„Danny! Danny, wach auf!", sachte rüttelte Ilan an der Schulter des zarten, blonden Jungen.
Danny öffnete seine schönen Augen und sah in wachsam an:"Was ist denn?"
Ilan lächelte:" Ich wollte mir den Sonnenuntergang ansehen. Möchtest du mitkommen?"
Danny nickte begeistert. Seine Augen funkelten.
„Na dann, komm mit", Ilan führte Danny von ihrem Rastplatz weg.
Danny hielt kurz inne:" Warte! Was ist mit Toby?", fragte er mit Blick zurück auf den braunhaarigen Jungen der im Schlaf selig schnarchte.
„Ich glaube Toby ist froh, wenn er ausnahmsweise mal von allen Aufregungen verschont wird. Lassen wir ihn schlafen", Ilan ging weiter.
Danny folgte ihm.
„Wo gehen wir denn hin?", seine Augen gingen hinauf zum Geäst, das ein dichtes dunkles Dach über ihnen bildete.
Ilan drehte sich zu ihm um und meinte heiter:"Nicht weit weg jedenfalls", er zeigte auf einen Ast der sich von hinten an Danny angeschlichen hatte und sich jetzt behutsam um seine Taille wand.
Der Junge kicherte.
Ilan's goldene Augen folgten ihm lächelnd nach, als der Ast ihn vorsichtig hochhob.
Gleich darauf wurde auch er von einem Ast umschlungen und hinaufgezogen.
Die Äste trugen sie immer höher hinauf, vorbei an all den hell leuchtenden Kugeln. Es war ein langer Weg. Die Kugeln wurden immer weniger und irgendwann waren sie von Dunkelheit umgeben, bis sie schliesslich durch das dichte Blätterwerk brachen. Hoch oben in der Baumkrone empfing sie das strahlende Sonnenlicht und die unerträgliche Hitze, vor der sie die letzten Tage verschont geblieben waren.
Der Ausblick war atemberaubend. Der Baum ragte über allen anderen auf, doch trotzdem war es ihnen nicht möglich das Ende des Waldes auszumachen. Rundherum erstreckte sich ein endloses Meer aus Bäumen. Aus den tiefen des Waldes erhoben sich Vögel und flogen über ihre Köpfe hinweg. Weit im Norden konnte man in der Ferne die kargen Berggipfel des Brendetten Gebirges ausmachen, die aufgrund der beständigen Hitze ihre Schneedecke eingebüsst hatten.
Ilan setzte sich neben Danny auf einen der Äste. Die Augen des Jungen leuchteten voller Bewunderung.
„Es ist faszinierend, nicht?", meine Ilan lächelnd.
„Es ist faszinierend, dass es in Wirklichkeit existiert und nicht bloss in meinen Träumen", erwiderte Danny beeindruckt.
Ilan schmunzelte und zeigte auf einen Punkt der vor ihnen lag:" Siehst du? Dort wollen wir hin. Dort liegt die grosse Mauer."
„Die grosse Mauer", wiederholte Danny andächtig. Dann fragte er neugierig:" Gibt es denn mehrere Mauern?"
Ilan nickte:" Ja, eine davon schützt die Bewohner Haneyras vor den Vollblütern. Eine andere verhindert, dass die grauen Halbblüter Pesteinah verlassen können. Auf der hellen Seite verläuft ebenfalls eine um das Gebiet der Meerjungfrauen. Aber die grosse Mauer ist mit Abstand die mächtigste von allen. Sie teilt das gesamte Land in zwei Hälften."
„Und du meinst wir können sie einfach passieren?"
„Also ich bin mir nicht sicher aber ich vermute, dass all die Mauern langsam an Kraft verlieren und somit immer durchlässiger werden."
„Woher willst du das wissen?"fragte Danny aufmerksam.
Ilan räusperte sich ertappt:" Na ja, ich hab vor längerem irgendwo aufgeschnappt, dass die Mauern bald einmal fallen sollen", er konnte sich noch lebhaft an die Nacht erinnern, als Danny im Schlaf davon geredet hatte. Er war sich inzwischen sicher, dass der Junge damals eine Voraussage für die Zukunft gemacht hatte. Obwohl ihm nicht klar war, woher der arglose Junge davon wissen sollte.
„Aber wie soll das gehen? Die Mauern sind doch unzerstörbar, nicht?"
„Oh nein, alles das einmal erschaffen wurde, kann auch wieder zerstört werden. Man kann sie beispielsweise zum Einsturz bringen, wenn man alle Ketten der Mauergründer vernichtet, aber es sind viele und sie sind gut behütet. Allerdings wäre es für jemanden der übermächtige Kräfte besitzt bestimmt möglich die Mauer auch anderweitig zu schwächen", er war Danny einen kurzen Seitenblick zu, doch der schien es nicht zu bemerken.
„Wer hat die Mauern eigentlich erschaffen?"Danny begann unmerklich mit den Füssen zu wippen.
Ilan lächelte stolz:"Soweit ich weiss, wurden alle Mauern von aussergewöhnlichen Zauberern erschaffen. Die Ketten der Mauergründer bündelten den Bann um zu verhindern, dass er nach dem Tod der jeweiligen Zauberer vergeht."
Nachdenklich blickte Danny in Richtung der grossen Mauer:" Ich kann nicht verstehen, weshalb die Menschen Mauern bauen, um sich zu schützen. Sie schliessen sich damit doch nur selbst ein."
„Die Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie sich gegen aussen Abgrenzen", antwortete Ilan entspannt.
„Aber sie verpassen damit doch all das schöne, das ausserhalb ihrer Mauern liegt."
„Tja, leider ist die Angst meistens stärker", Ilan hatte diese Angst selbst auch schon erlebt. Eigentlich hatte er vorgehabt sein Haus in Larea nie wieder zu verlassen. Doch als er jetzt in Danny's intelligente, weltoffene Augen sah, konnte er sich das überhaupt nicht mehr vorstellen. Der Junge hatte ihm die Augen geöffnet.
Die untergehende Sonne tauchte den Himmel langsam in ein Meer aus gelb und rosa.
„Ich habe Angst, Ilan", sagte Danny unvermittelt und riss Ilan aus seinen Gedanken.
Ilan stutzte:" Angst? Wovor?"
„Davor was passiert wenn wir auf der anderen Seite und in Haneyra angekommen sind. Was wird uns erwarten? Ich möchte euch nicht verlieren", Danny's Stimme schien von weit her zu kommen, als er das sagte.
Ilan griff Danny's feingliedrige Hand:" Du wirst uns nicht verlieren, Danny. Ich hab dir doch damals das Versprechen gegeben, dass ich alles tun werde um dich und Toby zu beschützen, weisst du noch? In Haneyra werden wir uns gemeinsam auf die Suche nach Antworten begeben."
Danny schien nicht überzeugt. Er nickte halbherzig.
Ilan betrachtete sein feines Gesicht, das gedankenverloren in die Ferne blickte. Der Junge schien innerlich zerrissen.
Ilan hätte nur zu gern verstanden, was in ihm vorging.
„Möchtest du mir noch erzählen, wer dieser dritte Junge ist von dem du immer träumst? Ich bin neugierig.", fragte er gespannt.
Danny blinzelte. Er überlegte kurz bevor er meinte:" Niemand besonderes. Ich glaube nicht das er eine grosse Rolle spielt."
Ilan wusste sofort das Danny log, doch er sagte nichts dazu. Dannys Träume gehörten ihm nicht.
Erschöpft lehnte der Junge seinen Kopf an Ilans Schulter:" Meinst du man kann sich seine Familie wirklich selbst aussuchen?"
Ilan lachte, ob seiner Ernsthaftigkeit:" Natürlich, Danny. Das hast du doch mit Toby und mir auch getan."
„Und wie merke ich, das jemand zur Familie gehört?"
Ilan zog verwundert die Augenbrauen hoch. Weshalb wollte Danny das wissen?
Er überlegte kurz bevor antwortete:" Na ja, du fühlst dich bei der Person geborgen und kannst ihr vertrauen. Sie bringt dich zum Lachen aber manchmal auch zum weinen", er lächelte, als sich der Gedanke an eine ganz bestimmte Person in seine Gedanken schob. Er erinnerte sich an ihr ansteckendes Lachen und ihre scheuen Lilafarbenen Augen, an die er sein Herz verloren hatte:" Ganz egal wo ihr seid, mit ihr fühlt es sich immer an, wie zuhause. Alles was du möchtest ist, dass es ihr gut geht. Dafür würdest du alles tun."
„Das hört sich schön an", Danny klang nun plötzlich beruhigt. Er lächelte.
Wortlos sahen sie sich den Sonnenuntergang an. Ilan gefiel die Idee einer eigenen Familie, bestehend aus all den Menschen die ihm etwas bedeuteten. Seine goldenen Augen reflektierten die letzten Sonnenstrahlen, während die Vorstellung in seinem Kopf gestalt annahm.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
