17. Kapitel

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Alan stieg die Wendeltreppe nach oben. Durch die dicken Vorhänge drang nur wenig Licht. Die Sonne die ohnehin täglich mit den vielen Wolken zu kämpfen hatte, blieb hier meistens aus.
Alan wusste gar nicht mehr, wann der Himmel das letzte mal klar und wolkenlos gewesen war. Es schien ihm Jahre her zu sein.
Er dachte über das Gespräch nach, das er gerade mit dem verletzten Jungen geführt hatte. Der Junge war ihm gegenüber abweisend gewesen, nicht gewillt etwas über sich preiszugeben. Ein verschlossener Bursche. Mit seinen braunen verstrubbelten Haaren und der großen, zu schlechter Haltung neigenden Statur, erinnerte er ihn an sich selbst. In seinen blaugrauen Augen war eine Angst gelegen. Die Angst davor, dass Alan ihm Fragen stellen könnte, die tiefer gingen und die er dann beantworten müsste.
Alan war auf dem Weg zu Danny. Der Liebe Junge hatte Toby nicht mehr von der Seite weichen wollen, seit er von seiner Anwesenheit erfahren hatte. Als hätte er Angst ihn erneut zu verlieren. Alan hatte ihn deswegen ins Bad geschickt, um sich frische Sachen anzuziehen. Somit konnte Toby sich besser ausruhen.
Als er verstohlen durch das Fenster blickte, sah er Danny draußen stehen. Er stutzte und sah genauer hin, tatsächlich, der Kleine besah sich erneut eingehend die Fassade. Alan blieb für einen Moment dastehen um Danny zu beobachten.
Eigentlich war es ja nur ein Junge der ein Bild betrachtete. Doch wenn man genauer hinsah, merkte man wie seine Augen fast verzweifelt nach etwas suchten. Ein Hinweis, etwas von dem er ahnte, dass es da war, aber das er nicht zu fassen bekam.
Alan fasste einen Entschluss. Er drehte sich um und ging die Treppe wieder runter.

Alan trat durch die Tür nach draußen und stellte sich zu Danny. Er sagte nichts, wartete bloß ab.
" Es ist meine Schuld", begann Danny sogleich zu reden. Sein Blick blieb starr auf die Fassade gerichtet.
"Was ist deine Schuld?"
"Das mit Toby. Sein Arm. Alles. Ich wollte unbedingt hierher kommen", seine Stimme zitterte.
"Wohin kommen?", Alan kannte die Antwort. Doch er wollte, dass Danny von sich aus redete. Nichts war schlimmer als Schuld und Sorge in sich reinzufressen.
" Nach Larea. Ich dachte...", er senkte den Blick;" es war eine dumme Idee von mir."
" Was hast du gedacht?"
"Es war nur so ein Gefühl. Ich wollte..."
"Antworten?", beendete Alan den Satz für ihn.
"Ja.", erneut sah Danny auf an die Hauswand;" Sag mir, warum...", er brach entkräftet ab.
Alan sah ihm in die hellblauen Augen und sagte:" Wenn du willst kann ich dir etwas über unsere Welt erzählen, wie sie wirklich ist. Sag mir nur was du wissen möchtest."
"Alles", meinte der Junge und seine sonst so kalten blauen Augen, begannen zu Leuchten.
Alan nickte aufmunternd:" Na dann, komm mit.

Danny folgte ihm auf die Galerie. Das Geländer war an der Stelle unterbrochen, an der der große hölzerne Kasten anknüpfte. Er reichte bis zur Decke. Für Leute die nicht wussten was seine Funktion war, konnte der Kasten sehr verwirrend sein.
"Bestimmt hast du dich schon gefragt, wo sich hier im Haus die Bibliothek befindet, von der ich dir erzählt habe ", er drückte auf einen Knopf an dem hölzernen Kasten.
Danny nickte.
Alan schmunzelte:" So geht es vielen. Weißt du, unser Haus ist zwar groß, doch für die Bibliothek wäre hier oben trotzdem niemals genügend Platzt."
Ein kurzes Klingeln kam von dem hölzernen Kasten.
Dannys Augen begannen zu leuchten:" Ein Lift", meinte er ehrfürchtig, als sei dies etwas Wunderbares.
Alan nickte.
Die Türen schwangen zur Seite. Alan trat ein. Noch etwas scheu, jedoch voller Neugier, folgte Danny.
Als der Lift sich ruckelnd in Bewegung setzte, fasste Danny verschreckt nach der Haltestange.
Um sie die dunklen Wände des Holzkastens.
Bedacht versuchte Danny ohne fremde Hilfe zu stehen, suchte sein Gleichgewicht. Er torkelte, ging in die Knie, bekam ein Gefühl für sein eigenes Körpergewicht. Als er schließ frei Stand, geschah es.
Sie drangen durch den Boden, hinunter ins Kellergewölbe. Hier unten, befand sich die Bibliothek, die Alan über alles liebte. Doch sie bestand nicht etwa nur aus ein paar Regalen. Im Gegenteil, sie war gigantisch. Manch einer hatte schon behauptet die Bibliothek sei größer als Larea selber.
Der Lift war rundherum verglast und sie schwebten direkt über dem Labyrinth aus Regalen. Auf den Steinfelsen, die man stehen gelassen hatte, waren Plattformen errichtet worden. Darauf befanden sich gemütliche Sitzgelegenheiten und kleine Cafés. Verbunden wurden sie jeweils durch Hängebrücken.
Dannys Augen wurden groß. Ehrfurchtsvoll legte er die Hände an die Scheibe und blickte hinaus. Alan war glücklich das es ihm gefiel.
Für ihn selber, war es als Kind das Paradies gewesen.
Unter ächzen kam der Lift am Rande einer der Plattformen zu stehen.
Atemlos blickte Danny zu ihm auf.
Alan wies mit einem freundlichen Nicken zum Ausgang:" Geh ruhig vor."
Beinahe andächtig setzte Danny einen Fuß auf die Plattform. Aufmerksam blickte er sich um. Es war eine der größten Plattformen. Alte abgewetzte Ohrensessel und plüschige Sofas standen herum. Der kalte Steinboden wurde von meterlangen Teppichen bedeckt. Hier, hatten die Leute früher ihren Kaffe geschlürft, jeder einen Stapel Bücher vor sich auf dem Beistelltisch.
Alan konnte beobachten, wie Danny erwartungsvoll an die, aus Stein gemeißelte, Brüstung trat. Er gesellte sich zu ihm.
"Es ist fantastisch", ein strahlen erhellte sein Gesicht.
" Ja, das ist es. Hier liegt das Wissen von Generation vor", Alan machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm.
" Hast du sie alle gelesen?"
Alan musste lachen:" Das könnte ich nicht, auch wenn ich es gern würde. Es sind einfach zu viele. Aber das ist okay. Ich habe schon eine Menge davon gelesen".
Es war noch nicht lange her, da hatte er hier unten ziemlich viel Zeit verbracht.
"Gehört das hier alles deiner Familie?", bewundernd sah er ihn an.
"Nein. Die Bibliothek gehört niemandem. Sie ist für alle offen. Seit Jahren bringen Leute ihre Bücher hierher, damit auch andere an ihnen Freude haben können."
" Ist es das, was du mir zeigen wolltest?"
"Ein Teil davon. Das was ich dir zeigen will, liegt weiter draußen", Alan musste unwillkürlich grinsen;" Bist du schon mal auf einem Besen geflogen?"
Dannys Mund formte ein O;" Nein."
" Dann wird es aber Zeit."

Alan blickte über die Schulter. Danny sass noch etwas wackelig auf dem dünnen Stiel. Doch keinerlei Angst überschattete seine feinen Gesichtszüge. Der Kleine grinste von einem Ohr zum anderen. Alan flog möglichst langsam um ihn nicht zu überfordern. Aber es dauerte nicht lange, da brauste Danny an ihm vorbei und flog übermütig um ihn herum. Es war das erste Mal, dass Alan ihn so ausgelassen sah. Endlich verhielt er sich wie ein Kind, nicht wie ein Erwachsener.
Um schroffe Felswände, unter Hängebrücken und über zig Regale flogen sie. Bis vor ihnen eine schwache Lichtsäule, aus all den Regalen aufragte. Die Decke war an dieser Stelle verglast und die Sonne schickte vereinzelte ihre Strahlen durch das völlig verstaubte Fenster. Fünf grosse Regale standen einzeln um die Lichtsäule herum, bildeten einen Kreis.
Es lag eingebettet in diesem Kreis, direkt unter der fahlen Lichtsäule. Ein gigantisches goldenes Auge. Seine Iris, bestehend aus einem speziellen Stein hatte früher, als Alan noch jung gewesen war das Sonnenlicht aufgefangen, gespeichert und sogar noch verstärkt. Die goldene Iris war es gewesen, die Larea den Namen Leuchtende Stadt eingebracht hatte. Doch das leuchten war nun verschwunden. Zurückgeblieben, war bloss eine dicke Staubschicht. Die Pupille lag tiefschwarz mittendrin.
Vorsichtig landeten Alan und Danny daneben.
Alan beobachtete Danny aus dem Augenwinkel. Etwas war anders als sonst.
Gebannt legte der kleine seinen Besen nieder, ohne nur einmal seinen Blick, von dem goldenen Auge zu nehmen. Langsam trat er vor. Das Auge schien ihn magisch anzuziehen. Vor dem goldenen Kreis, der das Auge umgab und der das Sonnenlicht darstellen sollte, blieb er stehen. Er blickte zurück zu Alan, als wollte er ihn um Erlaubnis bitten.
Alan nickte gutmütig.
Danny schritt in den Kreis, auf den Lichtstrahl zu. Alan konnte seine verkrampften Schultern sehen. Er war selbst angespannt. Er spürte die elektrisch geladene Energie. Mit jedem Schritte Dannys, schien sie stärker zu werden.
"Was ist los Danny?"
Als er in den Lichtstrahl trat, drehte Danny sich zu ihm um. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen:" Es fühlt sich an wie...", brachte er noch heraus. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Alan konnte seine Augen sehen. Apathisch schauten sie starr geradeaus, fixierten einen Punkt der nicht existierte. Als würde hinter ihnen ein Film ablaufen, von dem niemand etwas ahnte.
Plötzlich, drangen einzelne Lichtstrahlen von unten herauf. In der dumpfen Iris, entstanden funkelnde Risse. Danny stand stocksteif da, während das Licht unter ihm immer heller wurde.
Dann plötzlich war es, als schlage ein Blitz ein. Alan musste die Augen zukneifen, ob der blendenden Helligkeit. Die Energiewelle die folgte, riss ihn von den Füssen. Goldene Funken, stoben umher. Als es ihm wieder möglich war, die Augen zu öffnen, konnte er erst nicht glauben was er sah. Die goldene Iris, war zu neuem Leben erwacht und dies heller und mächtiger, als zuvor.
Mittendrin in dem goldenen Strahl, befand sich Danny. Der Junge schwebte mehr, als dass er stand. Doch viel erschreckender war, was mit seinen Augen passierte. Das kalte blau war vollständig verschwunden, stattdessen glühten sie in strahlendem Gold. Aus dem ganzen Körper Dannys, schien goldenes Licht zu fliessen. Fast so, als wäre er es, der den Lichtstrahl nährte.
Der Junge stand da wie eingefroren, bewegte sich kein Stück. Sein dünnen Haare leuchteten im Licht und seine sonst blasse Haut, schien rein und ebenmässig.
Das Spektakel, schien eine Ewigkeit anzudauern. Dann kippte Danny plötzlich um.  Mit ihm riss auch der Lichtstrahl ab.
Alan eilte zu ihm hin, kniete sich neben ihn:" Alles okay?"
Danny richtete sich bereits wieder auf. Er blinzelt, als verwunderte es ihn, dass Alan plötzlich neben ihm war:" Ja, es war nicht schlimm. Im Gegenteil, es hat sich angefühlt...", er suchte nach den richtigen Worten.
" Wie?"
Danny lächelte zu ihm auf:" Es hat sich angefühlt, als wär ich zuhause", seine Eisblauen Augen blickten zu ihm auf, als wäre nie etwas geschehen.

Bloody Legend - ColdbloodGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt