine Art Geheimwaffe. Er trug immer diese Kette, welche die Leute eine andere Augenfarbe sehen liess. Er hat sie nicht mal in unserer Gegenwart abgezogen. Ich glaube, ich war der einzige von uns der überhaupt wusste, dass er ein Blauauge ist", Ilan erinnerte sich glasklar an das erste und gleichzeitig einzige Mal in dem er in diese tiefblauen Augen geblickt hatte, die genauso wie das Meer unendlich schienen.
Danny nickte zufrieden:" Danke für deine Offenheit, Alan", er erhob sich.
Alan stand ebenfalls auf:" Ich hoffe ich konnte dir helfen."
Er konnte es dem Jungen nachempfinden, etwas über das möglicherweise einzige Überlebende Blauauge neben ihm wissen zu wollen.
„Könntest du mir noch einen Gefallen tun ,Alan?",
Danny bückte sich.
„Was denn, Danny?"
„Rede bitte mit Toby. Er ist soweit", Danny hielt ihm bittend das Foto hin, welches Alan immer zwischen den Seiten seines Notizbuches eingeschlossen hatte. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, dass es herausgefallen war.
„Aber warum tust du das nicht selbst? Warum redest du nicht mehr mit Toby?", er war verwirrt.
„Ich kann nicht, Alan. Glaub mir!", in Dannys Augen lag tiefes Bedauern. Bittend hielt er ihm das Foto entgegen.
Alan nahm es verwundert entgegen. Danny unterdessen entfernte sich, ohne weitere Erklärungen.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt