Toby hob seinen Kopf. Sein Nacken fühlte sich steif an vom ständigen hinabblicken. Ein sanfter Wind fuhr durch die Blätter des Baumes. Es gab keinen besseren Platz zum lesen. Der Baum war nicht besonders hoch, doch er besaß eine Mulde, in der man es sich bequem machen konnte. Ihm gegenüber war Danny immer noch tief in sein Buch vertieft. Seine blonden Haare vielen ihm ins Gesicht. Ab und an strich er sie beiseite. Ein paar Monate waren vergangen seit er den Jungen gerettet hatte und immer noch, waren ihm die Kleider die er trug viel zu groß. Aber inzwischen hatte er sowohl lesen, als auch schreiben gelernt. Jetzt verschlang er jedes Buch das in seine Nähe kam.
Immer noch war es Toby ein Rätsel, was seine Mutter dazu bewogen hatte, Danny bei Ihnen aufzunehmen. Er war beinahe sicher gewesen sie würde ihn abschieben. Doch jetzt behandelte sie ihn bereits wie ihren eigenen Sohn.
Obwohl er nicht verstand woher ihr plötzlicher Sinneswandel kam, war er darüber mehr als dankbar. In Danny hatte er mehr gefunden als einen Freund, vielmehr war er sein Bruder. Danny schlief seit der ersten Nacht bei ihm im Zimmer. Zwar hatte er jetzt sein eigenes Bett, doch blieben sie nachts noch lange wach und redeten über alles mögliche.
Über alles, außer über dass was damals passiert war, als er ihn vor dem lebendig gewordenen Baum gerettet hatte. Keiner von ihnen, hatte diesen Abend je mit einem Wort erwähnt. Danny stellte ihm keine Fragen und Toby war darüber äußerst froh. Es war wie ein stilles Abkommen zwischen ihnen.
Danny musste bemerkt haben dass er ihn anstarrte, denn er hob ebenfalls den Kopf:"Was ist?"
" Ach nichts"Toby schaute woanders hin.
Danny folgte seinem Blick. Das Tal lag unberührt unter ihnen. Langsam stieg die Sonne immer höher.
" Ich schaue es mir, seit ich klein bin, jeden Tag an und trotzdem bekomme ich nicht genug davon. Ist das nicht komisch?", er erwartete eigentlich gar keine Antwort.
"Vielleicht, weil es dass ist nachdem du dich am meisten sehnst" sagte Danny nachdenklich.
Er schaute Danny verwundert an:"Ach echt? Woher willst du das denn wissen?"
"Ich kann es dir ansehen", Danny lächelte scheu.
Toby merkte wie er rot anlief. So schlimm war es bestimmt nicht. Es gefiel ihm halt einfach. Er wand sich innerlich unter Dannys stetem Blick. Seine Augen waren oftmals durchdringend.
Eine Weile sagte niemand etwas. Das Buch rutschte Danny von den Beinen, als er sich schließlich abrupt aufrichtete. Er wischte sich die Hände an der Hose und drehte sich dann ab. Toby beobachtete, wie er nach einem höher gelegenen Ast griff und sich daran hochzog.
"Was machst du da?", fragte er.
"Ich will weiter nach oben" sagte der Junge bestimmt.
Danny kletterte unaufhaltsam weiter. Toby hielt das für keine gute Idee. Der Baum war schon älter, der konnte vielleicht nicht mal mehr so ein Fliegengewicht wie Danny tragen.
"Komm besser wieder runter", er stand jetzt ebenfalls auf.
"Wieso denn?", Danny ließ sich nicht einschüchtern . Er war schon fast ganz oben.;"Mir passiert schon nichts."
Geschockt sah Toby mit an, wie Danny auf die Äste kletterte, die über den Rand der Klippe hingen.
"Spinnst du. Komm sofort da runter!", hilflos stand Toby daneben.
"Ach was. Ich fühl mich super. So frei wie ein Vogel." Der Junge streckte doch tatsächlich seine Hände aus.
Toby wusste nicht was er tuen sollte. Aber bevor er daran einen einzigen Gedanken verschwenden konnte, brach der Ast unter Danny mit einem grässlichen Knacken ab.
Toby schloss die Augen, für eine Sekunde, zwei, drei. Er wollte nicht sehen was als nächstes passierte.
" Toby, es ist alles okay. Du kannst die Augen jetzt wieder aufmachen?" Jemand berührte ihn leicht an der Schulter.
"Danny?" Er schlug die Augen auf.
"Ja", die Stimme klang entschuldigend und tatsächlich, Danny sass neben ihm auf der Terrasse, vollkommen unversehrt.
"Verdammt Danny. Was sollte dass. Du hättest sterben können?"er wollte noch mehr sagen, doch sein Atem ging schwer.
Nach einer langen Pause, in der sich Tobys Puls langsam wieder beruhigte, fragte Danny:"Das Tier, welches du bist. Was ist das für eins?"
Toby schnappte erneut nach Luft. Perplex starrte er Danny an. Der schien es anscheinend ernst zu meinen.
" Ein Vogel", brachte er schlussendlich hervor.
"Ja, aber was für einer?"
"Ein Falke", gab er widerwillig zu.
"Das ist merkwürdig. Denn, du siehst zwar aus wie ein Falke, bist dafür aber viel zu groß. Außerdem, wäre ein kleiner Falke niemals in der Lage, mich zu tragen."
Toby schnaubte. Wozu fragte der kleine Besserwisser ihn, wenn er es selber doch am besten wusste? Doch er sagte nichts. Er hatte ja auch keine Ahnung. Die gleichen Fragen, hatte er sich selbst bereits schon oft gestellt.
Wieder sagte niemand etwas.
"Du hast dich seit dem Vorfall nie mehr verwandelt", brach Danny schließlich das schweigen.
" Manchmal, verwandle ich mich ein ganzes Jahr nicht", grummelte er.
"Wirklich?"
"Wenn ich es schaffe, ja." Toby seufzte.
"Ist dass denn schwierig?." Dannys Neugier verwirrte ihn. Er hatte immer gedacht, alle würden ihn dafür verachten. Doch Danny zeigte keinerlei Abneigung.
"Ja, ich kann es nicht immer kontrollieren. Manchmal kontrolliert es eher mich", erschöpft liess er sich auf den Rücken fallen.
"Wie eben als du mich gerettet hast. Du warst dir dessen gar nicht richtig bewusst."
Er schaute Danny misstrauisch von der Seite her an:" Hast du gar keine Angst vor mir?"
Danny legte den Kopf auf seinen Bauch:"Hast du denn Angst vor mir?"
"Nein", die Frage irritierte ihn.
"Wieso sollte ich dann Angst vor dir haben."
Entwaffnet blieb Toby eine Zeit lang still liegen. Bei jedem seiner Atemzüge, bewegte sich Dannys Kopf ein Stück aufwärts.
"Trotzdem solltest du es vergessen", sagte er irgendwann.
"Du denkst es ist ein Fluch oder?"
"Ist es auch", das war schlicht und einfach die Wahrheit.
"Hat dir dass deine Mutter gesagt."
Toby fühlte sich ertappt. Er war froh dass Danny sein Gesicht nicht sehen konnte. Schnell wechselte er dass Thema:"Kein Wunder da meine Mutter dich mag. Du bist der perfekte Sohn."
"Sie kann auch froh sein, dich als Sohn zu haben."
"Ich bezweifle, dass sie das ist." Er schaffte es nicht spöttisch zu klingen. Seine Stimme war eher traurig.
"Wieso nicht?"
"Weil ich eine Gefahr bin. Wenn jemand erfährt dass ich anders bin, dann töten Sie uns."
Niemand sagte etwas. Toby starrte in den Himmel. Hing seinen Gedanken nach, verwundert darüber dass Danny ihn weiterhin normal behandelte. Er redete sogar mit ihm darüber, als wäre es alltäglich.
"Hast du es von deinem Vater geerbt?", durchbrach Dannys helle, klare Stimme wieder das Schweigen.
"Ja", erneut fragte er sich, woher der Junge das nun wieder wusste.
"Lebt er noch?"
"Nein", er konnte nicht verhindern dass seine Stimme brach.
"Weißt du, was für ein Tier er war?", Dannys Stimme war die ganze Zeit keineswegs vorderen gewesen. Sie lud ihn eher dazu ein zu erzählen, falls er wollte.
"Er war ein Adler. Das ist so ziemlich das einzige was ich von ihm weiß. Er ist gestorben als ich drei Jahre alt war."", meinte er tonlos.
Als Danny nicht antwortete dachte er schon der Kleine wäre eingeschlafen. Doch dann sagte eine dünne Stimme:" Ich weiß nichts von meinen Eltern."
Danny tat Toby in dem Moment unendlich leid. Ihm viel auf dass er praktisch nichts von Danny wusste. Doch er war nicht gut darin persönliche Fragen zu stellen, also schwieg er lieber.
„Toby?", Dannys melodische Stimme drang leise an sein Ohr: "Ich würde gerne mal in die Stadt gehen".
„Runter, in die Stadt?" Toby richtete sich auf.
"Ja, ich bin neugierig wie es da unten so ist."
„Das geht nicht, Danny. Meine Mutter würde es nie erlauben."
„Sie müsste es ja auch nicht erfahren", sagte der Junge zu seiner grossen Überraschung.
Er sah ihn die hellen, blauen Augen die ihn voller Hoffnung ansahen. Im Haus hörte er die Haustür zuschlagen. Seine Mutter war wohl fertig mit der Gartenarbeit. In letzter Zeit ging arbeitete sie auffällig oft im Garten.
„Ich überleg es mir, okay?", meinte er abwehrend.
Als Danny nickte und aufstand, um seiner Mutter im Haus behilflich zu sein, blieb Toby noch eine Weile sitzen. Er erinnerte sich daran wie er als kleiner Junge immer davon geträumt hatte hinunter in die Stadt zu gehen. Ein Wunsch der immer unerfüllt geblieben war. Schließlich folgte er Danny.
Als sie dann Abends in ihren Betten lagen und der Mond zum Fenster hineinschien, wollte sich Danny schon abdrehen um zu schlafen. Doch Toby musste ihn einfach zurück halten. Er hatte lange darüber nachgedacht.
"Ich fand dass gar keine schlechte Idee, in die Stadt zu gehen."
"Ehrlich?", Danny drehte sich wieder um.
Toby biss sich auf die Lippen. Jetzt musste er auch fortfahren:" Ja. So weit ist sie ja nicht entfernt. Wir könnten einen Tagesausflug machen. Meine Mutter würde davon gar nichts mitbekommen."
"Bist du dir ganz sicher?"
"Klar", er versuchte so sicher wie möglich zu klingen. Aber in Wahrheit hätte er die Worte lieber wieder zurückgenommen.
"Toll. Aber ich denke morgen ist ein bisschen kurzfristig, oder? Besser wir verschieben es. Was meinst du?"
Toby brauchte ein paar Sekunden um zu begreifen was Danny meinte. Er hatte keineswegs schon morgen aufbrechen wollen. Er selbst hatte eher so an die nächsten sechs Wochen gedacht. Vielleicht wäre das ganze bis dahin schon vergessen gewesen:" Ähm...ja ich denke, dass wäre besser so."
"Gut. Was hältst du von drei Tagen. Das sollte doch reichen?".
"Ja. Klingt toll", presste Toby hervor.
Jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Danny war bereits begeistert von der Vorstellung. Und hatte er selbst nicht auch schon immer die strahlende Stadt sehen wollen.
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Bloody Legend - Coldblood
FantasyDanny, der intelligente Junge mit den Eisblauen Augen. Toby, der Junge der fliegen könnte, wenn er wollte. Ilan, der mit jedem Pinselstrich vergangenes verarbeitet. Ihre Begegnung wird alles verändern. Der neunjährige Danny wächst abgeschottet von d...
