„Ist es noch weit?", murrte Toby, während er mit seinen schmerzenden Füssen hinter Danny und Ilan her trottete.
„Nein, aber wir können gern eine Umweg machen wenn du möchtest", gab Ilan grinsend zurück.
Toby schnaubte empört:" Auf keinen Fall!"
Sie waren vor zwei Tagen aufgebrochen und liefen seit dem auf Trampelpfaden, durch das endlose Labyrinth aus Bäumen.
Toby musste zugeben, dass ihm der Wald immerhin besser gefiel als die Wüste. Die Wege waren grösstenteils gut begehbar und die lichten Bäume schützten sie behelfsmässig vor dem erbarmungslos glühenden Sonnenlicht. Unter ihren Ästen war die drückende Hitze erträglicher. Doch auch hier hatten die Pflanzen gelitten. Vielerorts waren die Blätter der Bäume vertrocknet und bröckelten ab. Toby war wirklich froh das Ilan wieder gesund war. Ohne ihn hätten sie sich in dem unübersichtlichen Wald bestimmt niemals zurechtgefunden.
Trotzdem fand Toby immer noch keinen Gefallen an dem endlosen marschieren. Ausserdem lag seit einiger Zeit eine merkwürdige Spannung in der Luft.
Ilan schien immer nervöser zu werden je näher sie der Mauer kamen. Er war zerstreut und abgelenkt. In der letzten Nacht hatte er seine Brille verlegt und sie am nächsten Morgen in der Teekanne wiedergefunden.
Danny indessen wirkte nachdenklich und abwesend. Er war die letzte Nacht seit längerem wieder geschlafwandelt. Ilan und Toby hatten ihn am Morgen panisch überall gesucht und ihn schliesslich unter einem Busch in der Nähe entdeckt.
Somit hatte Toby das Gefühl momentan der einzige in der Gruppe zu sein, der noch seinen gesamten Verstand beisammen hatte.
„Wir sind da", verkündete Ilan unvermittelt.
Feierlich blieb der grosse, schwarzhaarige junge Mann stehen und liess seinen Kameraden den Vortritt.
Toby stutze. Zögernd folgte er Danny hinaus aus dem schützen Wald. Eine gerade Linie beschrieb das Ende des Waldes und erstreckte sich zu beiden Seiten ins endlose. Danach gelangte man auf eine langgezogene Wiese, die kurz darauf von einem breiten Abgrund unterbrochen wurde. Der riesige Riss, der sich quer durch die Erdschicht zog, schien Toby unheimlich und unüberwindbar. Auf der anderen Seite der Erdspalte verlief die Wiese weiter und bald darauf begann der Wald von neuem, so als hätte es nie einen Unterbruch gegeben.
Mitten in dem dunkel wirkenden Abgrund stand ein Haus. Toby blinzelte ungläubig.
„Da wären wir", Ilan schob sich zufrieden dieBrille zurück auf die Nase.
„Aber, wo ist die Mauer? Ich sehe nur einen tiefen Abgrund", meinte Toby verwirrt.
„Die Mauer ist unsichtbar, Toby", antwortete Danny. Die Augen des Jungen blickten gebannt hinüber zur anderen Seite.
„Ah toll, und wo ist sie?", spöttisch trat Toby ein paar Schritte vor und wedelte mit den Armen durch die Luft.
„Genauer gesagt sind es zwei Mauern", schaltete sich Ilan ein:" Eine steht hier direkt vor uns auf der Wiese und nochmal eine auf der Wiese drüben."
„Na toll, jetzt sind es schon zwei Mauern", murrte Toby leise. Er verdrehte die Augen während er unbeirrt weiter lief, bis er plötzlich mit voller Wucht gegen ein unsichtbares Hindernis stiess. Fluchend griff er sich an seine schmerzende Nase und meinte dann:" Ich glaub ich habe die eine gefunden."
Ilan und Danny traten näher.
„Warum sind es denn zwei Mauern, Ilan?", fragte Danny angetan, die Augen auf das von Toby entdeckte Objekt gerichtet.
„Sie verhindern beide, das durchdringen von einer Seite zur anderen. Jedoch wurde in ihrer Mitte absichtlich eine neutrale Zone eingerichtet in der sich die Rassen ohne Angst begegnen konnten. Es ist verboten jemand anderem in der neutralen Zone jegliches Leid zuzufügen. Deshalb wurde hier früher oft beraten und beratschlagt. Das Haus, welches du dort im Abgrund siehst ist ein altes Gasthaus. Ein ehemals beliebter Treffpunkt."
Toby warf noch mal einen einen Blick auf das heruntergekommene Häuschen und bemerkte, dass es nicht über dem Abgrund schwebte, sondern auf Stelzen stand. Zwei Hängebrücken verbanden es auf beiden Seiten mit den Wiesen.
„Um auf die andere Seite zu kommen müssen wir also nur noch die Brücken überwinden", schloss Ilan.
Toby sah das anders:" Hast du da nicht was vergessen", meinte er und tätschelte die Mauer, die man zwar nicht sehen doch ganz klar fühlen konnte. Sie schien keineswegs den Anschein zu machen, sie durchzulassen zu wollen.
Ilan legte ebenfalls seine Hand auf die Mauer und stutzte:" Na ja, vielleicht müssen wir nur nach der richtigen Stelle suchen", behutsam tastete er sich an der Wand entlang.
Toby beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Danny stand abwesend daneben.
Nach einiger Zeit resignierte Ilan und kam enttäuscht zu Ihnen zurück :" Ich versteh das nicht. Ich war mir so sicher, dass uns die Mauer durchlassen würde."
Toby lächelte zufrieden. Er hatte insgeheim gehofft, dass dies passieren würde:" Mach dir nichts draus,Ilan. Die Mauer ist nun mal undurchdringlich. Dann gehen wir halt wieder zurück nach Hause. Ich mein, es war immerhin ein schöner Ausflug, oder? Also los gehts, ich geh vor", Toby schnallte seinen Rucksack um und lief beschwingt voraus, doch eine dünne Stimme hielt ihn zurück.
„Warte!", meinte Danny einschneidend.
Toby blieb unwillig stehen und drehte sich seufzend um. Er hatte geahnt, dass es nicht so einfach werden würde.
„Lasst es mich versuchen", sagte der zierliche Junge bestimmt.
Ilan sah ihn verwundert und neugierig an während Toby unberührt stehen blieb.
Behutsam legte der Junge seine Hand auf die unüberwindbare Konstruktion. Er liess sie dort ruhen und schloss die Augen. Eine halbe Ewigkeit stand er bloss unbeweglich da.
Ilan stand gebannt daneben. Toby zog bloss die Augenbrauen hoch.
Eine elektrische Spannung schien sich auszubreiten. Plötzlich schob sich Dannys Hand langsam nach vorn. Wie eine durchsichtige, dehnbare Folie gab die Mauer dem Druck nach.
Ilan schnappte hörbar nach Luft. Toby trat skeptisch näher.
Danny öffnete seine Augen und blickte konzentriert auf seine Hand, die schliesslich ganz hindurch brach.
Ilan jubelte:" Du hast es geschafft, Danny!"
Danny nickte ergriffen und starrte andächtig auf die die entstandene Öffnung. Vorsichtig riss er sie auseinander, um durch das entstandene Loch zu kraxeln.
Toby konnte es nicht fassen. Die unüberwindbare Mauer, von der er schon so viel gehört hatte, war binnen Sekunden von einem schmächtigen neunjährigen bezwungen worden.
Ilan weitete die Öffnung für seine grosse Gestalt und folgte ihm begeistert.
Sie liefen ein paar Schritte bevor ihnen auffiel, dass Toby ihnen nicht folgte.
Die beiden drehten sich zu ihm und sahen ihn erwartungsvoll an. Danny mit seinen durchdringenden, blauen und Ilan mit seinen warmen, goldenen Augen.
„Na los Toby", rief Ilan aufmunternd.
Toby seufzte ergeben, nun war es also soweit. Er hielt es immer noch für eine dumme Idee auf die andere Seite zu gehen. Aber niemals würde er seine Freunde alleine gehen lassen. Ihnen würde er überallhin folgen.
Entschlossen trat er an die Mauer.
Zögerlich drückte er erst dagegen, doch sie bewegte sich nicht von der Stelle. Also biss er die Zähne zusammen und lehnte sich mit aller Kraft dagegen. Seine Arme drangen langsam durch die zähe Masse. Dies gab ihm eine merkwürdige Befriedigung. Energisch griff er in das entstandene Loch und riss die übriggebliebenen Fetzten auseinander und lief hindurch. Erstaunt drehte er sich daraufhin um. Es war viel einfacher gewesen, als er gedacht hatte.
„Und was jetzt?", befreit drehte er sich zu Ilan und Danny um.
Ilan lächelte und zeigte hinter sich zu dem schrulligen Häuschen:" Unsere Unterkunft für die Nacht."
Toby schaute gequält auf die alte Hängebrücke und die morsch aussehenden Stelzen auf denen das Haus gebaut war:" Na toll."
Das Haus sah von innen noch viel schlimmer aus. Der grosse Schankraum war leer und verlassen. Die Stühle waren auf den Tisch gestellt und dir Vorhänge zugezogen worden. Es schien schon ewig niemand mehr hier gewesen zu sein. Alles war von einer dicken Staubschicht bedeckt und an den Wänden klebten Spinnweben.
Die Fensterbänke waren voller kitschigem Nippes. Die Wände waren in einem verbleichten rosa gestrichen. Aus jeder Ecke heraus starrten einen ausserdem die leblosen Augen von gruseligen Stofftieren und Puppen an.
Toby erschauderte. Er war nicht sonderlich darauf aus hier die Nacht zu verbringen.
Doch Ilan rollte bereits die Schlafsäcke aus und Danny hatte schon seinen Schlafanzug an.
Ergeben fügte sich Toby seinem Schicksal.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasíaDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
