56. Kapitel

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Alan sah Toby hinterher, wie er im Nebelmeer verschwand.
Ein beklommenes Gefühl erfasste ihn, als er sich abwandte.
Er wusste, dass er den Streit nicht hätte verhindern können. Es war wichtig gewesen, dass Toby die Wahrheit erfuhr. Er konnte jetzt nur hoffen, dass das Band zwischen den beiden so stark war, wie er dachte und Toby zurück kommen würde.
Er lief über die Wiese, auf der Suche nach Danny.
Er fand den Jungen zusammengekauert am anderen Ende. Doch er wirkte nicht mehr, wie der Danny den er kannte. Seine Haare waren zerzaust. Seiner Haut fehlte jegliche Farbe. Er hatte die Beine angezogen und umschlang sie fest mit seinen Händen, als brauchte er etwas an dem er sich festhalten konnte. Sein Blick fixierte einen Punkt in weiter Ferne.
„Danny, ist alles in Ordnung?", Alan nährte sich vorsichtig und setzte sich neben ihn.
Er bekam keinerlei Reaktion. Danny starrte bloss  mit glasigem Blick vor sich hin.
Ilan lächelte aufmunternd:" Du hast Recht, das war eine blöde Frage. Du musst natürlich auch nicht darauf antworten. Ich wollte dir nur zu verstehen geben, dass ich da bin falls du reden möchtest."
Bei diesen Worten begann Danny's Körper heftig zu zittern:" Es ist alles meine Schuld, Ilan! Ich hab alles falsch gemacht!", sagte er mit gepresster Stimme.
Ilan legte tröstend seine Hand auf Dannys gebeugten Rücken:" Du kannst nicht nichts dafür, Danny", sagte er sanft.
Dieser sah ihn unvermittelt an. Seine kalten Augen froren alles in ihrem Umfeld ein:" Doch, Alan! Ich habe Toby all die Jahre missbraucht. Ich kannte ihn schon bevor ich ich ihn gerettet hab, aus meinen Träumen. Ich bin Schuld an allem, was er durchmachen musste. Ich hab sein Leben zerstört!"
Als Danny in Ilans warme goldgesprenkelte Augen sah, brach seine eisige Mauer unvermittelt zusammen und die Tränen flossen in Strömen über seine Wangen.
Ilan zog den verletzten Jungen schützend an seine Brust.
„Du hast nicht gewusst, was du tust", sagte er sanft und streichelte beruhigend über den Rücken des haltlos schluchzenden Jungen.
Nach einiger Zeit ebbte dessen Tränen ab und er richtete sich auf. Schniefend wischte er sich über das vom weinen gerötete Gesicht.
Mit kühler, abgeklärter Stimme meinte er dann:" Früher hab ich das vielleicht noch nicht. Damals als ich noch dachte das alles seinen bloss Träume. Aber nachdem Toby mich gerettet hat, hatte ich immer wieder das Gefühl gewisse Dinge schon zu kennen, wie eine ewige Abfolge von Déjà-vus. Toby war mir so vertraut. Ich wusste praktisch alles über ihn und sein Geheimnis. Auch bei dir hatte ich nie irgendwelche Zweifel. Ich hab mich immer sicher gefühlt an eurer Seite. Und statt misstrauisch zu sein, haben Toby und du mir vom ersten Tag an blind vertraut",
Ilan lächelte:" Natürlich haben wir das. Du hast uns praktisch ausgewählt. Du wusstest, dass wir uns gegenseitig brauchen."
Danny senkte reumütig den Blick und meinte:" Ich weiss nicht, ob ich es deswegen getan habe.
Da war plötzlich dieses starke Bedürfnis nach Larea zu gehen. Es schien für mich das einzige zu sein was wichtig war. In Larea kannte ich die Strassen, den Weg zu dir. Mein Unterbewusstsein hat mich geradewegs zu dir geführt. Und du hast mir die Bibliothek und das goldene Auge gezeigt.", erneut traten Tränen in die blauen Augen des Jungen:" Dieses Auge hat mich verändert, Ilan. Meine Träume wurde intensiver und als wir dann beim Karussell waren, konnte ich sie zum ersten Mal wahrnehmen."
„Wen meinst du damit?", Ilan stutze. Er war fasziniert von den Erzählungen des Jungen und wollte alles über dessen Fähigkeiten in Erfahrung bringen.
„ Na, all die Stimmen. Die Menschen aus meinen Träumen. Sie haben mich gerufen", Ein flackern trat in die Augen des Jungen, doch dann besann er sich und schlug die Hände vor die Augen:" Das klingt total verrückt. Ich bin verrückt!„
„Nein, Danny. Du bist alles andere als das", Alan umfasste Dannys Hände und zwang ihn, zu ihm aufzusehen:"Du hast zu Toby gesagt, dass du deine Entscheidungen für euch beide getroffen hast, nicht einfach nur für dich. Du hast Toby auf den richtigen Weg gelenkt, aber du hast ihm immer die Wahl gelassen zu gehen. Und ganz nebenbei hast du mich gefunden. Glaub mir, ohne dich würde ich immer noch den ganzen Tag nichts anderes machen, als Bücher abzustauben."
Danny's vereiste Augen schmolzen langsam und er lächelte erleichtert:" Ich glaube deshalb wollte ich zu dir, weil ich wusste, dass du mich verstehen würdest."
Alan lächelte ebenfalls und seine goldgesprenkelten Augen leuchteten dabei:" Das ein Blauauge nicht einfach durch Zufall bei mir reinspaziert und mein Leben auf den Kopf stellt, habe ich mir schon fast gedacht", er zwinkerte Danny zu.
Danny nickte. Er schien erschöpft:" Ich hätte es Toby sagen müssen. Aber ich war egoistisch und hatte zu viel Angst alles zu verlieren und jetzt ist er weg."
Alan legte die Hand auf Dannys eingefallene Schulter und meinte überzeugt:" Toby kommt zurück. Wir sind doch eine Familie, weisst du noch?"
Danny wandte ihm überrascht den Kopf zu. In seinen Augen sah Ilan das warmherzige, verletzliche Kind, das er mit seinem Leben beschützen würde.
Danny umarmte ihn unvermittelt und flüsterte überwältigt:"Danke!"
Ilan lächelte:" Deine Familie steht immer zu dir, egal was passiert, Danny", liebevoll strich er dem Jungen übers Haar.
Danny löste sich strahlend aus der Umarmung. Er schien nachdenklich:" Weiss du, Toby und du seid nicht die einzigen von denen ich geträumt habe. Deine Geschichte war die erste von dreien, die ich wirklich wahrgenommen habe. Nachdem wir das Karussell besucht haben, habe ich immerzu geträumt und konnte mich zum ersetzen mal auch noch daran erinnern, wenn ich aufgewacht bin."
Danny seufzte:" Ich habe so sehr gehofft, dass wenn ich mich von Toby fern halte, nicht mehr die Kraft habe ihn zu kontrollieren. Aber das Bedürfnis zu fliegen wurde immer nur stärker."
Ilan überlegte:" Ich glaube nicht, dass Distanz bei deinen telepathischen Fähigkeiten eine Rolle spielt. Ich denke, es liegt mehr daran was für eine Bindung du zu einer Person hast. Die enge Beziehung die du zu Toby und mir hast, macht es dir einfach in unsere Erinnerungen einzudringen. Von wem hast du denn noch geträumt, ausser von Toby und mir?"
Danny lächelte leicht:" Nur von einer einzigen weiteren Person. Anfang habe ich auch nicht gewusst wer es ist. Er war mir sehr vertraut, so als ob ich ihn schon lange kenne. Aber es war mir nicht klar, bis...",er brach unvermittelt ab. Sein Blick wurde glasig.
„Was ist los, Danny?", besorgt sass Alan daneben.
Es dauerte eine Weile bis Danny endlich antwortete. Seine Stimme klang dabei voller Furcht:" Sie kommen!"
„Wer kommt, Danny?"
Doch noch ehe Danny antworten konnte, hörte er ein kehliges Rufen und ein Rasseln, wie von Ketten.
Alan reagierte sofort:" Du bleibst hier!", wies er Danny an, während er aufsprang und sich schnellen Schrittes von Danny entfernte. Das Gras war hier sehr hoch und würde Danny hoffentlich genügend Schutz bieten, damit er nicht entdeckt werden würde. Er musste sie bloss von ihm fern halten. Sein Herz schlug heftig in seiner Brust während er nach dem dünnen Holzstab in seiner Hosentasche fasste. Es beruhigte ihn auf eine merkwürdige Weise ihn bei sich zu wissen, obwohl er ihn noch nie benutzt hatte.
Eine kleine Kutsche gezogen von drei geflügelten Pferden, erschien über dem alten Gasthaus und setzte zur Landung auf der Wiese an. Die schweren Ketten mit denen die Pferde eingespannt waren rasselten bedrohlich.
Ein kleiner, muskulöser Mann mit einer riesigen Narbe auf der linken Gesichtshälfte sprang vom Kutschbock und liess erst mal seine gesamten Fingerknöchel knacken, bevor er die Tür der Kutsche öffnete.
Heraus kamen erst drei Schlägertypen, mit kahl geschorenen Köpfen auf denen lauter farbige Tattoos prangten und dann, als Alan schon dachte das wären alle gewesen, kam ein Mann mit hellen blonden Haaren und heller ebenmässiger Haut, der von weitem, wie einer ältere Version von Danny aussah.
Der zupft gelangweilt ein paar Fussel von seinem Sakko, bevor er sich gelassen umsah. Als sein Blick auf Alan fiel, lächelte er selbstgefällig und schlenderte mit ausladenden Schritten auf ihn zu.
Alan erstarrte bei seinem Anblick.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt