46. Kapitel

55 3 0
                                        

Frische, klare Morgenluft flutete seine Lungen. Die Sonne ging gerade über dem Horizont auf. In ein paar Stunden würde es unerträglich heiss sein.
Mit einer ungelenken Bewegung seiner langen Arme strich er sich die hellblonden Haarsträhnen, die ihm schweissnass an der Stirn klebten, aus dem Gesicht. So früh am Morgen war noch keiner der Bauern unterwegs. Er war ganz allein. Seine dünnen, endlos langen Beine trugen ihn in rasantem Tempo über die Felder. Die Kette an seinem Hals, wippte im Takt mit. Ein breites Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Er verlängerte seine Schritte.
Pure Lebensfreude erfasste Danny, durchflutete jede einzelne Zelle seines Körpers. Er war ein achtzehnjähriger, vor Energie strotzender Junge. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Als er hierher kam, war er körperlich am Ende gewesen. Die meisten der Bauern hatten nicht daran geglaubt, dass er überleben würde. Nicht einmal der Fischer der ihn aufgelesen hatte, war davon überzeugt gewesen.
Doch sein unbändiger Lebenswillen, hatte ihn nicht so leicht aufgeben lassen. Inzwischen war er wieder kerngesund, bis auf die Tatsache, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, was vor seinem beinahe Tod gewesen war. Sein gesamtes Gedächtnis war ausgelöscht. Da war keine Familie, keine Freunde. Nicht einmal an seinen Namen konnte er sich erinnern. Alles was ihm geblieben war, waren die Kleider die er getragen hatte, als man ihn fand und eine filigrane Goldkette mit einem kleinen Anhänger, die er nie ablegte.
Der Fischer der ihn einsam und allein auf offener See gefunden hatte, gab ihm den Namen Samuel. Seit dem lebte er bei ihm und half den armen Bauern auf ihren Feldern, um sich seinen Unterhalt zu verdienen.
Lange hatte Samuel keinen Sinn darin gesehen, wieder gesund zu werden. Doch dann war unvermutet ein Name in seinem Gedächtnis aufgetaucht. Anfangs hatte er keine Ahnung gehabt, um wen sich dabei handelte, doch dieser Name hatte ein heftiges Gefühl in ihm ausgelöst. Er hatte angefangen ihn immer wieder leise vor sich hin zu murmeln, aus Angst ihn erneut zu vergessen und langsam war ein Teil seiner Erinnerung zurückgekehrt. Obwohl es nur unsinnige Bruchstücke waren, hatten sie ihm Hoffnung gemacht. Er musste ein Leben vor seinem Unfall gehabt haben.
Seitdem arbeitete er stetig daran, den alten Anderson von seinem Können zu überzeugen. Deshalb rannte er nun auch schon seit längerem, vor Sonnenaufgang um die Felder.
Denn wenn der alte Anderson ihn ausbilden würde, wäre er gewappnet für das was er vorhatte. Dies behauptete zumindest sein bester und möglicherweise auch einziger Freund Mitch.
Samuel wollte hinter die Mauer. Ihm war nicht klar, was genau ihn dazu antrieb. Doch etwas sagte ihm, dass er dahinter all seine Antworten finden würde.
Danny war aufgewühlt und gleichzeitig entschlossen. Aber er war auch verwirrt. Sein Name war nicht Samuel.
Doch wie lautete sein Name stattdessen?
Voller Neugier lauschte er den Stimmen die in seinem Inneren. Sein wahrer Name und seine Identität schienen ganz tief vergraben zu sein, fast so als hätte er sie willentlich vergessen. Er staunte erneut über die unbändige Lebensfreude die er in sich trug. Seine Seele schien zu tanzen und umgarnte alle dunklen Gedanken mit Witz und Charme.
Doch auch wenn sein Humor eine mächtige Waffe zu sein schien, war da dennoch die unüberbrückbare Leere die sein Inneres ausfüllte.
Aber als er versuchte dahinter zu kommen, erhob sich vor ihm plötzlich eine mächtige Mauer. Sie war wie aus dem nichts aufgetaucht. Beissende Kälte ging von ihr aus. Vorsichtig wagte er sich näher an sie heran.
Samuel spürte ein Ziehen in seinem Bauch. Ein Keuchen entfuhr ihm. Er kam aus dem Tritt und musste seine Schritte verlangsamen.
Danny spürte es, liess sich jedoch nicht abhalten. Behutsam legte er die Hand auf die stahlharte Konstruktion. Die Kälte liess seine Finger taub werden. Er konnte Stimmen dahinter vernehmen. Sie schienen ihn zu rufen.
Samuel war auf einmal schwindlig. Er konnte nicht mehr weiterlaufen. Von Krämpfen geschüttelt, umfasste er seine Halskette.
Die Mauer schien unter Dannys Berührung plötzlich Risse zu bekommen. Er konnte die Stimmen nun immer deutlicher vernehmen. Jedoch bemerkte er auch, dass sich Samuels Geist von ihm zu entfernen begann. Ihre Herzen begannen wieder im eigenen Rhythmus zu schlagen.
Samuel war auf dem Feld in die Knie gegangen und stöhnte vor Schmerzen.
Danny wurde aus der Szenerie herausgerissen. Doch kurz davor fand ein Wort den Zugang in seinen Kopf.
Matty.
War dies etwa Samuels wahrer Name?

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt